Gedanken im Blick - Glaube, Traditionen und Persönliches
Rede- und Meinungsfreiheit
Eine theologische Kolumne von Gunnar Bach
Es war am 18. Februar 1943. Hans und Sophie Scholl verteilen an der Münchener Universität Flugblätter gegen Hitler. Sie werden dabei beobachtet und gleich verhaftet. Beide werden später von den Nazis unter der Guillotine hingerichtet.
Ich finde es wichtig, immer wieder an diese Helden des Widerstands gegen die Nazis zu erinnern. Und ich bin dankbar, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem ich frei meine Meinung sagen und schreiben darf. Doch manche Menschen fühlen sich durch die zeitweise Einschränkung mancher Grundrechte durch die Pandemie-Bekämpfung auch in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagte die Querdenkerin Jana auf einer Demonstration in Kassel.
Ihr Satz ist ein Widerspruch in sich. Fakt ist, dass die Geschwister Scholl sofort verhaftet und ihnen ein kurzer, tödlich endender, nicht rechtstaatlicher Prozess gemacht wurde. Jana hingegen darf nach eigener Aussage Reden halten, demonstrieren und auch jetzt wieder bald nach den anstehenden Lockerungen auf Versammlungen gehen. Rede- und Meinungsfreiheit endet allerdings da, wo die Freiheit und die Würde anderer, besonders Schwächerer, angegriffen wird.
Spätestens nach Marc Rothemunds Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ aus dem Jahr 2005 bin ich auch emotional sehr beeindruckt vom Martyrium der Geschwister Scholl. Wer ihren Mut und ihren konsequenten Widerstand gegen die Barbarei der Nazis heute für andere Interessen instrumentalisiert, dem muss entschieden widersprochen werden.
Ihr Gunnar Bach
