Ein Beitrag zum Tag des offenen Denkmals in Rheinbreitbach und Umgebung
Sein und Schein in der Denkmalpflege
Rheinbreitbach. Wer kennt es nicht, wenn ein jahrelang leer stehendes altes heruntergekommenes Haus nach langer Zeit von einer jungen Familie oder einem engagierten Ehepaar gekauft wird und dann begonnen wird zu renovieren. Da kommen unter dicken Putzschichten und Ethernitplatten verborgen alte Fachwerkbalken wieder zum Vorschein, Stuckornamente werden wieder sichtbar gemacht und historische Fenster und Türen geben auf einmal dem heruntergekommenen Haus wieder seinen gepflegten und ursprünglichen Charakter zurück.
Vor der Renovierung hatten die Menschen dem alten Gemäuer keinerlei Beachtung geschenkt. Doch nach einigen Monaten stehen nun die Menschen staunend vor dem historischen Haus und beglückwünschen die neuen Eigentümer zu ihrer Errungenschaft. Manche von ihnen geben sogar offen zu, dass er gar nicht gewusst habe, dass unter den dicken Putzschichten ein solch historisches Juwel schlummere. Ein typisches Beispiel vieler historischer Gebäude nicht nur in Rheinbreitbach, die häufig mehr sind, als sie scheinen.
Doch wie kam es eigentlich dazu, dass viele Fachwerkhäuser in Rheinbreitbach verputzt oder mit Ethernitplatten zugenagelt wurden? Gibt es hier vielleicht schon eine längere Tradition, die schon seit geraumer Zeit anhält? Welche Gründe spielen hier eine fundamentale Rolle, dass manche Häuser mehr sind als sie scheinen oder umgekehrt mehr sein wollen als sie tatsächlich sind?
Um die Anfänge dieser Entwicklung zu verstehen, muss man auf die Entwicklung des Bürgertums schauen, die im Mittelalter ihre Anfänge nahm und sich im Laufe der frühen Neuzeit sowie in der Zeit der Industrialisierung verstärkte. Durch den zunehmenden Handel und die Vernetzung der Welt sowie dem technischen und gesellschaftlichen Fortschritt wuchs die Anzahl derer, die einen guten Verdienst hatten und diesen auch äußerlich in Form von Gebäuden nach außen tragen wollten. Zu Anfangs geschah dies noch, in dem die alten Fachwerkhäuser aus dem Mittelalter angebaut oder mit reichen Schnitzereien verziert wurden. Auch der Neubau von großen Fachwerkhäusern mit hohen Decken, großen Fenstern und Stuckverzierungen im Inneren stillten den Geltungsdrang des wohlhabenden Bürgertums. Doch mit der Zeit wuchsen stetig die Ansprüche der Bewohner, sodass neue, reicher verziertere und größere Gebäude gebaut wurden, die entweder aus Stein oder schon als verputztes Fachwerk geplant wurden sowie es in der Zeit des Barock durchaus üblich war. Es entstanden repräsentative Wohnsitze, die die Macht und den Wohlstand des aufstrebenden Bürgertums darstellte.
Ruf des Fachwerkhauses als „Arme Leute Haus“
Im Gegensatz hierzu verblieben die ärmeren und weniger wohlhabenden Menschen in den alten Fachwerkhäusern. Elend und Armut waren je nachdem in manchen Fachwerkvierteln zu Hause, sodass sich langsam der Ruf des Fachwerkhauses als „Arme Leute Haus“ durchsetzte. Wer dennoch durch Erbschaft oder Fleiß es in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zu etwas Geld gebracht hatte, sich jedoch keinen Neubau leisten konnte, veränderte das Fachwerk so, dass es einem modernen Bürgerhaus des 18. oderdes 19. Jahrhunderts ähnelte.
In Rheinbreitbach existierte z.B. bis in die 1970er Jahre ein Fachwerkhaus, dessen Vorderseite eine Bürgerliche Steinfassade mit Stuckornamentik hatte, jedoch deren Rück- und Seitenwände in offenem Fachwerk ausgeführt waren. Heute existiert in der Burgstraße ein solches Gebäude noch und darf als eines der letzten in Rheinbreitbach gelten. Doch auch die ärmeren Leute versuchten ihre Häuser dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen, indem sie mit einfachsten Mitteln (z.B. Kalkfarbe) zu besonderen Anlässen die Fachwerkhäuser komplett weiß anstreichen, um einen bürgerlichen Hauscharakter zu imitieren.
Erst durch die Gründung des Kaiserreichs, die Romantik und der Erforschung und Bewahrung der eigenen Geschichte begann ein Umdenken bezüglich der Fachwerkhäuser und historischer Bauten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den verbundenen Leiden des NS Regimes wurde diese Entwicklung unterbrochen. Die Menschen waren fasziniert von der architektonischen Modernität der Besatzungsmächte (vor allem der Amerikaner) und wollten nach der entbehrungsreichen Zeit des Krieges alles Alte radikal hinter sich lassen. Somit begann in der Wirtschaftswunderzeit eine Abriss- und Umbauwelle. Fachwerkhäuser wurden in dem Glauben nur der Fortschritt und die Moderne seien richtig verputzt und mit Ethernitplatten versehen. Es herrschte der bis heute noch teilweise andauernde Glaubenssatz vor, dass modernes Wohnen in alten (Fachwerk-)Häusern nicht möglich sei. Die Menschen wollten aus den alten Fachwerkhäusern dem äußerlichen Anschein nach ein modernes Haus errichten. Häufig spielten hierbei finanzielle Aspekte eine Rolle. Die Besitzer der alten Häuser hatten kein Geld, um sich ein neues Haus auf der grünen Wiese zu bauen, sodass sie mit weniger Kapital den vorhandenen Besitz umbauten, um den Anschein eines modernen Neubaus zu erwecken. Heutzutage erkennen viele Hausbesitzer wieder den Wert der alten Immobilien. Sie erkennen die wirkliche Struktur und das wahre „Sein“ dieser umgebauten historischen Häuser und bauen mit viel Aufwand, Geld und Fingerspitzengefühl die alten Häuser wieder in ihren Ursprungszustand zurück. Da werden die alten Fensterstrukturen wieder hergestellt und Sprossenfenster eingebaut. Ethernitplatten werden abgerissen und das alte Fachwerkgebälk wieder instandgesetzt oder durch einen Zimmermann wieder komplett hergestellt. Dachgauben werden dem Hausstil entsprechend der Größe und Form her angepasst. Natürliche und nachhaltige Baumaterialien wie Lehm, Stroh, Hanf und Holz kommen wieder zum Einsatz.
Hierbei verzichten die neuen Hauseigentümer keinesfalls auf moderne Annehmlichkeiten. Neue Holzöfen, Fußbodenheizung, geschmackvolle Bäder und Küchen, offene lichtdurchflutete Fachwerkgefüge schaffen ein angenehmes und modernes Wohngefühl. Die neue Generation von Hauseigentümern schafft eine neue behutsame und respektvolle Verbindung zwischen alt und neu, die keinerlei moderner Scheinbilder bedarf, sondern den Ursprungscharakter der historischen Häuser (das ursprüngliche Sein) in den Mittelpunkt stellt.
