Allgemeine Berichte | 31.01.2020

Jason (14) ist preisgekrönter Autor, Wissenschaftler und Autist

Mit der Wahrheit wird nicht verhandelt

In der Familie zersetzte Jason die Hierarchien, in Sachen Klimaschutz fordert er ebenfalls radikalen Wandel

Jason von Juterczenka ist 14 Jahre alt, der jüngste Grimme Online Award Gewinner, und kein Kind. Foto: Privat

BLICK aktuell bat mich um einen Beitrag aus dem Blickwinkel eines autistischen Kindes. Schwierig, denn ich bin kein Kind. Ich bin Jason, 14 Jahre alt, Autist, jüngster Grimme Online Award Gewinner, Chaosforscher, Scientist for Future, Podcaster, Blogger, Buchautor und Unterstützer der Neven Subotic Stiftung, aber ich bin kein Kind.

Warum sollten Eltern überihr Kind bestimmen sollen?

„Kind“ kann ein diffamierender Ausdruck sein. Er wertet die Argumente eines Menschen anhand seines Alters ab, räumt Menschen, die zufällig bereits etwas länger auf der Erde leben, mehr Rechte ein und schafft eine weitere unbegründete Hierarchie im sogenannten Zeitalter der Aufklärung. Ich bin überzeugt davon, dass der einzige Weg zu einer gerechten Welt der Sturz aller gesellschaftlicher Hierarchien ist. Das fängt in der Familie an: Es gibt keinen rationalen Grund dafür, wieso Erwachsene über ihr Kind bestimmen sollten. Ganz im Gegenteil, die Geschichte deutet darauf hin, dass Erwachsene allgemein möglichst wenig bestimmen sollten, es sei denn wir sollten in die Situation kommen, mal wieder zwei Völkermorde, einen Ökozid und die Versklavung eines Kontinents zu benötigen. Und wenn es keinen Unterschied mehr zwischen Erwachsenen und Kindern gibt, wird das Wort „Kind“ überflüssig. Die Selbstbestimmung sollte beginnen, sobald der Mensch in der Lage ist, das Wort Selbstbestimmung auszusprechen.

Bei uns war dies 2015 der Fall. Zu diesem Zeitpunkt gab es bei uns zuhause eine Art „Punktesystem“. Der Meinung meiner Eltern nach richtiges Verhalten wurde mit grünen Punkten belohnt, derer Meinung nach falschen Verhalten mit roten Punkten bestraft, am Ende des Jahres wurde ausgewertet. Da meine Eltern jedoch über das finanzielle Monopol verfügten, mündete das langsam aber sicher in eine Abhängigkeit, sodass mir quasi keine andere Wahl blieb, als mich an diese Regeln zu halten. Ich dachte viel darüber nach, wodurch diese Regeln legitimiert seien und wodurch meine Eltern legitimiert seien, sie aufzustellen. Der Grund lag auf der Hand: Meine Eltern lebten bereits länger auf der Erde, hatten mehr Zeit, Geld zu verdienen. Ich habe gar kein Geld und war somit in einer einseitigen Abhängigkeitsbeziehung. Und als ich auf den Gedanken kam, dass so etwas Banales wie Geld die Begründung für Hierarchien ist, wusste ich, damit musste Schluss sein: In unserer Familie, in Europa, auf der Erde.

Schluss mit Hierarchien

Es folgte eine der turbulentesten Phasen bei uns zuhause. Zunächst wurde keine Bereitschaft zu Änderungen gezeigt, ich rebellierte lautstark, meine Mama nennt es bis heute „psychische Gewalt“. 2016 war es dann soweit, dass wir alle erkannten, dass es so auch nicht weiter gehen kann. Es gab zu diesem Zeitpunkt längst kein Punktesystem mehr, es gab eigentlich gar keine Regeln mehr, der Alltag war ungeordnet und chaotisch, die meiste Zeit des Tages war ich bei unterschiedlichsten Therapieformen wie Logopädie, Ergotherapie und Co. Es war nicht unser erstes Gespräch, bei dem wir uns schließlich einigten und auch nicht das zweite, doch irgendwann schien die Idee, das hierarchisch geprägte System durch eine Parlamentarische Demokratie zu ersetzen, der einzige Ausweg zu sein.

Wir gingen zu dritt im Beschluss auseinander, dass die Gleichberechtigung aller Familienmitglieder durch das Freie Recht auf Selbstbestimmung zur Grundlage unseres künftigen Zusammenlebens werden sollte und sofort die Familiensitzung einmal im Monat nach dem Mehrheitsprinzip über neue Gesetze der Familienvereinbarung beraten und abstimmen sollte.

Die Familie alsParlamentarische Demokratie

Danach begann die Erfolgsgeschichte. Noch 2016 wurde beschlossen, dass mit Geld nie wieder realer Einfluss einhergehen sollte, ein gemeinsamer Haushalt wurde aufgesetzt, Steuern eingeführt, am Ende des Jahres trat nach nur dreiwöchigen Verhandlungen meine damals siebenjährige Schwester in die Familienvereinbarung ein.

Leider ging die Demokratisierung in Zwischenzeit nicht überall so voran, wie in unserer Familie. Aus unserer Entstehungsgeschichte heraus sahen wir uns somit natürlich verantwortlich, gegen das Erstarken der Nazis und die drohende Klimakatastrophe zu kämpfen. 2017 verabschiedete die Familiensitzung weitreichende ökologische Reformen, so sollte der Fleischkonsum fortan gesetzlich geregelt, Fahrverbote verhangen, Plastikartikel verboten werden, was leider zum baldigen Austritt meiner Schwester führte. Doch das alles reichte nicht aus. Ich wollte allen Familienmitgliedern nur noch zwei Fleischtage pro Woche auferlegen, eine Steuer fürs Autofahren einführen, gesetzlich zum Kauf biologisch erzeugter Waren verpflichten. Dies gelang mir auch, in dem ich meine Schwester zum Wiedereintritt in die Familienvereinbarung bewog, sie sollte meinen Verschärfungen zustimmen und würde im Gegenzug davon ausgenommen. Auch diese Ausnahme ist mittlerweile abgeschafft.

In zwei Jahren reduzierten wir unseren CO2-Ausstoß von 16 Tonnen auf 6 Tonnen pro Person und Jahr. Ein 2019 verabschiedetes Gesetz sieht ab 2021 eine Art „Klima-Konto“ vor, dessen Budget bis 2025 schrittweise auf 2,3 Tonnen pro Person und Jahr gesenkt wird.

Der Weg in die Wissenschaft

In einer Zeit, in der unser Planet von Tag zu Tag mehr im Arsch ist und ich als Wissenschaftler etwas dagegen tun könnte, kam ich mir doch etwas blöd vor, wenn ich zwei Stunden pro Tag in meine nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechende Stifthaltung investiere. Ich entschied mich, meiner Verantwortung als junger Mensch mit den Fähigkeiten und dem Willen zur Verbesserung der Welt und dem Glück eines deutschen Passes und global betrachtet großen Wohlstands nachzukommen und diesen Planeten zu einem besseren Ort zu machen. Ich wollte mehr Zeit in meine Stärken investieren, mit denen ich dieser Welt etwas Gutes tun kann und weniger in die Ausmerzung von Schwächen, die sich im Alltag eigentlich auch einfach vermeiden ließen, aber nach gesellschaftlicher Meinung beseitigt gehören.

Ich fing an, über wissenschaftliche Themen zu bloggen, begann mein eigenes Forschungsprojekt zum Thema Chaostheorie an einem lokalen Forschungsinstitut, und hatte den Plan, ein Buch zu schreiben, in dem ich über ebendiese Missstände in der Gesellschaft auf wissenschaftlicher Basis erzähle, zum Sturz von Hierarchien ausrufe und zudem konkrete Handlungsanweisungen (ich bevorzuge „moralische Handlungsvorschriften“, aber mir wurde gesagt, das kommt nicht so gut an).

Es war nicht das erste Mal, dass sich das in der Familienvereinbarung enthaltende Freie Recht auf Selbstbestimmung als äußerst gute Idee erwies. Wir schreiben jetzt das Jahr 5 nach der familieninternen Abschaffung der Hierarchien (5 n.f.A.H., ich fürchte, diese sperrige Abkürzung wird sich wohl nicht durchsetzen) und mit meinem Forschungsprojekt habe ich bereits experimentell Einschränkungen der Ergodenhypothese nachgewiesen, den Hessischen Landeswettbewerb von „Schüler experimentieren“ gewonnen und präsentiere meine Ergebnisse nun auf einem internationalen Wettbewerb in Peking. Das Buch existiert unter dem Namen „(T)raumschiff Erde“ in Form einer Crowdfunding-Kampagne, deren Ziel bereits nach 72 Stunden erreicht war und steht nun vor der Veröffentlichung als Taschenbuch, E-Book und womöglich in der englischen Übersetzung.

Nicht trotz, vielleicht wegen, sicher aber mit dem Autismus die Welt zum Guten verändern

Ich denke durchaus, dass ich alle Fähigkeiten und Ressourcen habe, um einen nennenswerten Beitrag zum Aufhalten der Klimakatastrophe zu leisten. Ich denke nicht, dass ich das trotz meines Autismus kann, vielleicht ein bisschen wegen meines Autismus, aber in erster Linie mit meinem Autismus. Ich weiß nicht genau, ob mein Autismus etwas mit meinem Engagement zutun hat, vermutlich führt die durch den Autismus bedingte Direktheit und Ehrlichkeit dazu, dass ich den Blick kompromisslos auf das Wesentliche lenke und nicht auf alles Rücksicht nehme. Das macht mich zum perfekten Vertreter der Natur.

Die Natur diskutiert nicht darüber, ob Fleischessen ein Menschenrecht ist oder du das Auto brauchst, um zur Arbeit zu kommen. Die Natur wird handeln, ob wir wollen oder nicht. Genau wie ich.

Diese in der heutigen Zeit unschätzbar wichtige Eigenschaft lässt alle Defizite, Nachteile und Schwierigkeiten, die der Autismus ohne Frage mit sich bringt, in der Bedeutungslosigkeit verblassen. Und daher habe ich im Buch „Wir Wochenendrebellen“ auch geschrieben, wohinter ich bis heute stehe, dass ich, gäbe es ein Medikament, mit dem sich Autismus „heilen“ ließe (was es ausdrücklich nicht gibt), ich es nicht nehmen würde. Ich würde mittlerweile so weit gehen, zu sagen, es wäre verantwortungslos, der Welt diesen besonderen Blickwinkel zu nehmen, den sie in diesen dunklen Stunden mehr als nötig hat.

Jeder Jeck is anders

All diese Aussagen sind natürlich auf mich allein bezogen, ich maße mir nicht an, für alle Autisten oder auch nur für eine signifikante Menge von ihnen zu sprechen.

Das ist auch gar nicht möglich, denn das Spektrum ist ähnlich breit wie bei Nicht-Autisten und man würde ja auch nicht von dem Brillenträger sprechen, einfach weil es keinen Sinn macht, allgemeingültige Eigenschaften zu formulieren. Der Einordnungs- und Kategorisierungsdrang des Menschen hat auch Grenzen. Dennoch würde ich aus meinem Blickwinkel heraus sagen, dass die Defizite des Autismus in der Berichterstattung überproportional stark vertreten sind und es hilfreich wäre, mich aus einem nicht vordergründig defizitären Blickwinkel zu betrachten.

Genau jetztbraucht die Welt Autisten

Albert Einstein sagte einmal: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Ich denke, man kann getrost sagen, dass der derzeitige Zustand unserer Welt das größte Problem ist, das der Mensch je geschaffen hat. Im Wesentlichen bin ich in den letzten Monaten nicht viel hoffnungsloser geworden, was das Überleben unserer Spezies angeht. Ich habe lediglich die Hoffnung verloren, dass sich dieses Problem von selbst lösen wird und wir nur lang genug warten müssen, bis alle Menschen sehen, was wir angerichtet haben und gemeinsam einen radikalen Kurswechsel bringen. Unsere Zeit ist einfach zu laut und schnell für einen „Fukushima-Effekt“. Es gibt keinen Gott, der dafür sorgen wird, dass wir das schaffen, denn wir sind die einzigen, deren Interesse es ist, dass wir es schaffen.

Was das mit Autismus zu tun hat? Meine Kompromisslosigkeit, meine Direktheit, meine unerschütterliche Ehrlichkeit und meine Geradlinigkeit und auch meinen Willen und die unbedingte Bereitschaft, nur genau das zu fordern, was ich auch vorlebe, verdanke ich in enormen Umfang dem Autismus – und obwohl das alles für mich lange normal war, weil ich nichts anderes kannte, bin ich, wenn ich all die Heuchelei momentan sehe, doch sehr dankbar dafür und weiß es inzwischen auch zu schätzen. Ohne den Autismus stünde ich sicherlich deutlich schlechter da als heute und ohne Autismus stünde auch die Welt deutlich schlechter da als heute, obwohl ich derzeit Schwierigkeiten habe, mir das vorzustellen. Um die Probleme der heutigen Zeit zu lösen, um die Klimakrise zu stoppen, um die Nazis von der Straße zu fegen, um alle Menschen auf der Erde zu befreien, schadet es nicht nur wenig, vielleicht ist es sogar ein Muss, Autist zu sein.

Jason von Juterczenka

Ein Assistenzhund für Luca

Auch Luca hat Autismus. Der Erstklässler und seine Familie wünschen sich einen Hund, der gründlich ausgebildet wurde, um Luca im Alltag zu helfen. Um Lucas Traum vom eigenen Assistenzhund Wirklichkeit werden zu lassen, nimmt ein norddeutscher Verein Spenden entgegen auf dem Konto: Patronus-Assistenzhunde e.V., IBAN DE64 1001 0010 0908 5271 05, BIC PBNKDEFF, Verwendungszweck „Sahra“.

Jason von Juterczenka ist 14 Jahre alt, der jüngste Grimme Online Award Gewinner, und kein Kind. Foto: Privat
Seit Jason sieben Jahre alt ist, ist er auf der Suche nach einem Lieblingsfußballverein. Gemeinsam mit seinem Vater bloggt er darüber auf www.wochenendrebell.de.Foto: Sabrina Nagel, siesah.de

Seit Jason sieben Jahre alt ist, ist er auf der Suche nach einem Lieblingsfußballverein. Gemeinsam mit seinem Vater bloggt er darüber auf www.wochenendrebell.de.Foto: Sabrina Nagel, siesah.de Foto: Jason von Juterczenka

Jason von Juterczenka ist 14 Jahre alt, der jüngste Grimme Online Award Gewinner, und kein Kind. Foto: Privat

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