Hochwasserkatastrophe im linksrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises
Schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg forderte neun Menschenleben
Ganze Ortschaften mussten für mehrere Tage evakuiert werden, weil die Steinbachtalsperre zu brechen drohte - Katastrophenfall wurde von Landrat Sebastian Schuster ausgerufen - Aufräumarbeiten sind im Gange
Rhein-Sieg-Kreis. Die schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg suchte am Mittwochnachmittag und in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche auch den linksrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises heim. Ein flächendeckender Dauerstarkregen nie gekannten Ausmaßes führte zu extrem schnell ansteigenden Pegelständen in allen Gewässern der Region, die in der Folge großflächig über ihre Ufer traten und unzählige Ortschaften teils meterhoch unter Wasser setzen. In der ganzen Region sind die Rettungsdienste und Hilfsorganisationen rund um die Uhr im Dauereinsatz. Im Landkreis Ahrweiler und im betroffenen Teil des Rhein-Sieg-Kreises wurde der Katastrophenfall ausgerufen, ganze Ortschaften sind zerstört. In Rheinbach und Swisttal wurden ganze Ortschaften evakuiert, dort laufen die Aufräumarbeiten. Mindestens 100 Menschen kamen durch das Unwetter ums Leben, die allermeisten davon im Kreis Ahrweiler. Auch in Rheinbach waren sechs Tote zu beklagen, außerdem gab es in Swisttal drei Todesopfer. Unzählige Menschen wurden verletzt und viele sind noch immer vermisst.
Katastrophenfall offiziell festgestellt
Am Sonntag stellte Landrat Sebastian Schuster offiziell den Katastrophenfall fest. „Je mehr wir ans Aufräumen kommen, desto mehr offenbaren sich die tiefgreifenden Schäden an der Infrastruktur“, sagte er. Um den Wiederaufbau optimal bewältigen zu können, werde ein enges Zusammenspiel aller Beteiligten und die Verzahnung aller Akteure erforderlich sein. Rheinbachs Bürgermeister Ludger Banken koordinierte in der Feuerwache am Brucknerweg die Arbeit des Krisenstabes, denn das das Rathaus war auch am Sonntag noch, ebenso wie weite Teile der Rheinbacher Innenstadt, ohne Stromversorgung. Banken freute sich, dass auch sein Vorgänger Stefan Raetz aktiv im Krisenstab mitarbeitete. Gemeinsam arbeite man daran, die Lage wieder in den Griff zu bekommen und hoffe, dass alle Vermissten wieder wohlbehalten zurückkehren. Doch auch Tage nach der Flutkatastrophe war das volle Ausmaß der Schäden noch nicht absehbar. Insgesamt waren in der Nacht zum Donnerstag 450 Feuerwehrleute im Einsatz, in den Tagen darauf waren stets etwa 250 Einsatzkräfte im Dienst, vor allem um Keller leerzupumpen, Schlamm und Unrat wegzuräumen und die Menschen aus Niederdrees und Oberdrees zu evakuieren.
Niederdrees und Oberdrees komplett evakuiert
Schon am Donnerstag wurden die beiden Rheinbacher Dörfer Niederdrees und Oberdrees komplett evakuiert. Eine Vorsichtsmaßnahme, weil nicht sicher war, ob der Damm der Steinbachtalsperre gehalten werden kann. Sie wurden in die Rheinbacher Stadthalle gebracht, wo der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Köln in Zusammenarbeit mit den Kölner Johannitern eine Betreuungsstation für 500 Personen aufgebaut haben. Zu Spitzenzeiten am Donnerstagabend bevölkerten 800 Personen den Platz rund um die Stadthalle, was aber für die Einsatzkräfte kein Problem darstellte, wie Sven Grebe vom ASB versicherte. Er leitet die Betreuungsstelle, in der sich tagsüber 100 Helfer um die Belange der Evakuierten kümmern, neben 60 Leuten von ASB und Johannitern gehören auch 40 Soldaten der Tomburg-Kaserne zum Team. Die allermeisten der Evakuierten sind mittlerweile bei Verwandten und Bekannten untergekommen, dennoch mussten rund 250 Personen – überwiegend Familien mit Kindern und Senioren – versorgt werden. „Alles kein Problem, wir haben hier die Sache voll und ganz im Griff“, versichert Greve. Schließlich sei die Betreuungseinheit speziell für solche Situationen ausgebildet.
„Unsere Aufgabe ist es, die Unterkünfte sicherzustellen, Speisen und Getränke zu verteilen, Kleider und andere Dinge des täglichen Bedarfs abzugeben und nicht zuletzt ein offenes Ohr für die Sorgen der Betroffenen zu haben“, so Greve. Manchmal benötigen die Betroffenen aber auch „Erste Hilfe für die Seele“, denn mitunter würden auch schlimme Nachrichten überbracht. Dafür sei die Psychosoziale Notfallversorgung des ASB vor Ort kümmere sich um die Verzweifelten. Natürlich müsse auch die medizinische Versorgung gewährleistet sein, um etwa regelmäßige einzunehmende Medikamente für die Evakuierten sicherzustellen. Im benachbarten Jugendwohnheim der Glasfachschule wurde zudem eine eigene Abteilung für die Evakuierten eingerichtet, die pflegebedürftig oder bettlägerig sind, „um die kümmern sich speziell ausgebildete Pflegekräfte fast im Verhältnis eins zu eins.“
Stadthalle dient als Notunterkunft
Die Stadthalle und auch das Foyer dienen tagsüber als Aufenthaltsort und sind mit unzähligen Tischen und Stühlen ausgestattet. „Wir haben jede Menge Bücher und Gesellschaftsspiele verteilt, damit sich die Leute die Zeit vertreiben können“, weiß Grebe, wie wichtig die Ablenkung in einer solchen Ausnahmesituation ist. Die Essensausgabe erfolgt in der Mensa der Gesamtschule, allerdings wird hier nicht vor Ort gekocht. Vielmehr das Johanniter-Stift in Meckenheim die Verpflegung auf Bitte des Betreuungsteams übernehmen. „Die sind für solche Fälle ausgerüstet und können das viel besser erledigen als wir hier vor Ort.“ Dreimal am Tag werden dort zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen jeweils 300 Portionen zubereitet und dann mit einem Transportfahrzeug nach Rheinbach gebracht.
Wie lange der Betreuungsplatz in der Stadthalle noch gebraucht werde, war auch am Sonntagabend noch nicht absehbar. „Aber wir bleiben so lange hier, wie wir gebraucht werden, es gibt keine zeitliche Begrenzung“, beruhigte Grebe auch Bürgermeister Ludger Banken und den Ersten Beigeordneten Dr. Raffael Knauber, die in der Stadthalle nach dem Rechten sahen und mit den Betroffenen sprachen. In den Ortschaften stünden die jeweiligen Löschgruppenführer als Ansprechpartner zur Verfügung, außerdem werde die Stadt in Zusammenarbeit mit der Polizei Lautsprecherwagen herumschicken mit den notwendigen Informationen. Knauber sieht die Wiederherstellung der Versorgungssysteme und der Kommunikationsnetze auch als eines der Hauptthemen für die nächsten Tage. Fürs erste habe man in jedem Ort Mülllagerplätze eingerichtet, die aber schon derzeit völlig überfüllt seien und nicht ausreichen.
Einmaliger Zusammenhalt und unglaubliches Maß an Hilfe
In einem solchen schrecklichen Katastrophenfall zeigt sich aber auch der einmalige Zusammenhalt in der Bevölkerung und ein schier unglaubliches Maß an gegenseitiger Hilfe. Im ganzen Stadtgebiet bildeten sich in Windeseile private Initiativen, die beim Aufräumen, bei der Versorgung der Helfer mit Essen oder bei der Sammlung von Kleidung, Lebensmitteln und Hygieneprodukten im Einsatz waren. Zentrale Anlaufstelle ist die Pallottikirche, in der mittlerweile Sachspenden aus ganz Deutschland angekommen sind. Informationen zur Ausgabe gibt es am Bürgertelefon der Verwaltung unter der Telefonnummer 02226/917 400. Die Stadt bittet zudem, weiteren anfallenden Müll nach Möglichkeit zur Sammelstelle an der Boschstraße im Industriegebiet zu bringen. Zudem stellte der Sportverein Wormersdorf spontan sein Sportlerheim zur Unterbringung von Katastrophenopfern zur Verfügung. Hier wurden laut Ortsvorsteher Rolf Münch zehn Menschen aus dem Kreis Ahrweiler aufgenommen und versorgt. Die Hubertus-Schützen Wormersdorf haben ebenfalls ihre Halle angeboten.
Meckenheimer Feuerwehr verzeichnete 100 Einsätze
Die Meckenheimer Feuerwehr verzeichnete 100 Einsätze in der Nacht zum Donnerstag und war dafür mit 80 Feuerwehrleuten unterwegs. Zu bewältigen waren unter anderem ein Kellerbrand, mehrere Personen mussten hinter verschlossenen Türen gerettet werden, andere waren in ihren Fahrzeugen eingeschlossen. Das DLRG aus Mülheim an der Ruhr, Köln und Mettmann war mit sieben Booten und neun Fahrzeugen vor Ort. Die Wasserrettung war nötig, um in der Mühlenstraße die Häuser mit Booten zu erreichen. „Der Bauhof ist von Wasser umzingelt“, so der Feuerwehrsprecher. In der Unterdorfstraße in Ersdorf waren alle Keller vollgelaufen, das Wasser stand bis zur Decke und bis ins Erdgeschoss hinein.
Außerdem wurde das Vereinsheim des Stadtsoldaten-Corps stark in Mitleidenschaft gezogen. Nur wenige Stufen vor dem Erdgeschoss damit die Wassermassen zum Stillstand. Mit der Beseitigung der Folgen des Hochwassers wird man noch einige Wochen, wenn nicht gar Monate beschäftigt sein, hieß es. Schlimm sieht es auch aus Vereinshaus der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Meckenheim. Dort hatte der Bach am Mittwochabend schon gegen 18 Uhr auf der Wiese gestanden, gegen die andrängenden Wassermassen konnten zahlreiche Helfer auch aus den Reihen der Prinzengarde selbst mit Dutzenden von Sandsäcken nichts ausrichten. Kniehoch stand das Wasser in der erst kürzlich frisch renovierten Halle, der Schießstand im Keller war komplett mit Wasser vollgelaufen. Die Elektronik werde man nicht mehr in Gang bringen können, ist man sich sicher. Schwacher Trost: eine Reihe von historischen Fotos und Pokalen blieben heil, weil die Fluten einen einzigen Zentimeter darunter zum Stillstand kamen.
Vollgelaufen ist auch der Keller der katholischen Grundschule, die Gebrauchtkleiderstube des Vereins für Nachbarschaftshilfe „Kaleidoskop“ ist ebenfalls geschlossen. Massive Wasserschäden gab es auch in den Sporthallen in der Schützenstraße, weshalb der Sportbetrieb bis auf Weiteres eingestellt wird – voraussichtlich bis zu den Herbstferien. Für das Aufladen von Elektrogeräten steht die Jungholzhalle, Siebengebirgsring 4, täglich von 8 bis 16 Uhr zur Verfügung. Dort können sich Bürger ebenfalls heißes Wasser in mitgebrachte Gefäße abfüllen. Duschmöglichkeiten gibt es außerdem von 8 bis 16 Uhr im ansonsten geschlossenen Hallenbad.
Mehr als 2000 Menschen entlang der Swist evakuiert
Einen Großeinsatz leistete auch die Swisttaler Feuerwehr, denn gerettet werden mussten mehr 2000 Menschen aus den überschwemmten Häusern und Wohnungen entlang der Swist in Heimerzheim, Odendorf, Essig, Ludendorf und Miel. Die Evakuierung erfolgt in drei Phasen: Zunächst holten Hubschrauber der Bundespolizei und der Bundeswehr die Menschen von den Dächern ihrer Häuser, auf die sie sich gerettet haben. Sobald das Wasser zurückging, kamen Boote der Bundespolizei und der Feuerwehren zum Einsatz. Schließlich erfolgte eine „Evakuierung über die Straße“ mit wassertauglichen. Hubschrauber hatten zuvor die betroffenen Gebiete überflogen und die Menschen über Lautsprecherdurchsagen informiert. Auch darüber, dass die Evakuierten sich auf bis zu 96 Stunden Aufenthalt in einem Übergangsquartier einrichten sollten. Auch in Swisttal waren sämtliche Kommunikationswege zur Außenwelt abgeschnitten. Am Sonntagabend zumindest für Heimerzheim die Evakuierung aufgehoben, weil die Swist sich wieder in ihr Bett zurückgezogen hatte.
Die Straßen waren voller Schlamm, Autos lagen quer im Flussbett oder auf den Gleisen, die Wassermaßen hatten die parkenden Fahrzeuge in den Ortschaften verteilt. Eine Schlammwelle hatte Odendorf mitten in der Nacht getroffen.
Wachtberg wurde weitestgehend von Schäden verschont
Die Gemeinde Wachtberg war diesmal weitestgehend vor Schäden verschont geblieben. „Die Maßnahmen, die wir in den letzten Jahren ergriffen haben, waren effektiv“, sagte der Beigeordneter Swen Christian. Er wies aber auch darauf hin, dass kein Regenereignis wie das andere sei und es vor derartigen Unwetterereignissen nie einen hundertprozentigen Schutz gebe. Bis in die späte Nacht hinein waren er und Bürgermeister Jörg Schmidt unterwegs, um alle neuralgischen Gefahrenpunkte in der Gemeinde in Augenschein zu nehmen. In den Tagen zuvor hatten Mitarbeiter der Gemeindewerke und des Baubetriebshofs vorsorglich nochmals Durchlässe, Brücken, Verrohrungen und Einläufe überprüft und gesäubert. „In Arzdorf hat sich der Ringgraben bewährt“, erläuterte Katharina Hark, Vorständin der Wachtberger Gemeindewerke. In Werthhoven seien die Retentionsräume vollgelaufen, die Gräben hätten alle ebenfalls funktioniert, auch die Brücken hielten diesmal Stand. Auch Hark betonte, wie wichtig es für Hauseigentümer sei, Eigenvorsorge zu treffen, um derartigen, sich klimatisch bedingt zunehmenden Jahrhundertereignissen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Kai Birkner, Geschäftsführer des Energieversorgers enewa, berichtete von einigen Kurzschlüssen und einem größeren Stromausfall in Züllighoven, aber auch dort sei es enewa-Technikern gelungen, die Versorgung wiederherzustellen. Michael Ruck von der Freiwilligen Feuerwehr berichtete von insgesamt 32 Einsätzen in der Nacht zu Donnerstag. Auf Burg Odenhausen in Berkum drohte der Burggraben überzulaufen, was Überschwemmungen der benachbarten Häuser zur Folge gehabt hätte. Der Wasserspiegel konnte jedoch wieder gesenkt werden.
JOST
Die Autobahn A 61 war zeitweise komplett von Wasser überflutet, sie ist zwischen dem Kreuz Meckenheim und dem Kreuz Kerpen wohl für Monate gesperrt.Foto: Bundespolizei-Fliegergruppe
Foto: Volker Jost
Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung war enorm, überallbaren Sammelstellen eingerichtet worden.Foto: Jost
In der Turnhalle der Rheinbacher Glasfachschule standen über 200 Feldbetten bereit, um den Evakuierten aus Oberdrees und Niederdrees einen Schlafplatz zu bieten. Foto: JOST
