Förderverein Kultur im A.K.T. e.V.
Siddhartha und der Fluss des Lebens
Spritziger Sommervortrag von Mathias Jung Siddhartha in Montabaur
Montabaur. Dem Förderverein Kultur im A.K.T. e.V. traf mit deinem neuen Vortrag den Nerv der Zeit. Siddhartha des Nobelpreisträgers Hermann Hesse wurden am Montag dieser Woche die Pforten der Stadthalle Montabaur weit geöffnet von dem bekannten Philosophen und Therapeuten Dr. Mathias Jung aus Lahnstein. Er nahm gewohnt gekonnt seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit in das alte, geheimnisvolle Indien des Siddharta Gautama, des späteren Buddha.
Diese poetische Reise greift zurück auf die philosophische Parabel „Siddhartha“ von Hermann Hesse. Hesse befand sich, so berichtet Jung sehr anschaulich, in den Unruhejahren nach der großen Katastrophe des ersten Weltkrieges selbst auch in katastrophalen finanziellen wie persönlichen Verhältnissen. Seine Ehe ist in einer Krise, seine Tantiemen aus Deutschland dürfen nicht in die Schweiz überwiesen werden, er sondert sich ab, wird selbst zum Steppenwolf. Hesse gelingt es, zu überleben, dabei seine bürgerliche Existenz zu retten als auch seine eigene geistige Integrität zu bewahren, in dem er sich auf seine Einmaligkeit besinnt und seine Göttlichkeit bejaht, wie sie jedem Menschen innewohne. Damit eröffnet er sich eine Heilreise, den Weg zu sich selbst. So entsteht „Siddhartha“ in mehreren Schritten seit Anfang der 1920er Jahre. Rettung kann nur im Individuum des Einzelnen liegen, oder: „Ich lasse mich nicht im Stich!“ Angesichts des millionenfachen Mordens auf den Schlachtfeldern sowie des Erwachens des Faschismus kann die Zukunft nur im einzelnen Individuum angesiedelt werden, welches eigenständig denkend den Sinn der Existenz erkundet. Hesse gelingt das unbeschreibliche: Er nimmt uns mit zu der historischen Figur des Buddha in seinen jungen Jahren, als revoltierender Jüngling Siddhartha gegen den Vater und die Institutionen, und fügt ihm die Sicht des aufgeklärten Menschen der Zeit Hesses hinzu. Somit beschreibe Hesse, erläutert Jung in seinem Vortrag, das „zyklische Ich“ vom Jugendlichen zum Erwachsenen in der modernen Welt. Wie sehr Hesse mit dem später überall im Westen gelesenen Werk den Nerv der Zeit traf, konnte er noch nicht ahnen.
Henry Miller beschrieb es so: „Einen Buddha zu schaffen, der den allgemein anerkannten Buddha übertrifft, das ist eine unerhörte Tat, gerade für einen Deutschen. Siddhartha ist für mich eine wirksamere Medizin als das Neue Testament.“ Der historische Siddhartha strebte nach Überwindung alles Irdischen, lobte und praktizierte die Askese und die Abwendung von der Welt, nach der „Entselbstung“. Mathias Jung schildert uns, wie aber Hesses Siddhartha die eine, entscheidende Bruchstelle in der Lehre des Buddha erkennt: Die Idee der Erlösung durch Selbstverzicht ist nur ein Axiom, eine unbewiesene Grundannahme am Anfang der philosophischen Herleitung des hochverehrten altindischen Erleuchteten und Lehrmeisters, aber eben kein generalisierendes Gesetz und nicht beweisbar. Hier schaltet sich Hesses aufklärerischer Zweifel ein, so Jung, den schon Kant in seinem berühmten „Benutze deinen Verstand!“ kategorisch einforderte. Siddhartha sagt es so: „Ich gehe bei mir selbst in die Lehre!“ Hesses Siddhartha lässt sich, dieser Einsicht folgend, im weltlich-materiellen Leben lehren durch die schöne Kurtisane Kamala, die ihn in die Kunst der körperlichen Liebe einführt wie auch in die Welt des Handels und Geldverdienens. „Sie liebt das Beste aus ihm heraus,“ so Jung, „denn sie beherrscht die Alchemie der Liebe und weiß einen tüchtigen Mann aus ihm machen.“ Siddhartha verliebt sich daraufhin, so beschreibt es uns Jung, in die gesamte Schöpfung, sucht „Heimat in der Welt“, und zieht nicht ins Jenseits. „So einfach!“, erfreut es Jung an diesem Abend. Siddhartha wird reich, steinreich sogar. Doch er kommt in eine schwer greifbare Sinnkrise, verlässt die schwanger Kamala und versucht sich im großen indischen Fluss Ganges zu ertränken. Schon fast bewusstlos unter Wasser zuckt das ‚OM‘ in ihm auf und er kehrt an die Oberfläche zurück und lebt. Dies ist bei Hesse das Erweckungserlebnis des Siddhartha, und zugleich eine Art irdische Reinkarnation. Mathias Jung macht darauf aufmerksam, dass und wie wir unsere diesseitige Inkarnation bewältigen können, ja müssen und sollen: durch Metamorphosen nämlich, Verwandlungen durch Versuch und Irrtum in diesem Leben, nicht durch weglaufen in ein jenseitiges Nirwana bereits im Hier und Jetzt. Jung bringt es auf den Punkt: „Oft ist nicht Warten auf die Inspiration gefragt, sondern mehr Transpiration.“ In der berühmten Geschichte trifft Siddhartha schließlich den alten Fährmann, als dessen Gehilfe er forthin den großen Fluss überquert, in dessen Hütte bescheiden lebt und abends den Weisheiten des Alten lauscht oder selbst seine Geschichten erzählt. So wird der Fährmann, erläutert Jung, durch sein verständnisvolles Zuhören zum Therapeuten des erwachsenen Siddhartha, der sich nicht mehr an einer Vaterfigur abarbeiten muss. Jung zitiert Friedrich Nietzsche, der einst schrieb: „Wer wenig besitzt, wird wenig besessen.“ Der fließende Fluss versinnbildlicht also eine diesseitige Schöpfungslehre vom ewigen Kreislauf des Lebens: Alles ist verwoben miteinander. Und nur diese Kleinigkeit ist Siddhartha den anderen Menschen voraus: sein Wissen, alles ist Eins.
Der Förderverein Kultur im A.K.T. e.V. richtet seit mehr als 20 Jahren Konzerte, Kulturevents und Vorträge für den Westerwald aus. Der nächste Vortrag „Verlorene Kindheit – Europas vergessene Kinder“ wird von der Fotografin und Aktivistin Alea Horst am 12. September um 19:30 Uhr wieder in der Stadthalle Montabaur gehalten.
