Oberwinterer Wahlurne reist als Zeugnis der Weimarer Republik nach Berlin
Mittlerweile ist sie ein begehrtes Objekt
Oberwinter. Am 26. Mai 2019 ist es wieder soweit: An diesem Tag wird gewählt. An die Bürger ergeht der Ruf zur Wahlurne zu Kommunal- und Europawahlen. Zur Wahl gehen können, das empfindet heute jeder als sein selbstverständliches Recht. Doch hatte es im Kaiserreich keineswegs demokratische Wahlen gegeben.
Die ersten freien und demokratischen Wahlen auf Reichsebene nach dem Sturz der Monarchie waren die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919. Die Wahlen sollten allgemein, frei und geheim sein. Erstmals durften Frauen, zuvor komplett ausgeschlossen, wählen – und sie konnten auch gewählt werden. Auch Soldaten durften, was ihnen bisher verwehrt war, wählen.
92 Zentimeter hoch
Zeuge solcher freien, gleichberechtigten Wahlen in der Weimarer Republik ist eine Wahlurne in Oberwinter gewesen. Als Einwurfbehältnis für Wahlzettel erwies sie sich im Lauf der Zeit bei recht unterschiedlichen Wahlen als dienstbar. Doch dazu später. Rund 92 Zentimeter hoch und mit fast quadratischem Deckel von 39,5 mal 37,5 Zentimetern hat sie die in der Weimarer Republik amtlich vorgeschriebenen Maße. „Sie stammt mit ziemlicher Sicherheit aus den zwanziger Jahren“, erklärt Heinz Wilms vom Rathausverein Oberwinter. Das Bonner Frauenmuseum lieh sich deshalb jüngst die Urne aus für seine Ausstellung „Aufbruch der Frauen in die Politik der Moderne – vom Frauenwahlrecht zum Frauenmandat“.
Hätte sie, was vermutlich Jahrzehnte lang der Fall war, noch unbeachtet auf dem Dachboden des ehemaligen Rathauses gestanden, wäre es nicht dazu gekommen. Jedoch entdeckten Mitglieder des Rathausvereins die äußerlich wenig hermachende Wahlurne in den achtziger Jahren ebendort. Seither setzten sie den schnöden Holzkasten, der mit Tragegriffen aus Metall und verschließbarem Deckel ausgestattet ist, zum Spendensammeln ein.
Auch im Anschluss an die Weimarer Republik (1918 bis 1933) kam die Wahlurne weiterhin zum Einsatz. Wilms erfuhr 1985 von Johannes Clemens aus Oberwinter, mittlerweile verstorben, dass bei den Wahlen ab 1933 ortsbekannte NSDAP-Anhänger einigen Wählern beim Einwurf der Wahlzettel „behilflich“ waren, ihnen zur Hand gingen und die Wahlzettel selbst einwarfen.
Als Clemens damals nach der Stimmenauszählung in der Gaststätte gegenüber des alten Rathauses spaßeshalber fragte: „Habt ihr auch richtig gezählt?“, wurde er warnend zurückgefragt: „Zweifeln sie etwa unsere Auszählung an?“ Im Nachhinein verstand jeder, warum die „hilfreichen“ Personen so aggressiv reagierten. Sie hatten die Wahlzettel etwas mehr zu dieser oder jener Seite geneigt eingeworfen. Das kam heraus, als diese Wahlurne etwas später bei der Wahl zum katholischen Pfarrgemeinderat benutzt wurde. Die Organisatoren der Pfarrgemeinderatswahl waren überrascht festzustellen, dass die Nazis vergessen hatten, eine Unterteilung in der Wahlurne zu entfernen, die wohl zur Umleitung von Stimmabgaben „unsicherer Kandidaten“ diente.
Zweites Bodenbrettchen
Noch heute sind seitlich schräg verlaufende Leisten vorhanden. Ein darin einzuschiebendes Brettchen leitete die „ausgewählten“ Wahlzettel auf ein zweites Bodenbrettchen, so dass sie nicht ganz nach unten fallen konnten.
Hat die Wahlurne zuletzt lange eine ruhige Existenz geführt, ist sie in jüngster Zeit zum umtriebigen Möbelstück geworden. Nachdem sie im Bonner Frauenmuseum zu Gast war, kehrte sie nach Oberwinter zurück. Doch nicht für lange, denn das historische Requisit weckt Interesse in Berlin. Und so ist der Wahlzettelkasten inzwischen zu Besuch im Deutschen Historischen Museum in Berlin, wo sie Verwendung in der Ausstellung „Weimar: Vom Wesen und Wert der Demokratie“ (4. April bis 22. September 2019) in der Bundeshauptstadt findet. Wer diese Wahlurne wo wann genau gefertigt hat, ist dem Rathausverein nicht bekannt. Nur so viel weiß er: In Oberwinter gab es in der Weimarer Republik und den folgenden Jahren eine Möbelfabrik und mehrere Schreinereien. HG
Die Oberwinterer Wahlurne aus den zwanziger Jahren wird im Alten Rathaus aufbewahrt.
