Allgemeine Berichte | 25.07.2022

Förderverein Kultur im A.K.T. e.V.

Siddhartha und der Fluss des Lebens

Spritziger Sommervortrag von Mathias Jung Siddhartha in Montabaur

Heike Schönborn, Dr. Mathias Jung und Afra Drüner. Foto: privat

Montabaur. Dem Förderverein Kultur im A.K.T. e.V. traf mit deinem neuen Vortrag den Nerv der Zeit. Siddhartha des Nobelpreisträgers Hermann Hesse wurden am Montag dieser Woche die Pforten der Stadthalle Montabaur weit geöffnet von dem bekannten Philosophen und Therapeuten Dr. Mathias Jung aus Lahnstein. Er nahm gewohnt gekonnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit in das alte, geheimnisvolle Indien des Siddharta Gautama, des späteren Buddha.

Diese poetische Reise greift zurück auf die philosophische Parabel „Siddhartha“ von Hermann Hesse. Hesse befand sich, so berichtet Jung sehr anschaulich, in den Unruhejahren nach der großen Katastrophe des ersten Weltkrieges selbst auch in katastrophalen finanziellen wie persönlichen Verhältnissen. Seine Ehe ist in einer Krise, seine Tantiemen aus Deutschland dürfen nicht in die Schweiz überwiesen werden, er sondert sich ab, wird selbst zum Steppenwolf. Hesse gelingt es, zu überleben, dabei seine bürgerliche Existenz zu retten als auch seine eigene geistige Integrität zu bewahren, in dem er sich auf seine Einmaligkeit besinnt und seine Göttlichkeit bejaht, wie sie jedem Menschen innewohne. Damit eröffnet er sich eine Heilreise, den Weg zu sich selbst. So entsteht „Siddhartha“ in mehreren Schritten seit Anfang der 1920er Jahre. Rettung kann nur im Individuum des Einzelnen liegen, oder: „Ich lasse mich nicht im Stich!“ Angesichts des millionenfachen Mordens auf den Schlachtfeldern sowie des Erwachens des Faschismus kann die Zukunft nur im einzelnen Individuum angesiedelt werden, welches eigenständig denkend den Sinn der Existenz erkundet. Hesse gelingt das unbeschreibliche: Er nimmt uns mit zu der historischen Figur des Buddha in seinen jungen Jahren, als revoltierender Jüngling Siddhartha gegen den Vater und die Institutionen, und fügt ihm die Sicht des aufgeklärten Menschen der Zeit Hesses hinzu. Somit beschreibe Hesse, erläutert Jung in seinem Vortrag, das „zyklische Ich“ vom Jugendlichen zum Erwachsenen in der modernen Welt. Wie sehr Hesse mit dem später überall im Westen gelesenen Werk den Nerv der Zeit traf, konnte er noch nicht ahnen.

Henry Miller beschrieb es so: „Einen Buddha zu schaffen, der den allgemein anerkannten Buddha übertrifft, das ist eine unerhörte Tat, gerade für einen Deutschen. Siddhartha ist für mich eine wirksamere Medizin als das Neue Testament.“ Der historische Siddhartha strebte nach Überwindung alles Irdischen, lobte und praktizierte die Askese und die Abwendung von der Welt, nach der „Entselbstung“. Mathias Jung schildert uns, wie aber Hesses Siddhartha die eine, entscheidende Bruchstelle in der Lehre des Buddha erkennt: Die Idee der Erlösung durch Selbstverzicht ist nur ein Axiom, eine unbewiesene Grundannahme am Anfang der philosophischen Herleitung des hochverehrten altindischen Erleuchteten und Lehrmeisters, aber eben kein generalisierendes Gesetz und nicht beweisbar. Hier schaltet sich Hesses aufklärerischer Zweifel ein, so Jung, den schon Kant in seinem berühmten „Benutze deinen Verstand!“ kategorisch einforderte. Siddhartha sagt es so: „Ich gehe bei mir selbst in die Lehre!“ Hesses Siddhartha lässt sich, dieser Einsicht folgend, im weltlich-materiellen Leben lehren durch die schöne Kurtisane Kamala, die ihn in die Kunst der körperlichen Liebe einführt wie auch in die Welt des Handels und Geldverdienens. „Sie liebt das Beste aus ihm heraus,“ so Jung, „denn sie beherrscht die Alchemie der Liebe und weiß einen tüchtigen Mann aus ihm machen.“ Siddhartha verliebt sich daraufhin, so beschreibt es uns Jung, in die gesamte Schöpfung, sucht „Heimat in der Welt“, und zieht nicht ins Jenseits. „So einfach!“, erfreut es Jung an diesem Abend. Siddhartha wird reich, steinreich sogar. Doch er kommt in eine schwer greifbare Sinnkrise, verlässt die schwanger Kamala und versucht sich im großen indischen Fluss Ganges zu ertränken. Schon fast bewusstlos unter Wasser zuckt das ‚OM‘ in ihm auf und er kehrt an die Oberfläche zurück und lebt. Dies ist bei Hesse das Erweckungserlebnis des Siddhartha, und zugleich eine Art irdische Reinkarnation. Mathias Jung macht darauf aufmerksam, dass und wie wir unsere diesseitige Inkarnation bewältigen können, ja müssen und sollen: durch Metamorphosen nämlich, Verwandlungen durch Versuch und Irrtum in diesem Leben, nicht durch weglaufen in ein jenseitiges Nirwana bereits im Hier und Jetzt. Jung bringt es auf den Punkt: „Oft ist nicht Warten auf die Inspiration gefragt, sondern mehr Transpiration.“ In der berühmten Geschichte trifft Siddhartha schließlich den alten Fährmann, als dessen Gehilfe er forthin den großen Fluss überquert, in dessen Hütte bescheiden lebt und abends den Weisheiten des Alten lauscht oder selbst seine Geschichten erzählt. So wird der Fährmann, erläutert Jung, durch sein verständnisvolles Zuhören zum Therapeuten des erwachsenen Siddhartha, der sich nicht mehr an einer Vaterfigur abarbeiten muss. Jung zitiert Friedrich Nietzsche, der einst schrieb: „Wer wenig besitzt, wird wenig besessen.“ Der fließende Fluss versinnbildlicht also eine diesseitige Schöpfungslehre vom ewigen Kreislauf des Lebens: Alles ist verwoben miteinander. Und nur diese Kleinigkeit ist Siddhartha den anderen Menschen voraus: sein Wissen, alles ist Eins.

Der Förderverein Kultur im A.K.T. e.V. richtet seit mehr als 20 Jahren Konzerte, Kulturevents und Vorträge für den Westerwald aus. Der nächste Vortrag „Verlorene Kindheit – Europas vergessene Kinder“ wird von der Fotografin und Aktivistin Alea Horst am 12. September um 19:30 Uhr wieder in der Stadthalle Montabaur gehalten.

Heike Schönborn, Dr. Mathias Jung und Afra Drüner. Foto: privat

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Jörg Kasper: Habe zehn Jahre rumgedocktert, war schon als Simmulant abgestempelt, dann 2021 war es soweit. Im November links, Hüfttep und weil es so schön war, sieben Monate später rechts, da hatte mein Arzt dann gemerkt das ich nicht simuliert habe.
  • Horst Peschell: Manschmal isch aber auch der Bein und der Knie inschgeschamt im Arrrrgehnnnn, ich hab Krääääätze und Schoooorf, Schnooooorrrrr!!! ESCH juckt so seeeehr, ob eine Prothese da hilft ? mit freundlichen Grüßen Eure Schorfkrätze
  • Heruete: Holt euch auf jeden Fall eine Zweit- oder Drittmeinung ein. So schnell wie in Deutschland wird in keinem anderen Land operiert und der Patient über den OP Tisch gezogen
  • Hans Peter Wolf: Der Bambini-Prinz Emil Lichtenberg fehlt leider im Text.
  • Anne: Ein Faustschlag mitten ins Gesicht und ein Dolchstoß mitten ins Herz aller Flutopfer…nicht nur der Toten und deren Angehörigen und Freunden, sondern insbesondere der unzählig vielen traumatisierten Menschen...
  • Betroffener: Wiedermal ein Totalversagen der Justiz und es werden Täter geschützt ! Inzwischen darf man sich wirklich fragen ob diese Justiz überhaupt noch der Gerechtigkeit und dem Volk dient oder einfach nur noch die Politiker zu schützen versucht !
Image Anzeige
Wir helfen im Trauerfall
Richtfest Jahn Eleven
Sprudelndes Sinzig
Sprudelndes Sinzig
Sonderseite Jah  Eleven
Sonderseite Jahn Eleven
Sonderseite Jahn Eleven
Stellenanzeige Lader
 Sachbearbeiter/in (w/m/d)
Empfohlene Artikel
Weine und Sonnenschein genießen in Leutesdorf am Rhein.  Foto: Mittelrhein-Wein e. V.
28

Leutesdorf. Am vergangenen Samstag wurde Leutesdorf zum Treffpunkt für Weinliebhaber aus nah und fern. Zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland besuchten die größte weinbautreibende Gemeinde am nördlichen Mittelrhein und genossen einen Tag ganz im Zeichen des Mittelrheinweins.

Weiterlesen

Der Schützenverein gratulierte den Siegerinnen und Siegern.  Foto: privat
59

Bad Hönningen. Am 4. Juni 2026 veranstaltete die St. Seb. Schützenbruderschaft Bad Hönningen ihr diesjähriges Königsschießen mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aller Altersklassen. Neben den traditionellen Pokalwettbewerben standen auch die beliebten Adlerschießen auf dem Programm.

Weiterlesen

Weitere Artikel
8

Information, Austausch und Familienerlebnis rund um unsere Weidetiere

2.Westerwälder Weidetiertag in Mörsbach

Mörsbach. Am Sonntag, dem 14. Juni 2026, lädt die Bürgerinitiative Wolfsprävention Westerwald gemeinsam mit dem Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau e.V. zum 2. Westerwälder Weidetiertag an die Grillhütte in Mörsbach ein. Die Veranstaltung findet von 11 bis 17 Uhr statt und wird von zahlreichen Verbänden, Organisationen und Unterstützern aus Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen getragen.

Weiterlesen

In entspannter Atmosphäre möchten wir uns beim NABU-Stammtisch über Naturschutzthemen auszutauschen.
10

Allgemeine Berichte

Neuer NABU-Stammtisch

Hundsangen. Die NABU Gruppe Hundsangen lädt ganz herzlich zum einmal im Quartal stattfindenden neuen NABU Hundsangen – Stammtisch ein.

Weiterlesen

Image Anzeige
Wir helfen im Trauerfall
Wir helfen im Trauerfall
Wir helfen im Trauerfall
Auftrag, Nr. AF2025.000354.0, Juni 2026
Azubispots Koblenz
Sonderseite Jahn Eleven
Anzeigenauftrag #PR111825-2026-0006#
Kirmes in Königsfeld
sprudelndes Sinzig
Sonderseite Jahn Eleven
Sonderseite Jahn Eleven
Anzeigensponsoring Sommerbunt - o.B.
sprudelndes Sinzig
Bauingenieur/in (w/m/d)
Stellenanzeige Berufskraftfahrer
Feuerwehrfest in Heimersheim