Philosophie & Musik in Hillscheid
Philosophie der Musik im Kunstraum Hillscheid
aus Höhr-Grenzhausen
Hillscheid. Der Kunstraum am Limes war am 30. September bis auf den letzten Platz besetzt, als die Kultursommerreihe DENKBARES ihre diesjährige Finalwoche eröffnete. Im Mittelpunkt stand eine ebenso einfache wie grundlegende Frage: Was macht Musik mit uns? Warum können wenige Töne Erinnerungen wecken, die Jahrzehnte zurückliegen? Und was unterscheidet live gespielte Musik von einer Aufnahme – oder von Musik, die Künstliche Intelligenz erzeugt?
Antworten darauf suchte der Philosoph Christoph Türcke, der viele Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig lehrte. Im Gespräch mit Johannes Lorenz vom Haus am Dom Frankfurt stellte er zentrale Gedanken aus seiner „Philosophie der Musik“ vor. Die international tätige Akkordeonistin Eva Zöllner sorgte dafür, dass es nicht bei der Theorie blieb: Sie machte hörbar, worüber gesprochen wurde.
Musik weckt Erinnerungen
Wie tief Musik im Gedächtnis verankert sein kann, schilderte Türcke anhand seiner eigenen Kindheit. Als Dreijähriger hörte er seine Mutter ein Klavierstück spielen. Bestimmte Akkorde hätten sich ihm so eingeprägt, dass sie ihn bis heute begleiten. Musik, so Türcke, ist deshalb weit mehr als eine Folge von Tönen. Sie verbindet sich mit Gefühlen, Erlebnissen und Erinnerungen.
In seinem Buch begibt sich der Philosoph auf eine Spurensuche nach den Ursprüngen der Musik. Sie reichen für ihn bis zu frühen menschlichen Rufen und Schreien zurück. Musik und Sprache seien zunächst eng miteinander verbunden gewesen und hätten sich erst im Laufe der Geschichte voneinander getrennt. Musik habe dabei etwas Ursprüngliches bewahrt: Sie berührt Menschen unmittelbar, noch bevor sie in Worte fassen können, was sie empfinden.
Wenn Philosophie hörbar wird
Eva Zöllner übersetzte diese Gedanken in Musik. Sie spielte drei Werke von Komponistinnen aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Besonders anschaulich wurde Türckes Gedanke, dass in neuer Musik immer auch Altes weiterlebt, bei einem Werk der mexikanischen Komponistin Georgina Derbez. Darin wird ein mittelalterliches Lied Hildegards von Bingen in eine zeitgenössische Komposition verwandelt. Das Wechselspiel von Gespräch und Musik machte den besonderen Reiz des Abends aus.
Was kann KI – und was bleibt dem Menschen?
Besonders aktuell wurde das Gespräch bei der Frage nach Künstlicher Intelligenz. Wenn Computer inzwischen selbst Musik erzeugen können, was bleibt dann das Besondere menschlicher Musik?
Für Türcke liegt eine Antwort im unmittelbaren Erlebnis. Musik sei ursprünglich mit Stimme, Körper, Mimik und Gestik verbunden. Deshalb bleibe auch im digitalen Zeitalter das „Hier und Jetzt“ der Live-Musik entscheidend. Musik lebt für ihn im Augenblick ihres Erklingens – in einer Begegnung zwischen Musikern und Zuhörern, die sich nicht einfach technisch reproduzieren lässt.
So blieb am Ende keine einfache Definition von Musik, sondern vielmehr die Erfahrung ihres Geheimnisses. Philosophie könne dieses Geheimnis erhellen, aber nicht auflösen. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft der Musik: Sie kann etwas ausdrücken, für das Worte nicht ausreichen.
Der Abend bildete den Auftakt der Finalwoche von DENKBARES und entstand in Kooperation mit dem Haus am Dom Frankfurt. Martin W. Ramb dankte zur Eröffnung insbesondere der Familie Ciesielski und Esther Kröner für die Bereitstellung des Kunstraums am Limes. Die Verbindung von Kunst, Kultur und gesellschaftlichem Nachdenken, so Ramb, stehe exemplarisch für das Anliegen von DENKBARES.
Weitere Themen
v. l.: Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski, Martin W. Ramb, Dr. Johannes Lorenz, Prof. Dr. Christoph Türcke, Eva Zöllner Foto: Foto: Timo Kessler