Laacher Forum
„Töchter und Väter - So nah und doch so fern“
Licht- und Schattenseiten einer lebenslangen Beziehung
Maria Laach. „Töchter und Väter - So nah und doch so fern“ lautete das Thema des Vortrags von Dr. Mathias Jung, den die Buch- und Kunsthandlung Maria Laach ins Klosterforum eingeladen hatte. Mit den Worten „Sie sind uns unser Liebster“ begrüßte Matthias Wilken, Leiter der Buch- und Kunsthandlung Maria Laach, den Lahnsteiner Psychotherapeuten. Schließlich war Jung in der 20-jährigen Geschichte des Laacher Forums als einziger Referent zwölfmal zu Gast.
In seinem diesjährigen Vortrag widmete sich der Buchautor den positiven Kräften der Vater-Tochter-Beziehung, die es zu entdecken gilt. Dabei entwarf Jung kein romantisches Bild, sondern sprach auch von den Schattenseiten, etwa vom abwesenden Vater, der seiner Vaterrolle nicht gerecht wird, den die Kinder rückblickend als gleichgültig, emotionslos, kontaktscheu, kränkend, abweisend oder sogar als gewalttätig beschreiben. Viele Kinder hungern ein Leben lang nach der Liebe des Vaters und hätten gerne einmal von ihm gehört, dass er stolz auf sie ist. Die Vaterwunde brennt bei Töchtern und Söhnen, die nach der Scheidungswelle in den 70er Jahren vaterlos aufwuchsen und unter der Vaterentbehrung leiden. Von einer Million Scheidungsvätern sind nach zwei Jahren 600.000 für ihre Kinder nicht mehr greifbar. Dabei ist der Vater für ein junges Mädchen, so der Referent, die wichtigste männliche Person, „der erste Mann im Leben einer Frau“, der ein erstes Bild von Männlichkeit vermittelt. In einer liebevollen Vaterbeziehung reifen Töchter für die Begegnung mit der Welt der Männer - und für die Liebe. Mathias Jung: „Der Vater gibt der Tochter den männlichen Gültigkeitsstempel. Es ist der Glanz in den Augen des Vaters“, der Töchter für ein ganzes Leben prägen kann. Wird ihnen dieser liebende Blick vorenthalten, speichern sie dies als eine Beziehung zum Mann ab. Zudem kann die Tochter vom Vater männliche Anteile erlernen.
Bei 150 Frauen ging der Psychotherapeut der Vaterbeziehung auf den Grund, indem er ihnen mehrere Fragen stellte: „Wie würdest Du Deine Vaterbeziehung benoten? Hat Dein Vater Dir das Gefühl gegeben: So, wie Du bist, bist Du wunderbar? War er ein anwesender oder abwesender Vater? Was hat Dein Vater Dir mitgegeben? Warst Du eine Gefalltochter, Leistungstochter oder Trotztochter?“ Die Vaterbeziehung kann fürs ganze Leben Segen oder Fluch sein, denn in der Partnerbeziehung setzt sich das erlernte Muster fort. Deshalb ist es für Matthias Jung so wichtig, dass Vaterwunden heilen. Er stellte im Laacher Forum die Frage: „Bist Du versöhnt mit Deinem Vater oder haust Du noch im Museum der Verletzung? Wenn eine Vaterwunde da ist, schließen wir das ein wie Bernstein und schließen alles Positive aus. Wir haben oft kein Vaterbild, sondern eine Fata Morgana. Töchter und Söhne wissen wenig über ihre Väter, doch Liebe ist Wissen. Je mehr ich über einen Menschen weiß, desto mehr kann ich ihn lieben.“ Und der Referent riet den Zuhörerinnen und Zuhörern, nicht im Opferland, nicht in der Wüste der Rache und des Hasses zu bleiben und erinnerte an ein chinesisches Sprichwort: „Wer auf Rache sinnt, soll zwei Gräber schaufeln: Eins für den Konkurrenten und das zweite für die eigene Lebendigkeit.“
Was aber sollen Töchter tun, die als Missbrauchsopfer den Tiefpunkt einer Vaterbeziehung erleben mussten? „Mein Vater hat mir meine Kindheit geraubt, vor Männern habe ich insgeheim immer noch Angst“, zitierte der Referent eine Klientin. Mathias Jung: „Solange ich mich aber als Opfer fühle, hat der Täter Macht über mich.“ Und er meinte, auch dann könnten sich Töchter aus der Gefangenschaft des Erlebten befreien. Mathias Jung im Laacher Forum: „Zwei Dinge führen zur Versöhnung: Gefühlsarbeit und Spurensuche.“ Es kann ein Brief sein, in dem man dem Vater auf Augenhöhe begegnet. Bei einem verstorbenen Vater wird der Brief auf dem Grab verbrannt oder in der Erde vergraben. Wie die Versöhnung auch aussieht, sie sperrt alte Dämonen aus und gibt Raum fürs eigene Leben und zum Atmen.
