Allgemeine Berichte | 25.05.2016, 11:30 Uhr

Forscher der Uni Bonn entdecken an Blumennesselgewächsen „zahnartige“ Strukturen, die der Abwehr dienen

Pflanzen „beißen“ zurück

Unter dem Rasterelektronenmikroskop: Blattunterseite der Blumennessel Loasa pallida. Die rot angefärbten Bereiche zeigen mineralische Einlagerungen.H.-J. Ensikat und M. Weigend/Uni Bonn
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Bonn. Im Tierreich ist Kalziumphosphat weit verbreitet: Aus dem sehr harten Mineral bestehen zum Beispiel Knochen oder auch Zähne. Forscher der Universität Bonn haben nun erstmals entdeckt, dass Kalziumphosphat zur mechanischen Stabilisierung auch in höheren Pflanzen vorkommt. Bei den Blumennesselgewächsen, Loasaceae, verleiht das Mineral den Nesselhaaren den nötigen „Biss“. Es härtet die Haare, die der Abwehr von Tierfraß dienen. Bei unseren heimischen Brennnesseln bestehen die schmerzhaften Nesselhaare dagegen aus glasartigem Silizium. Die Ergebnisse werden nun im Fachjournal „Scientific Reports“ vorgesellt. Weidetiere fressen meist nur einmal davon: Berührt ihre Zunge die winzigen Haare der Blumennesselgewächse, Loasaceae, dann brechen die Spitzen dieser Brennhaare ab und ein schmerzhaftes Gebräu ergießt sich in das Maul. Die wehrhaften Gewächse haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in den südamerikanischen Anden. „Der Mechanismus bei den uns vertrauten Brennnesseln funktioniert ganz ähnlich“, sagt Prof. Dr. Maximilian Weigend vom Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Bonn. Zwischen den sehr entfernt verwandten Brennnesseln und Blumennesseln gibt es neben ihres sehr unterschiedlichen Aussehens jedoch noch einen wichtigen Unterschied: Während die heimischen Gewächse ihre spitzen Härchen mit glasartigem Silizium härten, verwenden ihre südamerikanischen Kollegen mit ihren spektakulären Blüten dafür Kalziumphosphat.

Brennhaare, die Injektionsspritzen gleichen

Bislang war von Kalziumphosphat nicht bekannt, dass es auch bei höheren Pflanzen zur mechanischen Stabilisierung vorkommt. „Die Mineralien in den Brennhaaren sind chemisch den Zähnen von Mensch und Tier sehr ähnlich“, sagt Prof. Weigend, der seit fast 25 Jahren die mannigfaltigen Blumennesselgewächse erforscht. Zuvor sind vielen Wissenschaftlern ihre außerordentlich harten Abwehrhaare aufgefallen, doch niemand hat bislang hinterfragt, aus welchem Material sie eigentlich bestehen. An ihrem eigenen Elektronenmikroskop und mit Hilfe von Wissenschaftlern des Steinmann-Instituts für Geologie, Mineralogie und Paläontologie sowie des Instituts für Anorganische Chemie der Universität Bonn untersuchten die Botaniker die Brennhaare, die einer Injektionsspritze gleichen. Die Brennhaarspitzen sind ähnlich aufgebaut wie Stahlbeton. Dabei zeigte sich, dass die mechanisch besonders beanspruchten Stellen an den Haarspitzen der Blumennesseln mit Kalziumphosphat verstärkt sind. „Es handelt sich dabei um ein Kompositmaterial, das ähnlich wie Stahlbeton aufgebaut ist“, erläutert Prof. Weigend. Die faserförmige Cellulose bildet als übliches Baumaterial der Pflanzen ein formgebendes Geflecht, in dessen „Maschen“ winzige Kristalle aus Kalziumphosphat eingelagert sind. „Das verleiht den Brennhaaren eine ganz außerordentliche Stabilität“, ist der Wissenschaftler der Universität Bonn überzeugt.

Warum die Blumennesselgewächse sich für diesen Sonderweg entschieden haben, während die meisten Pflanzen zur mechanischen Stabilisierung das glasartige Silikat verwenden, ist noch ein Rätsel. „Ein häufiger Grund für Sonderlösungen in der Evolution ist, dass der Stoffwechsel eines Organismus nur einen bestimmten Weg beschreiten kann“, sagt Prof. Weigend. Doch Blumennesseln können sehr wohl auch Silikat zur Härtung bestimmter Pflanzenteile herstellen. Warum sie sich an den Haarspitzen gerade dem Material verschrieben haben, aus denen auch die Kauwerkzeuge ihrer Fressfeinde bestehen, muss erst noch erforscht werden. „Noch kann man nur über die Anpassungsstrategie spekulieren. Aber es scheint so zu sein, dass Blumennesseln mit gleicher Münze heimzahlen: Zähne gegen Zähne“, schmunzelt der Biologe der Universität Bonn.

Bionik: Brennhaare als Vorbild für Knochenersatzmaterialien

Weitere Forschungsprojekte sollen nun zutage fördern, welche Pflanzen Kalziumphosphat noch für die raue Umwelt hart macht und welche biomechanischen Vorzüge das Material in den grünen Lebewesen hat. Potenziell ist die Entdeckung auch für bionische Anwendungen interessant. „Bei Ersatzmaterial etwa für den Zahnersatz, die Orthopädie oder die Gesichtschirurgie kommt es sehr darauf an, dass es keine Abstoßungsreaktionen auslöst“, sagt Prof. Weigend.

Das Kalziumphosphat-Cellulose-Komposit der Blumennesseln könnte ein vielversprechendes natürliches Vorbild für solche Zwecke sein.

„Alles was brennt!“ beim Tag der Artenvielfalt am 22. Mai

Zum Tag der Artenvielfalt am Sonntag, 22. Mai, von 10 bis 18 Uhr, stellt das Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen an seinem Stand in den Botanischen Gärten der Universität Bonn unter dem Motto „Alles was brennt!“ auch die außergewöhnlichen Leistungen der Blumennesseln vor und zeigt hierzu Objekte und Bilder rund um das Thema „Pflanzen mit Brennhaaren“. Interessierte sind hierzu willkommen. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.botgart.uni-bonn.de.

Eine Blütenknospe der Blumennessel Blumenbachia insignis. Deutlich sind die langen Brennhaare auf der jungen Frucht und den Blütenblättern zu erkennen.M. Weigend/Uni Bonn

Eine Blütenknospe der Blumennessel Blumenbachia insignis. Deutlich sind die langen Brennhaare auf der jungen Frucht und den Blütenblättern zu erkennen.Foto: M. Weigend/Uni Bonn

Vielfarbige Blüte der Blumennessel Blumenbachia insignis im Botanischen Garten der Universität Bonn.M. Weigend/Uni Bonn

Vielfarbige Blüte der Blumennessel Blumenbachia insignis im Botanischen Garten der Universität Bonn.Foto: M. Weigend/Uni Bonn

Unter dem Rasterelektronenmikroskop: Blattunterseite der Blumennessel Loasa pallida. Die rot angefärbten Bereiche zeigen mineralische Einlagerungen.Foto: H.-J. Ensikat und M. Weigend/Uni Bonn

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