Von warmen Eiern, Energy-Drinks und Fußballern als Helfer im Ahrtal
Private Hilfsprojekte organisieren Essen, Handwerker, Spenden uvm.
Kreis AW. „… und dann liefen die Tränen – vor Freude“, erzählt Sascha Spessert. „Stellen Sie sich das mal vor, wir haben warme gekochte Eier vorbeigebracht und die Leute haben geheult vor Freude.“ Der 47-Jährige aus Sinzig ist noch Tage später sichtlich berührt. Sascha Spessert packt im Ahrtal an sowie Tina Siber, Stephanie Nafzger und andere unzählige Helfer. Private Hilfsaktionen sind binnen weniger Tage ins Laufen gekommen. Nahrung und Getränke werden für die von der Wetterkatastrophe betroffene Region organisiert und verteilt. Essen von Apetito und Energy-Drinks von Bloody Haary sind dabei. Ein Stück gelebter Solidarität in der Katastrophe.
Ausgangspunkt einer dieser Hilfsaktionen ist zum einen das Engagement von Sascha Spessert bei Foodsharing.de, einer Internetplattform zum Verteilen von überschüssigen Lebensmitteln in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im dortigen Forum postet er den Aufruf „Brauchen Brot und Brötchen für Ahrweiler“. Solidarität und Hilfsbereitschaft kennen darauf hin keine Grenzen. Er lernt dabei Tina Siber aus Ludwigsburg kennen, die aus dem Ahrtal stammt. Sie ist zum anderen mit Stephanie Nafzger schon dabei, Hilfe zu organisieren. Spessert schließt sich der Aktion an. Das Siber etwas unternehmen musste, war ihr sofort klar. Ihre Eltern leben im Tal, blieben jedoch von der Flut ebenso verschont, wie Sascha Spessert. Mit der Facebook-Gruppe „Flutopferhilfe aus‘m Ländle“ rekrutieren Siber und Nafzger Helfer und sammeln Spenden. Mittlerweile umfasst die Gruppe 870 Mitglieder. 15.000 Euro sind bisher gespendet worden. Damit sollen Familien unterstützt werden, die ihr Leben von Null wieder anfangen müssen.
Hauptquartiert der Hilfsaktion ist der Getränkemarkt der Familie Sönsken in Sinzig. Sven, Lucia und Kevin Sönsken spenden zusätzlich Getränke. Gemeinsam organisieren beide Warenlieferungen und verteilen diese mit weiteren Helfern im Katastrophengebiet. Siber schätzt, dass bisher 300 bis 400 Tonnen Hilfsgüter das Ahrtal erreicht haben. Darunter auch einmal eine Ladung mit Eiern, die gekocht und an die Helfer und betroffenen Menschen verteilt wurden. Die Freude und die Rührung wird Spessert sein Leben lang nicht mehr vergessen.
30 Paletten Getränke für das Ahrtal
Unglaubliche Konstellationen ergeben sich bei der Hilfsaktion. Ralph Sauer, der Mitinhaber der Getränkemarke „Bloody Harry“ aus Lahr, hatte über verschiedene Ecken Kontakt mit Sascha Spessert aufgenommen, wollte schnell und unbürokratisch helfen und spendete kurzer Hand einen Sattelzug mit 30 Paletten Getränke im Wert von 150.000 Euro. „Aus dem Ahrtal hieß es“, berichtet Sauer, „dass sie entweder Bier und Energy-Drinks brauchen könnten. Bier haben wir nicht.“ Und so machen sich 48.000 Dosen mit Energy Drinks und 24.000 Dosen mit einem Cuba-Libre-Mix auf den Weg ins Ahrtal. Sauer organisierte den Transport ins Krisengebiet mit Hilfe des Transportunternehmens Boos aus der Nachbarstadt Kehl. Für Boos Logistik war es selbstverständlich, einen Beitrag zu leisten. Am 26. Juli kam der Lkw vor Ort an und fleißige Helfer begannen mit der Verteilung der Getränke. „Die Leute haben sich riesig gefreut, mal etwas anderes zu trinken zu bekommen als nur Wasser“, weiß Sauer von „Bloody Harry“.
Ein weiteres Highlight ist die Verpflegung der Helfer und Betroffenen. Volker Steinmann vom Pflegedienst AL-AP aus Wiesbaden organisiert bei Apetito anständige Mahlzeiten. „Wir haben täglich zwei warme Menüs – und eines davon sogar vegetarisch“, berichtet Sascha Spessert. Handwerker, die aus den angrenzenden Regionen anreisen und unentgeltlich arbeiten, können so eine warme Mahlzeiten zu sich nehmen – ebenso die betroffenen Flutopfer. Vanessa und Sandra Glück gründen einen Kaffeestand, der auf reges Interesse stößt. Schließlich war das Wetter nach der Regenkatastrophe lange wechselhaft und kühl geblieben.
Unglaubliche Solidarität
Enorm auch das Engagement von Sascha Kuhn und dem SV Wiehl 2000 e.V. Kuhn und Mitglieder des Sportverein aus Nordrhein-Westfalen fahren am Wochenende das Ahrtal an, bringen benötigte Werkzeuge, Möbel und andere hochwertige Einrichtungsgegenstände mit. Dazu sammeln sie noch Spenden in ihrer Stadt. Als die Flutkatastrophe hereinbrach, ließen die Fußballer ihr Training sausen und machten sich auf den Weg ins Ahrtal. „Das sind unglaublich tolle Menschen“, freut sich Tina Siber über die Hilfe des Fußballvereins.
„Die Solidarität habe ich als unglaublich erlebt“, berichtet Ralph Sauer. Er machte sich vor Ort mit einem Pickup selbst ein Bild von der Lage und verteilte seine Bloody-Harry-Produkte beim THW. „Das war toll zu sehen, wie die sich gefreut haben über die Energy-Drinks. Die Hilfe ist gleich ankommen.“ Insgesamt wertet er die Situation als „brutal“. Die Leute stehen mit nichts da. Ihr ganzes Hab und Gut ist einfach weg. Weitere Unterstützung für die Region in Form von Sponsoring beispielsweise für Benefiz-Veranstaltungen schließt er nicht aus. Beeindruckend fand er, wie unterschiedliche Menschen gemeinsam anpackten.
Auch Sascha Spessert ist völlig überwältig von der Hilfsbereitschaft der Menschen. „Das läuft alles völlig unbürokratisch und schnell ab. Niemand muss irgendwo Anträge stellen und diese erst genehmigen lassen, wie es auf Behörden und in der Politik gang und gäbe ist.“ Auch jetzt, so sein Eindruck, kommt die Politik mit ihren Versprechungen nicht richtig in die Gänge. Es dauere alles viel zu lange. Ein Glück, dass die Bürger der Region sich auf die private Hilfe aus ganz Deutschland verlassen können.
