Margot Loeb mit 101 Jahren in Seattle verstorben – Erinnerung an das Ehepaar Loeb in Andernach
Symbol für Humanismus und Versöhnung
Andernach. Viele Andernacherinnen und Andernacher kennen und schätzen das Gedicht „An meine Vaterstadt“ aus der Feder unseres jüdischen Mitbürgers Prof. Dr. Ernst Loeb. Er wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und wanderte 1936, noch rechtzeitig, zunächst nach Palästina und dann in die USA. Die Stadt Andernach benannte 2021 einen Platz in den Rheinanlagen nach ihm: Nicht nur des Gedichtes wegen, sondern auch weil Ernst Loeb ein unermüdlicher Verfechter von Humanismus, Toleranz und Versöhnung sowie Gegner von Verallgemeinerungen, Rassismus und Diskriminierung war. Bei seinen regelmäßigen, fast jährlichen Besuchen in Andernach zwischen 1966 und 1985 hatte er oft Gelegenheit, sich in diesem Sinne einzubringen, vielerlei gesellschaftliche Kontakte aus der frühen Schulzeit bis 1933 zu bewahren und viele neue zu knüpfen. Häufig begleitete ihn auch seine Frau Margot.
Vor einigen Tagen erreichte uns die traurige Nachricht, dass Margot Loeb am 15. Mai im Alter von 101 Jahren in Seattle (USA) sanft entschlafen ist. Die Stadtverwaltung Andernach und der Freundschaftskreis Dimona-Andernach nehmen dies zum Anlass, an ihre Rolle zu erinnern, sie zu würdigen und einen Blick auf ihre Biografie zu lenken.
Ernst Loebs Weg und Werk sind ohne seine Frau Margot Sonnenberg, eine deutsche Jüdin aus Düsseldorf, nicht denkbar. Ihre Eltern waren gut situiert, der Vater Kaufmann. Ihre Familie emigrierte am 24. April 1938 nach Philadelphia. Margot war damals 14 Jahre alt. Sie begegnete Ernst während des Krieges im German Club in Philadelphia. Margot und Ernst heirateten am 29. Mai 1944. In ihren Erinnerungen schreibt sie: „Es gab eine Menge Leute, die waren der festen Überzeugung, die Ehe würde nicht lange halten. Wir waren die kompletten Gegenteile. Ernst war Intellektueller, ich mochte Partys und liebte es zu tanzen. Aber wir haben sie alle reingelegt. Unsere Ehe hielt 42 Jahre“, also bis zum Tod ihres Mannes.
1950 findet Ernst Loebs erster mehrwöchiger Aufenthalt in Andernach statt. In den USA suchte er rastlos einen beruflichen Einstieg als Lehrer oder Journalist - ohne Erfolg. Margot unterstützte ihn darin und war bereit, mit ihrem Sohn Dennis nach Deutschland, nach Andernach, zu ziehen. Das stieß im jüdischen Umfeld in Philadelphia auf reichlich Widerspruch und Unverständnis.
Ernst war 1951 bereits 37 Jahre alt, als er nach vielen unbefriedigenden Tätigkeiten ein Studium der Germanistik in den USA begann. „Es war ein wahrer Opfergang, den ich meiner Familie zumuten musste. Und wenn es einen Verdienst hervorzuheben gibt, dann ist es die überaus tätige und verständnisvolle Mitarbeit meiner Frau.“ (Brief an Fritz Werf). Sie sicherte vor allem durch ihre Berufstätigkeit die Lebensgrundlage der Familie bis hin zur Promotion ihres Mannes. Margot überbrachte nach dem frühen Tod von Ernst Loeb (1987) zur 2.000-Jahr-Feier der Stadt Andernach im Jahre 1988 das bis dahin hier unbekannte Gedicht „An meine Vaterstadt“ nach Andernach. Auch nahm Margot Loeb gemeinsam mit ihrem Sohn Dennis regen Anteil an der Erstellung der 2024 vom Stadtmuseum herausgegebenen Loeb-Biografie und steuerte selbst als 99-Jährige ein Kapitel bei. Bis heute finden hin und wieder Besuche der Familie Loeb statt; mittlerweile sind es Neffen und deren Kinder sowie die Tochter der Cousine Marion Oliner, wobei der Besuch des Ernst-Loeb-Platzes für sie eine wichtige Rolle spielt.
Das Emigrantenschicksal des Ehepaars Loeb, als „Pendeln zwischen Welten“, und die im Juli anstehende 50-Jahr-Feier der Städtepartnerschaft mit Dimona bieten lokalgeschichtliche Bezüge, die für die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und das Engagement gegen Antisemitismus wichtige Anregungen und Anstoß vermitteln können.
Pressemitteilung
Stadt Andernach &
Freundschaftskreis
Andernach-Dimona
Familie Loeb bei der Graduation: Ernst Loeb, Sohn Dennis, Tochter Karen und seine Frau Margot.
Margot Loeb im Alter von 99 Jahren. Fotos: privat