Hans-Georg Klein referierte über „Ahrweiler Katastrophen“
„Sie plünderten in großer Gier und Wut“
Von Bränden, Belagerungen und Bombardierungen
Ahrweiler. Plünderungen, Mord, Brandschatzung, Bombardierung und Tieffliegerangriffe – was die Menschen in Ahrweiler noch bis vor 73 Jahren allein durch kriegerische Ereignisse im wahrsten Sinne des Wortes erleiden mussten, ist heute kaum noch vorstellbar. Es waren regelrechte Katastrophen, die über die fast immer hilflosen Bürger hereinbrachen. Über eben jene Katastrophen referierte kürzlich Hans-Georg Klein, Archivar des Heimatvereins „Alt-Ahrweiler“ und ausgewiesener Experte in Sachen Ahrweiler Stadtgeschichte, in der ehemaligen Synagoge. Seine Reise durch die von Elend und Gewalt geprägten Ereignisse der Historie von Ahrweiler begann Hans-Georg Klein im Mittelalter, genauer gesagt im Jahre 1242, als ein Brand in Ahrweiler zu verzeichnen war. Doch war es überhaupt das „alte Ahrweiler“, das in Flammen stand? Über eben jene Frage herrscht bis heute keine endgültige Gewissheit. Klar ist: Verursacht worden war die Feuersbrunst von staufischen Rittern der nahen Landskrone, die mit Graf Theoderich von Are-Hochstaden in Fehde lagen. Dabei ging der im Bereich ehemalige Post/Wilhelmstraße gelegene Weiler „Büllesheim“ in Flammen auf, was laut mündlichen Überlieferungen auch durch Bodenfunde in diesem Bereich belegt werden konnte. Damit war Büllesheim als Weiler ausgelöscht und bestand fortan nur noch als Flurbezeichnung. Die heutige Flurbezeichnung „Heiligenhäuschenwies“ beschreibt wohl am besten die Lage des mittelalterlichen Weilers Büllesheim. Mit dieser Feststellung ist auch die Sage, an dieser Stelle habe das alte Ahrweiler gelegen, hinfällig. „Ob es sich bei dieser Fehde wirklich um eine Katastrophe für Ahrweiler gehandelt hat, ist also eher zu verneinen, zumal die angeblich so geschädigten Ahrweiler Winzer umgehend nach Sinzig zogen und dem Gerhard sein Haus, seine landwirtschaftlichen Besitzungen, Weinberge und Getreidefelder in Brand steckten. Ist man dazu in der Lage, wenn man am Tag zuvor alles verloren hat? An dieser Geschichte sind sehr starke Zweifel anzubringen“, so Hans-Georg Klein.
Der Erzbischof von Köln lässt Ahrweiler belagern
Eine Folge der sogenannten „Kölner Stiftsfehde“ war die Belagerung Ahrweilers 1474. Das „Problem“ für Ahrweiler war hierbei, dass man sich einer „Landvereinigung“ angeschlossen hatte, die nicht mehr dem Kölner Erzbischof, sondern dem Domkapitel gehorsam war. Das wiederum ließ sich der um Einnahmen bedachte Erzbischof Ruprecht nicht gefallen. So ließ er Ahrweiler von seinen Truppen attackieren. Das Angriffsheer wurde angeführt von Eberhard von Arenberg, dem Grafen Dietrich von Manderscheid und seinen Söhnen, Johann von Salm und Reifferscheid und dem Burggrafen von Rheineck. Trotz des Einsatzes schwerer Waffen, einige Kugeln sind noch eingemauert im Ahrweiler Obertor zu besichtigen, brachte die Belagerung nicht den erhofften, schnellen Sieg. Das Problem der Verteidiger war wohl die relativ schwach besetzte Stadtmauer. Ahrweiler hatte damals rund 1.000 Einwohner. Es wird geschätzt, dass davon höchstens 200 Mann im wehrfähigen Alter waren und so ist das für eine dauerhafte Verteidigung auf einer 1,8 Kilometer langen Stadtmauer nicht viel. Der Kampf tobte mit großer Heftigkeit. Auf beiden Seiten der Mauer gab es Tote. Gemäß dem geschlossenen Trutzbündnis versuchten die Verbündeten, die eingeschlossene Stadt Ahrweiler zu entsetzen. Die Städte Andernach und Bonn stellten in Bonn ein Entsatzheer zusammen. Ob nun die feindlichen Heerführer durch dieses Entsatzheer gezwungen wurden, die Belagerung ergebnislos abzubrechen, oder ob sie wegen der am 20. Mai zu Maastricht anberaumten Friedensverhandlungen abzogen, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Jedenfalls zog das Belagerungsheer in der Nacht von St. Severin (12. Mai) ab. Die abziehenden Truppen hinterließen rings um Ahrweiler eine verbrannte Erde. Die Dörfer Walporzheim, Geroldshoven und Gisenhoven wurden dem Erdboden gleich gemacht, die fliehenden Menschen erschlagen. Auch der Turm vor der Stadt wurde angegriffen und zerstört.
Ahrweiler im 30-jährigen Krieg
Noch grausamer traf es die Menschen in Ahrweiler während des 30-jährigen Krieges (1618-1648), der in ganz Europa verheerende Spuren hinterließ. Am 10. Juli 1646 brachen weimarische Truppen in die Stadt Heimersheim ein und steckten sie in Brand. Bald rückten sie auch vor die Stadt Ahrweiler und schlossen sie in sicherer Entfernung ein. Inzwischen dachten viele Bürger an Flucht. Die Mutigen nahmen Mörser und ihre kleinen Kanonen und lieferten sich mit dem Feind ein Artilleriegefecht. Diejenigen die flohen, kamen nicht weit und wurden gefangen genommen. Gegen Abend des 10. Juli beratschlagten sich die Ahrweiler und stellten fest, dass sie zu schwach für eine Verteidigung seien und dass der Feind ihnen an Zahl weit überlegen sei. Dann haben sie auf den Turm eine weiße Fahne aufgesteckt, um zu zeigen, dass sie bereit seien, bedingungslos zu kapitulieren. Als der Marschall Turenne das vernahm, rückte er vor die Stadt und nahm vom Bürgermeister die Schlüssel in Empfang. Inzwischen schickte er schleunigst 50 Infanteristen in die Stadt, die sich Quartier von den Bürgern für etliche Kompanien anweisen ließen und sich auch sonst alle Häuser und Besitztümer genau anschauten.
Plünderungen und Gewalt
Dann kamen auch gleich etliche Schwadronen mit leeren Verpflegungswagen, füllten diese mit dem besten Gut der Bürger und brachten sie ins Lager. Am 11. Juli fielen hintereinander mehr und mehr Regimenter und Fähnlein in die Stadt ein. Sie plünderten in großer Gier und Wut, brachen Tor und Tür der Häuser auf und plünderten die Wohnungen. Viele Ahrweiler flüchteten sich vor der Soldateska in die Pfarrkirche St. Laurentius, im Glauben, dort Schutz vor den Übergriffen zu finden. Die Soldaten zogen Männer wie Frauen nackt aus und schlugen sie, sodass sieben Ahrweiler zu Tode kamen. Dann vergewaltigten sie die Mädchen und Frauen, die sich in den Chorraum geflüchtet hatten. Christian Devlich, der Pfarrer von Heimersheim und Vikar des hiesigen Marienaltares, stellte sich schützend vor die Frauen und bezahlte das mit seinem Leben. An den Stufen des Altares wurde er verstümmelt, sodass er am nächsten Tag verstarb. Die Soldaten schändeten auch die heiligen Reliquien, rafften die Kelche, Ziborien und Kirchengeräte zusammen, sie erbrachen die Reliquiengruft des Hochaltares und füllten den Taufstein mit Unflat. Sie gruben die Gräber der Toten auf, und die Orgel ertönte unter ihren lauten Schlägen. Zeitgleich wüteten weitere Soldaten in der Stadt. Sie plünderten und schlugen die Bürger und Einwohner. Sehr viele Männer wurden verwundet und die Frauen vergewaltigt. Als die Soldaten nun alles weggeschleppt hatten, taxierten sie alle Bürger auf ein bestimmtes Geld. Gaben diese das Geld nicht, so drohten sie, ihnen den Hals abzuschneiden. Andere wurden, weil sie nicht zahlen konnten, ins Gefängnis gesperrt.
Die Bombardierung Ahrweilers im Jahr 1945
Gerade einmal etwas mehr als 70 Jahre liegt die Bombardierung von Ahrweiler während des Zweiten Weltkrieges zurück. Als gegen Kriegsende der Luftraum über Deutschland längst von den Alliierten beherrscht wurde, erlitt Ahrweiler schwerste Angriffe mit zahlreichen Todesopfern, Verwundeten und zerstörten Häusern.
Insgesamt sind für Ahrweiler 37 Bombenangriffe nachzuweisen. Dabei wurden 154 Häuser zerstört, 215 Häuser schwer beschädigt und 590 Häuser leicht beschädigt.
Die folgenschwersten Angriffe erfolgten am Heiligabend 1944 sowie am 29. Januar 1945. 34 Häuser wurden an Weihnachten 1944 zerstört, 66 Häuser schwer beschädigt, 85 Häuser leicht beschädigt. Es gab 22 Tote. Übertroffen wurde dieser Angriff durch die Bombardierung am 29. Januar 1945, der vor allem die Ahrhut betraf. Es wurden 65 Häuser zerstört, 85 Häuser schwer beschädigt und 42 Häuser leicht beschädigt.
Dabei waren 79 Menschenleben zu beklagen. Wie viele Menschen als Spätfolge ihr Leben verloren, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Insgesamt forderten die Luftangriffe 155 zivile Bombenopfer. Daneben verloren noch 20 Soldaten währen der Bombenangriffe ihr Leben, sodass die Gesamtzahl der Opfer 175 betrug.
Zuflucht im Silberbergtunnel
Paul Krahforst kann in seinem Buch „Bomben auf Ahrweiler“ nachweisen, dass die Opferzahl sogar noch höher ist, weil unbekannte Bombenopfer oder in Neuenahr verstorbene Verletzte nicht vom Ahrweiler Standesamt registriert worden seien. Paul Krahforst kommt somit auf mindestens 208 Todesopfer. Die Bevölkerung war zum Schutz vor Bomben und Tieffliegern längst in den Silberbergtunnel geflüchtet und hauste hier unter schwierigsten Bedingungen. Auf 2.880 Quadratmeter mit einer Wohnfläche von 1.980 Quadratmeter entstanden 234 kleine Buden. Hier lebten 516 Familien mit 2576 Personen.
Rechnet man die Bodenfläche der Seitenwände der Buden und die schmale Straße in der Mitte ab, standen der einzelnen Person gerade einmal 0,40 m2 Wohnfläche zur Verfügung. Am 7. März 1945 war für Ahrweiler der Krieg zu Ende, auch wenn die Bevölkerung an den Kriegsfolgen noch einige Jahre zu leiden hatte.
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