Projekt Mehrgenerationenhaus Neuwied kooperiert mit dem „Netzwerk Grundbildung“
Neue Impulse für die „AlphaDekade“
Einsatz für Alphabetisierung
Neuwied. Als im Jahr 2011 Erziehungswissenschaftler der Universität Hamburg herausfanden, dass 7,5 Millionen Deutsche im erwerbsfähigen Alter nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, da reagierte die damalige Berliner Koalition mit einer langfristig angelegten, seit 2016 „Nationale AlphaDekade“ genannten Kampagne, die den von der Forschung „funktional“ geheißenen Analphabetismus in Deutschland bis Ende der 20er Jahre „deutlich“ reduzieren soll. Menschen, die zwar in der Lage sind, einfache Sätze zu lesen und zu schreiben, aber große Probleme damit haben, schriftliche Arbeitsanweisungen zu verstehen und E-Mails zu schreiben, sollen durch eine breite, selbst die Stadtteilebene erfassende Grundbildungsoffensive motiviert werden, Fort- und Weiterbildung anzustreben. Denn Analphabetismus, in welcher Ausprägung auch immer, ist in einer unter Fachkräftemangel leidenden Gesellschaft nicht nur ein privates Problem, er ist auch ein handfestes wirtschaftliches Problem. Nur 57 Prozent der 2011 Befragten waren erwerbstätig, 17 Prozent waren arbeitslos und 10 Prozent im Haushalt beschäftigt beziehungsweise in Elternzeit.
Dass die große Mehrheit der Betroffenen vor dem Schritt in die Volkshochschule zurückscheut, ist dem vom Bundesbildungsministerium angeführten Initiatorenkreis aus Bund, Ländern und zivilgesellschaftlichen Verbänden nicht nur bewusst, die Aktion ist programmatisch daran ausgerichtet. Im Vorfeld der traditionellen Alphakurse mit ihren relativ starren Curricula sollen, so der Auftrag, in lokalen, zielgruppennahen Anlaufstellen wie Kindertagesstätten, Beratungsstellen und Betrieben „passgenaue“, das heißt, individuelle und unkonventionelle Angebote geschaffen werden, die die Hemmschwelle so niedrig wie möglich halten.
Auch Mehrgenerationenhäuser sind an der Aktion beteiligt
Nur folgerichtig also, dass seit 2017 auch die vom Bundesfamilienministerium geförderten Mehrgenerationenhäuser (MGH) in die „AlphaDekade“ einbezogen sind. Mit ihren bewusst niedrigschwelligen Freizeit-, Hilfs- und Bildungsangeboten sind sie zweifellos bestens geeignet, „auch Personengruppen anzusprechen, die bisher mit herkömmlichen Maßnahmen der Alphabetisierung und Grundbildung nur schwer erreicht werden konnten.“ Die Teilnahme an der AlphaDekade, im Rahmen eines „Sonderschwerpunkts Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen“, ist den MGHs bisher allerdings freigestellt. Von den bundesweit rund 550 Einrichtungen beteiligen sich in diesem Jahr 170 an der Kampagne, sei es mit Beratungs- und Vermittlungsangeboten, mit offenen Treffs, Vorleseprojekten und Schreibwerkstätten, mit Aktionstagen oder auch einfach nur dadurch, dass sie ihren Kooperationspartnern Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.
„Grubi-Lerncafés“ in etwa 20 Mehrgenerationenhäusern
In Rheinland-Pfalz haben rund 20 Häuser, darunter auch das Neuwieder MGH, Grubi-Lerncafés eingerichtet. Unterstützt wurden und werden sie hierbei von dem „Kompetenznetzwerk Grundbildung und Alphabetisierung Rheinland-Pfalz“ (GrubiNetz), das seinerseits 2018 zwölf Lerncafés anbietet. In diesem Jahr wird es also über das Land verteilt rund 30 Anlaufstellen geben, in denen sich Betroffene oder Interessierte, die Betroffene kennen und ihnen zu einer besseren beruflichen, sozialen und ökonomischen Teilhabe verhelfen wollen, Rat und Hilfe holen können. Im Neuwieder MGH gab es zum Auftakt der Kooperation zwei Workshops, in denen haupt- und ehrenamtliche MultiplikatorInnen die Gelegenheit hatten, die Problematik des „funktionalen Analphabetismus“ mit einem der vier Regionalkoordinatoren im GrubiNetz zu diskutieren. Wie erkennt man Menschen mit Grundbildungsbedarf? Wie spricht man sie an? Welche Unterrichtsmaterialien lassen sich im Rahmen eines Lerncafés sinnvoll einsetzen? Welche neue Entwicklungen gibt es auf diesem Gebiet? Und wie sieht es mit der Qualifikation und Weiterbildung der Mitarbeiter aus? Auf diese und viele andere Fragen mehr wusste Heiko Hastrich vom GrubiNetz, für die Region Mittelrhein/Westerwald/Taunus zuständig, sachkundig und anschaulich Auskunft zu geben. Und auch der nächste Schritt ist schon ins Auge gefasst. So soll im Frühjahr 2019, speziell für den Kreis Neuwied, ein „Arbeitskreis Grundbildung“ ins Leben gerufen werden, der alle Akteure in diesem Bereich vernetzen und weitere Aktionen möglichst effektiv koordinieren soll. Ob es ihnen gelingen wird, die AlphaDekade zu einem Erfolg zu machen und eine „spürbare Reduktion des funktionalen Analphabetismus“ in Deutschland herbeizuführen, werden die nächsten Jahre zeigen. Der Wille jedenfalls ist da.
Informationen
Weitere Informationen und Anmeldung: Mehrgenerationenhaus Neuwied, Wilhelm-Leuschner-Straße 5, 56564 Neuwied, Tel. (0 26 31) 34 45 96, E-Mail mgh@fbs-neuwied.de.
Pressemitteilung
Mehrgenerationenhaus Neuwied
