Seniorenbeirat der Stadt Koblenz, Arbeitskreis Bildung und Kultur
Regionale Angebote von Bildungsreisen sprechen die Generation 50+ besonders an
Koblenz. Es ist schon eine gute Tradition: Wenn der Weihnachtsmarkt rund um die Liebfrauenkirche eröffnet ist, hat die Sprecherin des Arbeitskreises Bildung und Kultur, Monika Artz, auch stellvertretende Vorsitzende des Seniorenbeirats, in der DRK-Begegnungstätte den Jahresabschluss organisiert. Immer wird dann auch ein besonderer Vortrag angeboten. Diesmal hatte die Vorsitzende die Staatssekretärin a. D., Roswitha Verhülsdonk, selbst Mitglied im Seniorenbeirat, gebeten, über Bildungs- und Kulturreisen zu berichten und dabei von ihren eigenen Erlebnissen zu erzählen.
Geschmack gefunden
Verhülsdonk sprach ihre Freude darüber aus, dass die ältere Generation in den vergangenen 20, 30 Jahren zunehmend Geschmack an Bildungsreisen gefunden hat.
Vor allem, wenn diese als Gruppenreisen vor Ort angeboten werden, wie das zum Beispiel bei Reiseangeboten von Vereinen und Kirchen der Fall ist. Die fitten jungen Alten stellen da die Mehrheit der Teilnehmer. Das sei hocherfreulich und gut verständlich. Sie hätten wohl einen Nachholbedarf gegenüber ihren Kindern und Enkeln. Zudem ließen sie sich von den vorzüglichen Reportagen über kulturelle Zentren der Welt im Fernsehen inspirieren, das Gesehene selbst erleben zu wollen. Dann berichtete Verhülsdonk von drei Kulturreisen im zu Ende gehenden Jahr.
Zwei davon wurden vom Katholischen Leseverein angeboten, der, in der Zeit des Kulturkampfes entstanden, seitdem ein angesehener Bildungsverein ist. Die eintägige Bildungsreise im September hatte ein ungewöhnliches Ziel: das Freiluftmuseum des Landes Nordrhein-Westfalen in Kommern bei Bad Münstereifel.
In ein weites Wald- und Wiesengelände sind alte Bauernhöfe aus fünf Jahrhunderten und verschiedenen Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen detailgerecht dorthin umgesiedelt worden. So ist ein geschichtsträchtiges Dorf entstanden mit einem alten Kirchlein, einer Schule, einem originalgetreu eingerichteten Kolonialwarenladen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, einem Backes, in dem auf alte Weise Bauernbrot gebacken und verkauft wird, und einer Gaststätte. Die Anlage macht keinen musealen Eindruck, denn um die Häuser gackern Hühner und anderes Federvieh, im Stall grunzen die Schweine, auf der Weide grasen Schafe. In den Bauerngärten wachsen Blumen und Gemüse.
Tracht der Zeit
Das Museumspersonal trägt die Tracht der Zeit, in denen die Gebäude entstanden sind. Durch die Häuser wandernd, erleben die Besucher den Wandel der dörflichen Lebenswelten und lernen so mit den eigenen Augen, die Kulturgeschichte des ländlichen Raumes zu verstehen.
In einer Museumshalle wandeln die Gäste durch die gepflasterte, mit Schmutzwasserrinnen versehene Straße eines kleinen Städtchens. Durch die erleuchteten Fenster sind zunächst die Lebenswelten der Biedermeierzeit zu sehen. Fortschreitend wird die Veränderung des städtischen Lebens bis in die Nazizeit durchwandert. Es war eine Geschichtsstunde, die sich einprägte.
Gute Kontakte
Im späten Frühling bot der Leseverein eine drei- bis viertägige Kulturreise eigener Art an. Sie sind konzipiert von dem studierten Touristiker Adolf Meinung und von ihm geleitet. Er hat überall in den Nachbarländern Kontakte zu Kollegen und Freunden, die es ihm möglich machen, den Reisen seinen eigenen Stempel aufzuprägen. Diesmal war das Ziel Südböhmen, eine Region Tschechiens, die kaum einer der Reisenden im Blick hatte. Zielort war das als Bierstadt bekannte Budweis.
Meinung nutzt schon den Anreisetag, um die Reisegruppe auf das, was sie erleben werden, vorzubereiten. Die Historie, die Landschaft, die Kultur und Tradition, alles, was später vor Ort qualifizierte Reiseführer lebendig machen. Am Tag der Hinreise gab es eine Zwischenstation in der Altstadt von Passau mit Besichtigung des Doms. Bei den Besichtigungen von Städten, Klöstern und einem Schloss wurde die Geschichte seit dem 30-jährigen Krieg lebendig, bis in die Zerstörungen kirchlicher Einrichtungen in kommunistischer Zeit.
Im September gab es eine besondere Reise zu den Kathedralen in Südengland. Eingeladen hatte Pfarrer Stephan Wolff von der Pfarreiengemeinschaft Koblenz (Innenstadt Dreifaltigkeit). Er prägte von Anfang an das Klima in der zusammengewürfelten Reisegruppe. Das Programm trug seine Handschrift auch in den Orten, die besucht wurden. Seine persönlichen Kontakte zu einem katholischen Frauenkloster mit deutscher Oberin und einer katholischen St.-Josef-Pfarrei in der Partnerstadt Norwich bereicherten das Programm. Besichtigt wurden die außergewöhnlich schönen gotischen Kathedralen in Canterbury, Cambridge, Norwich, Lincoln und York. Auch ein Schloss und das Weltkulturerbe Fountains Abbey mit seinem riesigen vielfältigen Baumbestand waren im Programm. Ein besonderer Glücksfall war der englische Reiseleiter, ein emeritierter Professor für Kulturgeschichte sowie zudem Musikwissenschaftler und Dirigent. Er hat 15 Jahre in Mainz gelebt und zeitweise am Koblenzer Theater das Opernorchester dirigiert. In seiner Studienstadt Cambridge öffneten sich ihm alle Türen.
Höflich und hilfsbereit
Was ist außer den Kunstgenüssen in Erinnerung geblieben? Das außergewöhnliche Traditionsbewusstsein der Engländer, die dieses Kulturgut nicht dem Kommerz überlassen, sondern selber nutzen und pflegen. Die Höflichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen auf der Straße und in den Hotels, die Disziplin im gesamten öffentlichen Leben. Und die Familien mit ihren Kleinkindern, die überall in den Kulturstätten anzutreffen waren. Die Kinder lernen früh, am Leben der Erwachsenen teilzunehmen und sich den zivilisierten Umgangsformen anzupassen.
Artz dankte der Referentin für ihre spannende Erzählung. Anschließend gab es muntere Gespräche und Überlegungen, was sich der Arbeitskreis im neuen Jahr ins Programm schreibt. Vielleicht ist auch eine eintägige Bildungsreise dabei.
