Allgemeine Berichte | 04.04.2018

Heimatgeschichte in Mendig - Ein Blick in die Vergangenheit

„Nau veschlapp me jooh net de Sopp“

Den Layenarbeitern trug man täglich das Mittagessen zur Arbeitsstelle

Essensträger – Frauen und Kinder – werden 1932 von den Layenarbeitern erwartet.Archiv - F. G. Bell

Kottenheim/Region. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, auch als die goldenen Jahre des Kaiserreiches bezeichnet, hatte insbesondere den heimischen Basaltlavabetrieben viele gute Aufträge und nahezu eine Vollbeschäftigung beschert.

Schätzungsweise einige tausend Arbeiter, ob nun als Layer, Steinmetz, Pflastersteinschläger oder Schürjer, verdienten auf den Layen der Region ihr tägliches Brot. Auf dem Kottenheimer Winnfeld waren um 1912 ca. 650 Personen in den Betrieben tätig. Die damaligen Beschäftigungszahlen wurden danach nie mehr erreicht. Und alle diese Arbeiter bedurften nach ihrer harten morgendlichen Arbeit zur Mittagszeit einer kräftigenden, warmen Mahlzeit.

Dies hatten die Frauen und Mütter zu garantieren. Severin Moog, ein aus Kottenheim stammender Lehrer, beschrieb in der heimischen Presse der 1960er Jahre umfangreich die Abläufe in allen Facetten auf den heimischen Basaltlavagruben.

Unterrichtsfrei für Essensträger

Aus den Erinnerungen seiner eigenen Schulzeit, auch sein Vater arbeitete auf der Lay, schrieb Moog: „Um die Mittagszeit verstummt vorübergehend das Konzert der vielen tausend Hämmer. Still wird´s in Hütten und Halden. (…) Es naht die Schar der munteren Essensträger. Von allen Seiten strömen sie herbei: von Mayen, von Kottenheim, von Ettringen, sogar von Hausen, Thür und Obermendig. Viele hundert Jungen, Mädchen und Frauen bilden dieses kleine, geschwätzige Heer. In Kottenheim läutet es nun halb 12 Uhr Mittag. Lehrer Lenzen öffnet die Schultore, und die ganze Bande strömt lärmend nach Hause und verschluckt eilends das Mittagessen. Die Mutter drückt uns das zwei- oder dreistöckige „Soppedöppe“ in die Hand mit der Mahnung: „Nau verschlappt me jooh net de Sopp“. Aber geschlappert wird doch, wenn´s auf den holprigen Pfädchen im „Bösch“ die Höhen aufwärts ging. (…) Anschließend gibt es dann auf der Lay ein „Donnerwetter“. (…) Nach dem Essen ging´s wieder spornstreichs durch den Wald abwärts nach Hause. Um ein Uhr begann die Schule.“ (Lehrer Lenzen war von 1884 – 1917 in Kottenheim tätig.)

Da in der erwähnten Zeit die Basaltlavaindustrie eine Monostruktur in der Region innehatte, ist es verständlich, dass man es seitens der Schulbehörden mit der Mittagsunterbrechung in der Volksschule ermöglichte, die heimischen Arbeiter entsprechend zu versorgen und, soweit möglich, die Hausfrauen mit den Schulkindern dabei unterstützen zu können. Man kann sicher davon ausgehen, dass diese Unterrichtsunterbrechung zum Essentragen nicht allein auf Kottenheim begrenzt war, sondern in der Region allgemein so üblich war.

Diese Annahme wird gestützt durch eine allgemeingültige Verfügung des Regierungspräsidenten aus dem Jahre 1935 mit dem Tenor, dass „Urlaub zum Essentragen nicht mehr erteilt werden soll.“ In der Kottenheimer Schulchronik ist dazu folgendes festgehalten worden: „Der Stundenplan der Schule wird so gelegt, dass der Unterricht bis 12 Uhr dauert.“ Folgt man dem Chronisten, so ist im Dorf gegen den damaligen Schulleiter Rektor Kolodziej eine regelrechte Hetzjagd entfacht worden, bei der dieser wegen seiner schweren Kriegsbeschädigung aufs Übelste auch verspottet wurde, obwohl er für das Ende der langjährigen Praxis ja absolut nicht verantwortlich war.

Trotz allem fand man in unserer Schule einen Kompromiss: „Der Schulvorstand beschließt nun, dass der Unterricht so gelegt werden soll, dass den Kindern das Essentragen ermöglicht wird. Dadurch haben die Kinder an mehreren Nachmittagen bis fünf Uhr Schule“, schließt der Chronist dieses leidige Thema ab.

Soppeträjer in den Schulferien

In den 1950er Jahren begrenzte sich die Tätigkeit als Soppeträjer eigentlich für uns Schüler nur noch auf die Ferienzeiten. Viele in der Region werden an diese Tätigkeit ganz persönliche Erinnerungen haben. Für mich war es selbstverständlich, meinem Patenonkel in der schulfreien Zeit sein Mittagessen auf die Lay zu bringen und damit die Tante zu entlasten. Zunächst hatte ich eine kürzere Strecke durch den „Mülle-Bösch“ am Brechwerk vorbei bis zum Grubenbetrieb Rupert May zurückzulegen, der direkt gegenüber dem Winnfeld-Brechwerk lag. Später musste ich dann ins vordere Winnfeld, weil der Grube May nicht mehr existierte. Um möglichst schnell dorthin zu gelangen, hatte man mehrere Wege zur Auswahl. Wenn ich mit dem Essen im Betrieb ankam, sah ich schon aus einiger Entfernung den Onkel in der offenen Hütte mit dem Presslufthammer hantieren. Als ich mich dann irgendwann mal mit dem Soppedöppe dem Betrieb näherte, war vom Essensempfänger weit und breit nichts zu sehen. Neben der Hütte war ein Pflastersteinschläger tätig.

Auf die Frage an ihn nach dem Verbleib des Onkels erwiderte dieser: „Der ist nach Hause gegangen, seid ihr euch nicht begegnet?“ Nach einem ganz kurzen unschlüssigen Verweilen und Umschauen schlug ich den sofortigen Nachhauseweg ein und traf auf eine erstaunte Tante, denn der Onkel war auch hier nicht anzutreffen. Nun wurde das wohl langsam erkaltende Mittagessen erneut hoch zur Lay getragen. Dort wartete schon längere Zeit ungeduldig einer auf sein Essen. Es stellte sich heraus, dass er den erkrankten Layer vertreten hatte und bei meinem ersten Erscheinen noch unten tief in der Grube war. Dem Arbeitskollegen war es aus welchem Grunde auch immer damit trefflich gelungen, meinem Onkel einen „auszuwischen“; heute nennt man dies Mobbing.

Das Essentragen auf die Lay war über Jahrhunderte eine notwendige und wichtige Tätigkeit, um die hart arbeitenden Layenarbeiter mittags zu versorgen. Sie waren auf ein warmes Essen und eine anschließende Ruhepause regelrecht angewiesen. Wenn auch heute noch ein paar Basaltlavabetriebe in der Region bestehen, die die Nachfrage an diesem unverwüstlichen Naturprodukt bedienen, so ist jedoch die flächenmäßige Ausbeute der Basaltlava im Großraum Mayen in den 1960er Jahren zu Ende gegangen.

Und damit wurde natürlich auch das traditionelle Essentragen auf die Lay entbehrlich. In Obermendig hat man beispielsweise den „dienstbaren Geistern“ - den Soppeträgern - ein Denkmal in Basaltlava gesetzt. Auch der Bildhauer Paul Milles aus Kottenheim hat auf der dem Beruf der Steinhauer gewidmeten Säule vor der Mayener Genovefaburg die Essensträger mit verewigt.

F. G. Bell

Soppeträger-Denkmal in Obermendig. Archiv - VG Mendig

Soppeträger-Denkmal in Obermendig.Foto: Archiv - VG Mendig

Essensträger – Frauen und Kinder – werden 1932 von den Layenarbeitern erwartet.Foto: Archiv - F. G. Bell

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