„Rheinbach liest“ ließ Dichter slammen
RheinHexenSlam mit Moderator Lasse Samström erzeugte neue Poetry-Slam-Fans
Rheinbach. Zum ersten Mal unter freiem Himmel, im pittoresken Innenhof des Himmeroder Hofes, erlebte die sechste Auflage des Dichterwettbewerbs „RheinHexenSlam“ eine erstaunliche Entwicklung. Im altersmäßig überaus gemischten Publikum befanden sich eine ganze Reihe von Poetry-Slam-Neulingen, die voller Spannung und auch ein wenig Skepsis warteten, was ihnen der Abend wohl bieten mochte. Doch am Ende des Abends waren auch die größten Zweifler überzeugt von dieser modernen Kulturform und werden künftig vermutlich noch öfter dem hoffnungsvollen Poeten-Nachwuchs in die Karten schauen.
Zwei Meter lange Schüttelprosa
Zwar hatten sich die Gastgeber Steffi Scherer und Gerd Engel von „Rheinbach liest“ sommerlichere Temperaturen gewünscht, aber neben den Grillwürstchen, die gegen Spende abgegeben wurden, heizten an diesem Abend fünf Slammer und natürlich der Conferencier Lasse Samström, der allein schon das Eintrittsgeld wert ist, dem Publikum ordentlich ein. Samström verstand es geschickt, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen. Irgendwo zwischen Stefan Raab und Helge Schneider schlittert er manchmal auf dünnem Eis, markiert dann wieder den starken Mann und ist vielleicht ein bisschen selbstverliebt.
Nicht umsonst gehört er mittlerweile zu den bekanntesten Dichtern der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene und gewann alleine zwischen 1999 und 2006 über 50 Poetry Slams im In- und Ausland. Er gilt zudem als Erfinder der „Schüttelprosa“, von der er an diesem Abend außer Konkurrenz eine zwei Meter lange Kostprobe gab, bei der die Phrasendrescherei der Politik so lange geschüttelt wurde, bis einfach philosophische Zweideutigkeit daraus entstand.
Als erster Teilnehmer des Poetry-Slam-Wettbewerbs hüpfte ein junger Mann aus Aachen ins Rennen, der mysteriös als „Goldschläger“ angekündigt wurde und sich als Erfinder der Kunstsprache „Bürotisch“ ausgab.
Die wird in deutschen Behörden gepflegt und ist für den Normalbürger praktisch nicht verständlich. In diese Sprache übersetzt, offenbarte das Märchen von „Hänsel und Gretel“ erstaunliche Zusammenhänge zwischen baurechtlichen und forstwirtschaftlichen Vorschriften. Ihm folgte die Berlinerin Marie-Theres Schwinn, die einen packenden und höchstpolitischen „Monolog mit Gudrun Ensslin“ präsentierte, wobei ihr ihre Erfahrungen als Schauspielerin durchaus zu Gute kamen. War das die bühnenreife Wiederauferstehung der RAF?
Staatsstreich gegen König Konjunktiv
Jan Möbus aus Remscheid lieferte eine düstere Betrachtung gleichgeschalteter Innenstädte: „Glück im dealen, Pech in der Liebe“. Als vierter Slammer repräsentierte „Sim Panse“ aus Köln die Spezies der „Trockennasenaffen“ und entlarvte den „Sprachschatz“ im „Fellkampf“ nur als Produkt seines eigenen Verstandes.
Die erste Vorrunde beendete Bernard Hoffmeister aus Düsseldorf, der einen fulminanten Staatsstreich gegen König Konjunktiv forderte.
Alle Teilnehmer durften ihr Können in einer zweiten Vorrunde erneut unter Beweis stellen, diesmal befand Hoffmeister, dass er vom Computerspiel Tetris viel gelernt habe: „Fehler stapeln sich, Erfolge lösen sich auf“. Sim Panse erzeugte totale Stille im Hof, als er über die Geschehnisse auf dem Taksimplatz in der Türkei aus Sicht eines kleinen Mädchens und eines Polizisten berichtete, die um den Bruder und den Sohn trauern. Jan Möbus holte als „moderner Poet“ die Besucher zurück in die Welt der klassischen Poesie und ersetzte in Beziehungen „Zucker durch Süßstoff“. Marie-Theres Schwinn erinnerte an das Erwachsenwerden und setze nicht nur ihrer Oma ein verträumtes Denkmal mit vielen zuckersüßen Bildern im Kopf. Goldschläger schließlich karikierte das Bild des kleinen Bankangestellten, der viel lieber Profifußballer geworden wäre und nun permanent den „Béla Rhéty im Kopf“ hört.
Goldschläger gewinnt den Silbernen Hexenturm
Das Publikumsvoting aus beiden Runden wurde zusammengezogen, dabei setzten sich Goldschläger und Sim Panse punktgleich vom Feld ab. Im Finale überzeugte Goldschläger mit dem Gedankenexperiment, wie wohl die apokalyptischen Reiter den Weltuntergang bewerkstelligen würden und landete bei einem simplen Werkzeug aus dem Schreibwarenladen: sie würden die Welt einfach ausradieren. Versehentlich radierten sie dabei auch den Buchstaben K aus, was ihnen hinterher ein wenig leid tat, aber nicht mehr „_orrigiert“ werden konnte. Sim Panse hielt mit einer poetischen Schimpftirade gegen die Abhörpraktiken der NSA und professionalisierter Kriegsführung als „Neoliberaler Terror“ dagegen. Am Ende konnte sich Helge Goldschläger von Grafenmühle in der Applaus-Abstimmung knapp durchsetzen und geht als sechster Gewinner des Silbernen Hexenturms in die Geschichte des RheinHexenSlam ein.
