Allgemeine Berichte | 14.06.2017

Herzklopfen „on Stage“ im Stadttheater

Mit Gedichten groß werden

Insgesamt 23 junge Preisträger des Rheinbacher Lyrik-Wettbewerbs präsentierten vor 180 Besuchern ihre Werke

Zum Finale stimmte Philipp Weber für alle Teilnehmer „Wir sind groß“ an.privat

Rheinbach. „Auf dieser Bühne kann keiner von links nach rechts gehen, ohne Applaus zu bekommen. Die alten Bretter hier knarren sonst zu laut“, erklärte Julius Esser (27) dem Publikum so ernsthaft wie möglich. Selbiges gehorchte zurückhaltend, aber nach einer Wiederholung klappte es dann mit dem geforderten „tosenden, donnernden Klatschen“.

Der Poetry-Slammer, der die Gedichte-Gala zusammen mit SGR-Schülersprecherin Mara Kuprat (17) locker und zugleich würdig moderierte, machte den Preisträgern der Altersgruppe I (bis zwölf Jahre) vor, wie man zum Mikrofon geht, den Applaus und die anschließende Stille abwartet, um sein Gedicht zu sprechen. In seinem Fall war es ein humorvoller Sechszeiler über das Flussbett des Rheins, das bei Ebay zum Verkauf angeboten wird.

Über 200 Gedichte in drei Wochen

Die beiden jüngsten Preisträgerinnen Clara Rosenbrock und Emely Bures (acht und neun Jahre) von der Grundschule St. Martin taten es ihm nach und trugen

selbstbewusst vor, wofür ihr Herz schlägt. Schlussstrophe: „Fußball – meine Leidenschaft / Fußball – das, was zu mir passt / Fußball – ohne geht es nicht / Fußball – für dich dies Gedicht“.

Das anschließende Überreichen eines Einkaufsgutscheins (Buchhandlung Kayser und Büromarkt Engler) als Preis übernahm der Schirmherr des Herzklopfen-Projekts, Rheinbachs Bürgermeister Stefan Raetz, persönlich. Er erinnerte an die drei Wochen, in denen die weit über 200 Gedichte von Schülerinnen und Schülern bis 22 Jahre in rund 140 Schaufenstern von Geschäften und Institutionen der Innenstadt ausgestellt waren: „Als Bürgermeister bin ich stolz auf Euch und froh, auf ganz spezielle Art zu erfahren, was Euch beschäftigt.“

Von Freundschaft und Papierdrachen

Die Vielfalt der Themen und die unterschiedlichen Persönlichkeiten ihrer Verfasser waren es dann auch, die den Reiz des Abends

ausmachten. Simon Lang (11) vom Städtischen Gymnasium (SGR) bekam den ersten Platz der Jury mit einem Gedicht über Freundschaft und teilte ihn sich mit Javid Farhumand (10) von der Grundschule Sürster Weg, der in seinem Gedicht „Drachenangst“ höchst kunstvoll über die unterschiedlichen Drachen sprach: „Ich habe Angst vor Drachen / sie sind’s ein wild Getier […] Ich liebe Drachen, wirklich, sind sie nur aus Papier. […]“

Auch in der Altersgruppe II (13 bis 15 Jahre) war die Qualität hoch, die Inhalte veränderten sich, und nun gaben die Mädchen den zunehmend leidenschaftlichen Ton an. Die Preise übergaben hier die Jury-Mitglieder Daniela Hahn, Leiterin der Öffentlichen Bücherei St. Martin, und der Inhaber der Buchhandlung Kayser, Christoph Ahrweiler.

Amy Briesemann (14), Neuntklässlerin vom Sankt-Joseph-Gymnasium, erreichte die ersten drei Plätze in der Publikumswertung. Sie begann beispielsweise einen Text mit dem kraftvollen Satz: „Und wenn du nicht mehr schwimmen kannst, dann schwimm ich für uns beide …“

Von einer Slam-Poetin inspiriert

Sophia Olbrich (13, SJG) nahm zudem den Sonderpreis der Buchhandlung Kayser entgegen – für einen eindrucksvoll gesprochenen Text über ihre Liebe zu Büchern und der Buchhandlung: „Ich werde kommen und euch lesen, Buch für Buch.“

Einer der Höhepunkte des Abends war der Auftritt der Jury-Ersten Lara Schmidt (15) vom Städtischen Gymnasium. Sie hatte sich von der Slam-Poetin Julia Engelmann inspirieren lassen und sprach ihren Text in dem für Slam-Poetry typischen zeilenbrechenden Rhythmus. Kostprobe: „[…] und ich gehe nach vorne, aber schaue zurück, und ich weiß doch so viel, wieso nichts über Glück?“

Das altersmäßig bunt gemischte Publikum ging voll mit. Immer wieder wechselte konzentrierte Stille beim Zuhören mit frenetischem Jubel. Die so Geehrten strahlten vor Glück. Gut möglich, dass Lara mit ihrem Auftritt wiederum jüngere Teilnehmer und Besucher zum Schreiben und gekonnten Performen anregen wird.

Auf welchem Weg man zum Schreiben kommt, darüber wurde in den kurzen Interviewrunden mehrfach gesprochen. Öfter fiel der Satz: „Unsere Deutschlehrerin wollte, dass wir im Unterricht ein Gedicht schreiben …“ Julius Esser kommentierte: „Na, da scheint der ja gar nicht so schlecht zu sein …“

Gänsehautmomente

In der Altersgruppe III teilten sich drei junge Frauen vom Städtischen Gymnasium die Preise. Überreicht wurden sie diesmal von Kulturamtsleiterin Dr. Ruth Fabritius, Jury-Mitglied und Mitveranstalterin, sowie Autorin Heidi Möhker aus dem Herzklopfen-Team von Rheinbach liest. Nurhan Yorulmaz (17) mit „Die Mutter Syriens“ gewann den Publikumspreis und den zweiten Platz der Jury-Wertung. Paula Rosenthal (17), dritter Platz der Jury, trug ihren bewegenden Text „Der Farbtupfer und ich“ über unerwiderte Zuneigung so gekonnt und gleichzeitig authentisch vor, dass ein weiterer Gänsehautmoment entstand. Nora König (18), frischgebackene Abiturientin, schaffte das Kunststück, mit ihren drei eingesandten Gedichten den fünften, zweiten und ersten Platz der Jury zu belegen.

Sie ist wie Paula schon mehrfach bei der TextProbe von Rheinbach liest gewesen und konnte auf einen reichen Fundus eigener Lyrik zurückgreifen.

Dass ihr Gedicht „Freundschaft“ den ersten Preis der Jury bekam, damit überraschte Mara Kuprat sie auf der Bühne.

Viel Musik rundete den Abend ab

Bunt machten den Abend auch die fremdsprachigen Gedichte (erster Platz für „Spring“, Marie Wagenfeld, 15) sowie das Rahmenprogramm mit einer rasanten Aufführung der Zirkus-AG des SGR und viel Musik, darunter ein Gesangssolo von Hannah Grüne, begleitet von Franziska Blitsch am Klavier, der erst elfjährige Florian Plücker mit einer eindrucksvollen Klavierimprovisation und der Kinderchor der Musikschule Voreifel unter Leitung von Dorothea Finke mit stimmlicher Verstärkung aus der KGS Merzbach.

Als Philipp Weber (22) gegen 20.30 Uhr für alle Teilnehmer auf der Bühne Marc Fosters „Wir sind groß“ sang, traf er bei den glücklichen Kindern und Jugendlichen genau das vorherrschende Gefühl. RL-Vorsitzende Monika Flieger ermutigte sie: „Schreibt bitte weiter!“ – und kündigte in ihren Dankesworten noch die Erstellung der Preisträger-Broschüre an, für die trotz einer Spende der Kreissparkasse Köln „noch ein bisschen Geld“ gebraucht werde. Infos zu Herzklopfen und allen Preisträgern gibt es auf rheinbach-liest.de.

Pressemitteilung

Rheinbach liest e.V.

Mit Gedichten groß werden

Mit Gedichten groß werden

Zum Finale stimmte Philipp Weber für alle Teilnehmer „Wir sind groß“ an.Fotos: privat

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