Familie Schwenker hat mit ihrem Vogel-Taxi in Rheinbach schon fast 400 Vögel gerettet
Naturschutz einmal ganz anders
Seit acht Jahren kümmert sich das Rentner-Ehepaar um kranke und verletzte Wildvögel oder alleingelassen Baby-Piepmätze
Rheinbach. 93 Leben haben Klaus-Peter und Renate Schwenker allein in diesem Jahr schon mit ihrem nicht alltäglichen Hobby gerettet, insgesamt sind es sogar schon fast 400. Denn seit acht Jahren kümmert sich das Rentner-Ehepaar aus Rheinbach um kranke und verletzte Wildvögel oder alleingelassen Baby-Piepmätze. Sie bringen das Federvieh mit ihrem „Vogel-Taxi“ in die Wildvogel-Pflegestation Kirchwald in der Eifel, wo die Tiere wieder aufgepäppelt werden. Ein Hobby, das zwar Geld und sehr viel Zeit kostet – „aber es macht auch sehr viel Spaß und einfach glücklich“, berichtet Renate Schwenker.
Das Vogel-Taxi ist eine private Initiative und zugleich ein wichtiges Glied in der „Rettungskette“ für Wildvögel mit gesundheitlichen Problemen. Die Schwenkers stellen ehrenamtlich und kostenlos den Transport mit ihrem Privatauto zur Wildvogel-Pflegestation sicher, wo die Vögel nach der medizinischen Behandlung und Pflege so lange betreut werden, bis sie bereit sind für die Wiederauswilderung. „Ein echtes vollwertiges Ehrenamt im Natur- und Vogelschutz“, findet Klaus-Peter Schwenker.
Taxi fährt nicht nach Fahrplan, sondern nach Bedarf
Kalkulierbar sei die Tätigkeit allerdings überhaupt nicht, „denn ich fahre nicht nach Fahrplan, sondern nach Bedarf, und der Bedarf tritt ein, wenn wieder ein Vogel in Not ist und gerettet werden muss.“ Dabei hatten die Schwenkers eigentlich gar nichts mit der Vogelwelt am Hut und kamen eher zufällig zu dieser in jeder Hinsicht erfüllenden Freizeitbeschäftigung.
Alles begann bei einem normalen Spaziergang an einem Samstagnachmittag um den Block, als die beiden einen Buntspecht auf dem Bürgersteig entdeckten. „Er bewegte sich, also war Handlungsbedarf angesagt“ erinnert sich Schwenker. Alle ihm bekannten Tierärzte waren jedoch telefonisch nicht zu erreichen, bis einer doch ans Telefon ging und ihm den Tipp gab, im Internet nach „Kirchwald“ zu suchen. „Seit diesem Tag haben wir das Ehrenamt für die heimischen Vögel übernommen“, so Schwenker.
Und das mit ständig steigender Frequenz, was auch daran liegt, dass das Vogel-Taxi immer bekannter wird. Während die Anzahl der „Vogeltransporte“ anfangs noch zwischen zwölf und 41 pro Jahr pendelte, ist seit 2015 ein starker Anstieg festzustellen. In jenem Jahr wurden schon 79 Vögel von Rheinbach nach Kirchberg transportiert, 2016 waren es dann sogar 95, und in diesem Jahr stehen bis jetzt schon 93 Vögel in nur sieben Monaten auf der Liste. „Eine Steigerung um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, kann auch Schwenker nur den Kopf schütteln.
Von der Amsel bis zum Zaunkönig
Von der Amsel über die Graugans und den Schwan bis zum Zaunkönig hat Schwenker schon so gut wie jede heimische Vogelart in seinem Vogel-Taxi transportiert. „Wir fahren für jeden Vogel und schauen nicht nach seiner Rasse oder Nationalität“, schmunzelt Schwenker. 56 verschiedene Vogelarten stehen bereits auf seiner Liste, darunter auch so seltene Exemplare wie ein Eisvogel, ein Schwarzspecht oder eine Waldohreule. Sogar zwei Zwergfledermäuse, die bekanntlich keine Vögel sind, sondern Säugetiere, durften bereits mit dem Vogel-Taxi mitfahren, ebenso fünf Eichhörnchen, ein Marder und nicht weniger als 26 Igel.
Auch Igel finden in Kirchwald eine Zuflucht
Die Wildvogel-Pflegestation Kirchwald ist nämlich nicht nur eine der größten Aufwandstationen für einheimische Wildvögel in Deutschland, sondern ist zudem ein Zufluchtsort für Igel geworden. Allein im vergangenen Jahr kümmerten sich dort Tierärzte und Tierpfleger rund um die Uhr ehrenamtlich um 2473 verletzte, verwaiste, kranke, hungernde, verunglückte oder vergiftete Wildvögel sowie um 251 Igel. Dort bekommen die Tiere die nötige medizinische Versorgung ebenso wie die erforderlichen Medikamente und Infusionen.
Wärmeboxen stehen bereit, um die oft unterkühlten Tiere mit der lebensnotwendigen Nestwärme zu versorgen. Aber auch Renate Schwenker ist als Beifahrerin mitunter in dieser Hinsicht gefragt, wenn etwa eine frisch geschlüpfte Kohlmeise in ihrer Hand die ganze Fahrt über gewärmt werden muss. „Wenn so ein kleiner Vogel sich dann aber in der Hand einkuschelt, dann tut das der Seele einfach gut“, gibt sie zu, dass das Hobby auch jede Menge Glücksmomente mit sich bringt.
Unfälle und Vergiftungen sind die Hauptdiagnosen
Hauptdiagnose bei den eingelieferten Vogelpatienten waren Unfälle mit Fahrzeugen, Flüge in Stacheldrahtzäune, Verletzungen durch Fensterscheiben sowie Vergiftungen durch Pestizide oder durch verschmutzte Gewässer.
Oberstes Ziel ist es, möglichst viele der eingelieferten Vögel und Igel wieder gesund in die Freiheit zu entlassen. Eine Auswilderungsrate von etwa 70 Prozent zeigt, dass man auf dem richtigen Weg ist und sich die Mühen für alle Beteiligten lohnen. Allerdings verursacht die Versorgung der Tiere erhebliche Kosten, die ausschließlich durch Spenden aufgebracht werden müssen. Deshalb ist man bei der Wildvogel-Pflegestation Kirchwald über jeden gespendeten Euro froh.
Weitere Mitstreiter dringend gesucht
Klaus-Peter und Renate Schwenker würden sich ihrerseits über tatkräftige, zeitlich ungebundene und mobile Mitstreiter freuen, denn ihr Hobby ist mittlerweile sehr zeitaufwendig geworden. „Für eine Fahrt brauche ich drei Stunden und fahre rund 100 Kilometer weit, allein in diesem Jahr kamen somit bereits 280 Stunden und 9300 Kilometer zusammen – die ich aber gerne auf mich genommen habe.“ Seit Anfang des Jahres hat er bereits Verstärkung von einem gleichgesinnten Rheinbacher bekommen, doch auf Dauer müsse weitere Verstärkung her.
Zumal man auch bedenken müsse, dass die Familie Schwenker sämtliche Kosten trägt für das Fahrzeug selbst und dessen Betriebskosten. Als umweltbewusste Naturfreunde fahren sie ein Auto mit Elektroantrieb und somit 100 Prozent elektrisch.
Im Normalfall bringen die Finder den Vogel dann auch nach vorheriger Absprache zur Familie Schwenker nach Rheinbach in den Buchenweg 24. Von dort aus geht die Reise weiter in einer Transportbox nach Kirchwald. Für den Transport sind fast alle Behältnisse geeignet, sobald genügend Öffnungen vorhanden sind und der Patient nicht ausbüchsen kann. „Von der Schmuckdose bis zur Kinderbadewanne haben wir schon fast alles Erdenkliche als Transportbox genutzt“, so Schwenker.
Fahrt mit dem neugierigen Höckerschwan
Der größte Vogel, den er transportierte, war am 8. Juni dieses Jahres ein Höckerschwan, der sogar in den Radio-Verkehrsnachrichten eine Rolle gespielt hatte. Der mächtige Vogel hatte nämlich mittags mit einem gebrochenen Fuß die Südbrücke in Bonn blockiert und war anschließend, nachdem er von einem Tierarzt erstversorgt worden war, nach Rheinbach gebracht worden.
Auf der Fahrt nach Kirchwald im großen Umzugskarton mit einer darüber gelegten Decke konnte der Höckerschwan aber seine Neugier nicht verbergen und schaute während der ganzen Fahrt durch die Seitenfenster nach draußen, um sich die Wegpunkte für den späteren Rückflug zu merken. Denn wie alle anderen Vogel-Taxi-Kunden wird er wieder in die freie Wildbahn entlassen, sobald er wieder fit ist.
Der Transport eines Höckerschwans entpuppte sich als eine der abenteuerlichsten Fahrten mit dem Vogel-Taxi.
