Allgemeine Berichte | 03.01.2024

Seniorensicherheitsberater Rüdiger Knapp im Gespräch

„Niemand von uns ist vor solchen Betrügereien gefeit“

Seniorensicherheitsberater Rüdiger Knapp im Gespräch mit Bianca Westphal.  Quelle: Westerwaldkreis

Westerwaldkreis. Immer einfallsreicher werden Betrüger, um mit Tricks an die Ersparnisse von Seniorinnen und Senioren zu gelangen. In einem dreitägigen Seminar bildet deshalb die Polizei gemeinsam mit den Kommunen ehrenamtliche Seniorensicherheitsberaterinnen und -berater aus. Was genau diese machen, darüber hat Bianca Westphal von der Seniorenleitstelle der Kreisverwaltung des Westerwaldkreises mit Rüdiger Knapp gesprochen.

Herr Knapp, wie kam es dazu, dass Sie Seniorensicherheitsberater wurden?

Ich war Polizeibeamter und habe mir zum Ende meiner Dienstzeit überlegt, wie ich den Kontakt zu dem Beruf und zu meiner Dienststelle halten kann. Die Präventionsstelle beim Polizeipräsidium Koblenz kenne ich sehr gut. Sie hat mich an die Kreisverwaltung des Westerwaldkreises verwiesen, die die Ausbildung zum Seniorensicherheitsberater für den Kreis koordiniert.

Welches „Rüstzeug“ haben Sie an die Hand bekommen?

Die Ausbildung erfolgte an drei Tagen und an drei verschiedenen Standorten, damit auch die anderen Kreisverwaltungen einbezogen werden konnten. Dabei hat mich sehr beeindruckt, wie groß die Bandbreite der vorgestellten Delikte war. Wir haben sehr viele bekannte Betrugsfälle und auch Themen im Bereich Einbruchschutz und Verkehrsrecht durchgesprochen. Dadurch konnte sich im Anschluss jeder die Themenfelder herausgreifen, auf die er sich künftig konzentrieren möchte. Basierend auf meinen beruflichen Erfahrungen habe ich mich vor allem auf den Enkeltrick, falsche Polizeibeamte/Staatsanwälte, den Romantikbetrug und Telefondelikte spezialisiert.

Wie ging es nach der Zertifizierung weiter?

Nach dem erfolgreichen Abschluss im Sommer 2022 erhielt ich eine Urkunde vom Polizeipräsidium und von der Kommune sowie einen Berater-Ausweis. Dann bekam ich die ersten Vortragstermine, die die Kreisverwaltung vermittelt hat. Die meisten entstehen durch Mundpropaganda. Wenn man bei einer Veranstaltung begeisterte Zuhörer hat, sagen diese oft: „Das möchte ich auch gern bei uns im Dorf oder in der Versammlung machen.“

Wer sitzt in Ihrem Publikum?

Das sind überwiegend ältere Menschen, die im Rahmen einer anderen Veranstaltung zusammentreffen, beispielsweise bei Seniorencafés und -nachmittagen, Angeboten von Kirchen oder Gemeinden etc. Die Sicherheitsberatung ist dann ein Punkt auf der Agenda, der die Veranstaltung bereichern soll. Die Menschen im Publikum sind oft sehr interessiert, arbeiten mit und fragen auch intensiv nach. Ich merke, dass diese Themen sie wirklich beschäftigen.

Sind darunter häufig auch Betroffene?

Die Menschen berichten oft von Bekannten, denen schon mal etwas passiert ist. Manche erzählen, dass sie selbst so einen Anruf erhalten haben, bei dem sie aber erkannt hätten, dass es ein Betrugsfall sein könnte und sie entsprechend richtig reagiert hätten. Diese Erlebnisse kann ich dann wunderbar einbinden, was den Vortrag belebt. Basierend auf den Schilderungen können wir dann gemeinsam überlegen, welche Intention die Täter hatten, wie die vielleicht an die Telefonnummer kamen und Ähnliches. Ist jemand tatsächlich auf einen Betrug hereingefallen, wird das eher nicht erzählt.

Wie ermutigen Sie die Opfer, darüber zu reden?

In meinem Vortrag mache ich ganz deutlich, dass es keinen Zweck hat, so einen Betrug zu verheimlichen. Das muss offen angesprochen werden und je nachdem wie schlimm es ist, muss man sich auch helfen lassen. Niemand von uns ist vor solchen Betrügereien gefeit, da oft unser Instinkt ausgenutzt wird, anderen helfen zu wollen.

Deshalb ist es mir sehr wichtig, nicht nur ältere Menschen, sondern auch Verwandte und Bekannte zu sensibilisieren. Dabei geht es nicht nur darum, dass diese warnen und in konkreten Situationen helfen können. Sie sollten ein lauschendes Ohr haben, ob jemand eventuell Opfer eines Betrugs geworden ist. Trick-Telefonate haben große Auswirkungen auf die Psyche, wenn beispielsweise suggeriert wird, dass das Kind in einen tödlichen Unfall verwickelt ist, mit Schreien und Sirenengeräuschen im Hintergrund. Sie werden nicht umsonst als Schockanrufe bezeichnet. Durch das Adrenalin, die große Sorge und den hohen Druck fällt es schwer, klar zu denken. Trauen sich die Opfer nicht davon zu erzählen, bauen sie teilweise Ängste auf, die sich auf das ganze Leben auswirken. Ist das Umfeld für die Problematik sensibilisiert, fällt das auf und die Menschen können proaktiv auf die Opfer zugehen.

Was vermitteln Sie dem Publikum darüber hinaus?

Zunächst einmal das Wissen, dass diese Fälle nicht neu sind, sondern schon seit Jahrzehnten Betrügereien wie mit dem falschen Polizeibeamten oder dem Enkeltrick erfolgen. Das überrascht viele Menschen. Gleichzeitig informiere ich sie über tagesaktuelle Beispiele und erkläre, wie diese aufgebaut sind. Die Betrügereien sind sehr vielseitig und werden immer weiterentwickelt. Deshalb ist es wichtig, die dahinterstehende Struktur zu verstehen, um ein Gespür dafür zu entwickeln: Achtung, das könnte eine Falle sein. Dieses Bauchgefühl zu stärken und die Handlungsfähigkeit zu erhalten, sind mir wichtige Anliegen. Anschließend besprechen wir, wie sie sich, ihre Angehörigen und Bekannten schützen können. Außerdem informiere ich darüber, welche Stellen weiterhelfen können, wenn man einem Betrug zum Opfer gefallen ist. Nicht zuletzt habe ich natürlich auch vielfältige Materialien dabei, die mir Polizei und Kreisverwaltung zur Verfügung stellen. Darunter sind auch Tricks und Kniffe wie spezielle Telefonaufsteller, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Wie viel Zeit nimmt die Sicherheitsberatung in Anspruch?

Ich bin Pensionär und kann mir die Vorträge terminlich gut einrichten. In der Regel dauern diese eine Stunde, wobei ich im Anschluss natürlich gern für Fragen zur Verfügung stehe. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es beim älteren Publikum gar nicht so gut ankommt, wenn ich das technisch kompliziert mit Rechner, Beamer und Lautsprecher durchführe. Es ist wichtiger, direkt zu den Leuten zu sprechen, ihnen dabei in die Augen zu schauen, Erzählungen aufzugreifen, sie aktiv einzubinden.

Wie halten Sie sich auf dem Laufenden?

Zum einen verfolge ich aktiv, was in den Medien über Trickbetrügereien berichtet wird und welche Vorfälle ich davon in mein Programm einbauen kann. Zum anderen gibt es verschiedene Veranstaltungen der Kreisverwaltung, beispielsweise Treffen der Westerwälder Seniorensicherheitsberaterinnen und -berater, überregionale Zusammenkünfte oder auch größere Jahrestreffen. Je nachdem dienen diese dem Austausch, dem Stärken des Zusammengehörigkeitsgefühls oder auch der inhaltlichen Fortbildung. Die Vernetzung der Sicherheitsberater ist sehr wertvoll, weil man sich gegenseitig auf neue Deliktfälle aufmerksam machen kann, die viele Leute beunruhigen und Unterstützung erfordern. Das bekommt man nur dann mit, wenn man quasi mit dem Ohr am Herzen sitzt und hört, was die Menschen beschäftigt.

Für wen ist aus Ihrer Sicht die Tätigkeit als Seniorensicherheitsberater beziehungsweise -beraterin geeignet?

Derzeit wird die Ausbildung vor allem von Männern im Ruhestand absolviert. In meinem Kurs waren auch einige Frauen und Teilnehmende aus verschiedenen Berufsfeldern, die dadurch einen anderen Blickwinkel hatten. Statt meiner polizeilichen Sicht mit Fokus auf Warnungen, verfolgten sie beispielsweise eher einen sozialen Ansatz: Wenn etwas passiert, helfen wir euch! Die unterschiedlichen Interessen- und Ausgangslagen bereichern das Programm ungemein. Das notwendige Rüstzeug für die Tätigkeit gibt es dann im Rahmen der Ausbildung. Vorkenntnisse sind also nicht vonnöten. Somit ist sie für alle geeignet, die sich ehrenamtlich für Mitmenschen engagieren möchten. Wer nicht so gern Vorträge hält, kann auch einzeln beraten.

Bleiben Sie dem Thema weiterhin treu?

Auf jeden Fall! Ich hätte nicht gedacht, dass diese Tätigkeit so einen Spaß macht. Ich kann den Menschen mit einem Vortrag einfach etwas Gutes tun – ohne Hintergedanken, dass ich ihnen einen Vertrag oder eine Versicherung verkaufen müsste. Das ist ein sehr befreites Arbeiten, das mir viel Freude bereitet.

Weitere Informationen zur Sicherheitsberatung für Seniorinnen und Senioren gibt es unter www.westerwaldkreis.de/seniorenleitstelle.html oder direkt bei Bianca Westphal unter Tel. (0 26 02) 124 -482 beziehungsweise bianca.westphal@westerwaldkreis.de.

Pressemitteilung des

Westerwaldkreises

Seniorensicherheitsberater Rüdiger Knapp im Gespräch mit Bianca Westphal. Quelle: Westerwaldkreis

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