Allgemeine Berichte | 18.03.2016

Prof. Nina Tichman übernimmt künstlerische Leitung der Andernacher Musiktage

Sind die Finger zu klein für die Klarinette, wird man halt Pianistin

Prof. Nina Tichman übernimmt die künstlerische Leitung der Andernacher Musiktage.MKA

Andernach. Der US-amerikanischen, mehrfach ausgezeichneten Pianistin und Musikhochschul-Professorin Nina Tichman wurde die künstlerische Leitung des renommierten Kammermusik-Festivals „Andernacher Musiktage“ auf Schloss Burg Namedy übertragen.

Dies war für „BLICK aktuell“ Anlass, mit der Künstlerin ein Gespräch über ihr musikalisches Leben, ihre Sichtweisen und Pläne zu führen.

Im märchenhaft anmutenden Ambiente des Rokokosalons der ehemaligen mittelalterlichen Wasserburg, die 1890 zu einer Schlossanlage umgebaut wurde, führten wir mit der sympathischen Künstlerin das nachstehende Gespräch.

„BLICK aktuell“: Frau Tichman, sie sind in New York geboren. Wo leben sie heute?

Nina Tichman: Ich kam 1971 nach Deutschland, habe in Köln im Rahmen eines Stipendiums studiert und wohne dort seit 1995.

„BLICK aktuell“: Unterscheidet sich das Klassik-Publikum in den Staaten vom europäischen Publikum?

Nina Tichman: Es hat sich sehr gewandelt. Zu meiner Kinderzeit war das amerikanische Musikleben, soweit ich das mitbekommen habe, geprägt von deutschen bzw. mitteleuropäischen Emigranten. Das hat sich natürlich verändert. Ich denke, dass das amerikanische Publikum in manchen Dingen sehr aufgeschlossen und innovativ ist, aber es gibt nicht die kulturelle Infrastruktur wie hier. Die Künstler müssen einfallsreich sein, um sich Gehör zu verschaffen. Als ich nach Deutschland kam, habe ich es so empfunden, dass hier das Publikum dankbarer war. Leider ist der Musikunterricht in den deutschen Schulen zwischenzeitlich runtergefahren worden und das diesbezügliche Bildungsniveau nicht mehr so, wie vor 40 Jahren. Eigentlich ist das ein Verrat an den Kindern. Aber die Situation ist hier trotzdem immer noch besser als in den Staaten.

„Rage to Master“ muss es gewesen sein

muss es gewesen sein

„BLICK aktuell“: In welchem Alter haben sie zum ersten Mal Klavier gespielt?

Nina Tichman: Mit vier Jahren. Meine Eltern waren Musiker. Mein Vater war Klarinettist und ich wollte auch Klarinette spielen, aber meine Hände waren zu klein. Daher Klavier, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Eltern haben mich nicht angetrieben, aber was sehr Kluges gemacht. Sie haben gesagt, ich solle Klavier spielen, solange ich in die Schule gehe und dann selbst entscheiden, ob ich weitermache.

„BLICK aktuell“: Das Erlernen eines Instruments erfordert Disziplin. Woher kam die bei ihnen?

Nina Tichman: Ich habe neulich einen sehr interessanten Vortrag eines Pädagogen gehört, der sagte, es gäbe innerhalb jeder Gruppe begabter Kinder, einen kleinen Prozentsatz, der den „Rage to Master“ hat, also den unbedingten Willen, etwas zu meistern. Den muss ich gehabt haben. Und ich glaube, die Liebe zur Musik und der Drang, etwas auszudrücken, ist gerade in jungen Jahren eine Grundlage. Später fordert dann die Professionalisierung eine andere Art der Disziplin.

„BLICK aktuell:“ Sie können auf eine umfangreiche Discographie und eine stattliche Youtube-Präsenz als Solistin oder Ensemblemitglied verweisen. Das Interesse an Ihren Interpretationen können sie also nicht nur an Konzertbesuchern und Verkaufszahlen, sondern auch an den sogenannten „Klicks“ messen. Wie hat sich, aus ihrer Sicht, in den letzten Jahren die Nachfrage nach klassischer Musik entwickelt?

Nina Tichman: Ich glaube, auch wenn ich damit in der Minderheit bin, dass das ernsthafte Interesse an klassischer Musik konstant geblieben ist, vielleicht sogar vertieft wurde. Was sich verändert hat, ist die Vorstellung, dass klassische Musik ein Massenprodukt ist und die Verkaufsstrategien und das Business anbiedernd auf die größtmögliche Akzeptanz beim Publikum zielt. Ich glaube, dass das ein Holzweg ist. Man sollte vielmehr versuchen, die Musik den Menschen so zu vermitteln, dass sie Feuer fangen können.

Nicht vorstellbar: MeinMusikleben ohne Franz Schubert

„BLICK aktuell“: Wer ist ihr Lieblingskomponist?

Nina Tichman: Schubert! Und das seit meinem achten Lebensjahr. Es wird keine Zeit in meinem Leben geben, in der ich nicht etwas von Franz Schubert spiele oder studiere.

„BLICK aktuell:“ Stichwort Crossover - wie stehen sie zu der Verschmelzung verschiedener Musik-Genres?

Nina Tichman: Jeder muss wissen, wofür sein Herz schlägt. Ich liebe Jazz, bestimmte Arten von Rockmusik, das ist aber nicht die Musik, in der ich mich als Interpretin sehe.

„BLICK aktuell:“ Sie gastieren bei internationalen Festivals, haben mit namhaften Dirigenten und Orchestern zusammengearbeitet, zahlreiche Preise bei Wettbewerben gewonnen. Was war für sie das Herausragende, hat sie nachhaltig beeindruckt?

Nina Tichman: Da gab es sicher einiges. Aber als Solistin mit einem Orchester in der Carnegie Hall (New York) ein Mozartkonzert zu spielen, das hat schon was. Auch die Aufführung des Gesamtwerkes von Claude Debussy in New York und in Frankfurt/Main war für mich herausragend.

„BLICK aktuell“: Seit 1993 sind sie Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik in Köln, haben darüber hinaus international Meisterkurse gehalten. Was hat den größeren Anteil in ihrem beruflichen Leben: Lehren oder Konzerte geben?

Nina Tichman: Das hält sich die Waage. Ich hab schon in jungen Jahren gerne unterrichtet aber die Leidenschaft, zu unterrichten, setzte erst später ein. Als ich in der Hochschule anfing, brauchte ich zunächst ein paar Orientierungsjahre. Heute ertappe ich mich übrigens dabei, den Studenten etwas zu sagen, bei dem ich mir an „die eigene Nase fassen“ müsste.

„BLICK aktuell“: Als Solistin können sie Ihren persönlichen Stil, ihr eigenes Temperament und Ihre Interpretation mit einbringen. In welchem Maße ist das in einem Ensemble z. B. im Xyrion Trio, von dem sie ein Teil sind, möglich?

Nina Tichman: Man muss eine höhere Wahrheit finden. Wenn man zu zweit spielt, kann man sich arrangieren. Wenn man zu dritt spielt, muss man einen Kern der Wahrheit finden, mit dem sich alle identifizieren können.

„BLICK aktuell“: Ein Kritiker schrieb einmal über sie, sie hätten an Ihrem Klavierabend einen Einblick in ihre Seele gegeben. Er sah in Ihnen eine temperamentvolle, aber auch einfühlsame Persönlichkeit. Hat er sie da richtig beobachtet?

Nina Tichman: Ich denke schon. Wenn man auf die Bühne kommt und spielt, ist man sowieso nackt. Man kann sich nicht verstecken. Wenn jemand auf die Bühne kommt und nichts von sich preisgibt, ist das sicherlich auch eine Art von „preisgeben“.

„BLICK aktuell“: Was ist für sie gute Musik?

Nina Tichman: Eine gute Aufführung, in der der Zuhörer über sich hinaus wächst.

Keine Änderung im Sinne von „es war nicht gut“

von „es war nicht gut“

„BLICK aktuell“: Bei den 26. Andernacher Musiktagen auf Burg Namedy, die vom 20. Mai bis zum 22. Mai ausgerichtet werden, obliegt Ihnen erstmals allein die künstlerische Leitung. Die neunjährige gemeinschaftliche Leitung als XYRION TRIO, mit ihren Kolleginnen Ida Bieler und Maria Kliegel ist damit zu Ende gegangen. Wie kam es dazu?

Nina Tichman: Wir sind weiterhin sehr befreundet und spielen auch zusammen. Maria und Ida haben jedoch viele andere Projekte bzw. Professuren und konnten die Leitung daher nicht weiter ausüben, obwohl ich mit Engelszungen auf sie eingeredet habe. Wir haben uns prima ergänzt und es hat sehr viel Spaß gemacht.

„BLICK aktuell“: Was bedeutet Ihnen die künstlerische Leitung in Namedy?

Nina Tichman: Größere Verantwortung. Ich fühle mich verpflichtet, die Qualität, die meine Kolleginnen eingebracht haben, ihre Phantasie, ihren Geschmack, weiter einfließen zu lassen. Es ist aber auch eine Chance, viele Ideen und Vorlieben zu verwirklichen. Ich bekomme eine sehr gute Unterstützung durch die Prinzessin, die eine hervorragende Gastgeberin ist und für mich eine Freundin, aber auch durch die Kulturverantwortlichen der Stadt Andernach, die immer wieder tolle Ideen einbringen.

„BLICK aktuell“: Was wird sich unter Ihrer Federführung ändern? Nina Tichman: Ich möchte nichts ändern im Sinne von „es war nicht gut“. Vielleicht gibt es aber ein paar Aspekte, die man aufnehmen könnte. Ich habe vor, bei den Konzerten etwas zu moderieren und mehr den Dialog mit dem Publikum zu suchen.

„BLICK aktuell“: In diesem Jahr steht der deutsche Komponist Johannes Brahms, einer der bedeutendsten Komponisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Fokus dieses „intimen Kammermusikfestivals“.

Im Veranstaltungs-Flyer steht der Untertitel „Der Janusköpfige?“ – gleichbedeutend mit „der mit den zwei Gesichtern“. Warum das Fragezeichen?

Nina Tichman: Wir wollen ja mit dem Publikum darüber sprechen. Deswegen lassen wir es als Frage stehen. Man hört Brahms und man hat das Gefühl, man kennt das. War der Komponist ein rückwärtsschauender Traditionalist, der sich stark an seinen Vorbildern Mozart, Bach und Beethoven orientierte oder ein Fortschrittlicher? Das wollen wir mit unserem Programm im Rahmen der Musiktage aufspüren.

„BLICK aktuell“: Haben sie eigentlich im Laufe der Jahre etwas von Andernach kennengelernt? Nina Tichman: Ein bisschen. Ich war schon in den 80er-Jahren hier gewesen. Die Stadt ist seitdem wesentlich attraktiver geworden. Den Geysir habe ich allerdings noch nicht gesehen. Es gibt sicher noch einiges in Andernach zu entdecken. Ich fände es schön, wenn die Hotels in Verbindung mit den Musiktagen Pauschalangebote machen würden.

„BLICK aktuell“: Ihrem Kalender auf der Homepage (www.ninatichman.com) konnte ich viele öffentliche Termine in diesem Jahr entnehmen. Gibt es etwas, worauf sie sich besonders freuen?

Nina Tichman: Ich freue mich sehr darauf, die letzten drei Schubert-Sonaten an einem Herbst-Abend in der Nähe von Bremen zu spielen.

„BLICK aktuell“: Hat die Pianistin Nina Tichman noch einen Traum? Gibt es noch ein Ziel, das sie erreichen möchte?

Nina Tichman: Bis zu meinem Lebensende alle 17 Hauptwerke der Klavierkonzerte von Mozart gespielt zu haben. 13 habe ich bereits gespielt.

„BLICK aktuell“: Frau Tichman, danke für dieses Gespräch. Wir wünschen ihnen weiterhin viel Erfolg und Freude bei ihrem künstlerischen Wirken.

Das Interview führte Michael Krupp.

Nina Tichman mit dem russischen Dirigenten Dmitrij Kitajenko bei einer Probe für die Uraufführung des Klavierkonzerts von Peter Michael Hamel (rechts) mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks im Jahr 1994.privat

Nina Tichman mit dem russischen Dirigenten Dmitrij Kitajenko bei einer Probe für die Uraufführung des Klavierkonzerts von Peter Michael Hamel (rechts) mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks im Jahr 1994.privat

Prof. Nina Tichman in ihrem Element. Natürlich spielt sie für uns aus einem Werk von Franz Schubert, ihrem Lieblingskomponisten.MKA

Prof. Nina Tichman in ihrem Element. Natürlich spielt sie für uns aus einem Werk von Franz Schubert, ihrem Lieblingskomponisten.MKA

Prof. Nina Tichman übernimmt die künstlerische Leitung der Andernacher Musiktage.Foto: MKA

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