Schriftsteller stellt Buch über das Euthanasieopfer Pauline Leicher vor
Heiner Feldhoff schildert in der Musikkirche in Ransbach-Baumbach das Schicksal der Westerwälder Frau – Jens Schawaller begleitet ihn an der Geige
Ransbach-Baumbach. Fast 15.000 Menschen haben die Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1945 in der damaligen Tötungsanstalt Hadamar umgebracht. Menschen, deren Leben die Nazis als „lebensunwert“ einstuften. Unter den Toten ist auch die Westerwälderin Pauline Leicher. Der Schriftsteller Heiner Feldhoff, der seit Jahrzehnten in Pauline Leichers Heimatdorf lebt, hat ein Buch über das Schicksal der Frau geschrieben, die nur 37 Jahre alt wurde. Am Samstag, 3. Februar, lesen Feldhoff und Claudia Schwamberger ab 17 Uhr in der evangelischen Musikkirche in Ransbach-Baumbach aus Feldhoffs Roman Pauline Leicher oder Die Vernichtung des Lebens“. Musikalisch gestaltet wird die Lesung von Dekanatskantor Jens Schawaller.
Pauline Leicher ist ein Mädchen aus Lautzert im Westerwald. Sie stammt aus einer zehnköpfigen Familie aus einfachen Verhältnissen. Sie ist verträumt, vielleicht ein wenig unbeholfen. Ob sie damals unter einer Behinderung litt, weiß man heute nicht mehr. Überhaupt ist wenig über sie bekannt. Fest steht: 1940 wird Pauline Leicher in die Anstalt Andernach eingewiesen und von dort am 6. Mai 1941 im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ nach Hadamar verlegt. Noch am selben Tag wurde sie ermordet.
Heiner Feldhoff, der seit Jahrzehnten im Heimatort von Pauline Leicher lebt, schreibt in sehr persönlichen Worten von seinem eigenen Widerstand gegen das Thema, vom Aufschieben der Arbeit, von seiner Angst vor dem Besuch in Hadamar. Aber auch von der Überzeugung, mit seinem Erinnerungsbuch das Richtige und Notwendige zu tun. Er hat sich für die Geschichte von Pauline Leicher interessiert, hat recherchiert und mit einigen noch lebenden Zeitzeugen gesprochen - soweit sie sich ihm öffneten. Denn viele wollen das Thema lieber ruhen lassen.
In Ransbach-Baumbach will Heiner Feldhoff Pauline Leicher ein wenig lebendig werden lassen. Er wird die Lesung mit Fotos illustrieren und gemeinsam mit Claudia Schwamberger die Texte aus seinem Buch dialogisch vortragen. Musikalisch begleitet Jens Schawaller die Lesung auf der Violine. Der Dekanatskantor hat sich bewusst für dieses zerbrechliche Instrument entschieden. Denn das Thema berührt ihn auch aus persönlichen Gründen. Eine Verwandte von ihm wurde in Grafeneck ermordet. „Ich spiele an diesem Abend für sie, für Pauline Leicher und für alle, die dort ihr Leben verloren haben“, sagt er. „Gerade jetzt gehört dieses Thema in die Öffentlichkeit. Man muss die Ermordeten ehren und ihnen einen Namen geben. Sonst werden sie totgeschwiegen.“
Heiner Feldhoff selbst findet es wichtig, sich nun der Lebensgeschichte eines Unbekannten und Vergessenen zu widmen. Er freue sich, schreibt er, ein Menschenkind, das in die Hölle geworfen wurde, ein Stück durch Raum und Zeit begleiten zu dürfen.
Der Eintritt zu der etwa 90-minütigen Autorenlesung ist frei. BA
