Feuerwehrleute aus Bad Ems und Herold starten beim „6. Berlin Firefighter Stairrun“
Treppenjäger - unter Atemschutz ins 40. Stockwerk!
Bad Ems. Schnelle Schritte von schweren Stiefeln sind zu hören. Und das klassische, rasselnde stark verstärkte Atemgeräusch, das man von Tauchern mit Sauerstoffflaschen kennt. Oder eben von Feuerwehrleuten mit Atemschutzgeräten. Vier davon hasten durch das Treppenhaus der Lahntalklinik in Bad Ems. Die Dame aus Köln – zurzeit zur Reha in Bad Ems – hat die Feuerwehrleute schon zwei Etagen tiefer kommen gehört und weicht erschrocken zur Seite.
„Wo brennt’s denn – ist es schlimm?
„Wo brennt’s denn – ist es schlimm?“ fragt sie den weiterrennenden Uniformierten hinterher – die Maske vor dem Gesicht verzerrt die Antwort, mehr als eine wilde Aneinanderreihung von Worten ohne hörbare Konsonanten ist nicht zu vernehmen. Erleichtert murmelt die gleiche Dame „Na, auf meinem Stockwerk war es wohl nicht“, als die gleichen Feuerwehrleute wenige Momente später schon wieder abwärts eilen.
Und während sie noch nicht ein Stockwerk hinter sich gebracht hat, hasten die Feuerwehrleute schon wieder hinauf – die Frau wirkt jetzt vollkommen verwirrt.
„Das ist eine normale Reaktion“ erklärt Andreas „Krümel“ Friedrich von der Bad Emser Feuerwehr später. „Wir haben uns schon ein ruhiges Treppenhaus ausgesucht, aber ab und zu trifft man doch auf einen Klinikgast, der zuerst an einen Einsatz glaubt aber spätestens bei der zweiten oder dritten Begegnung nur noch verwundert reagiert“, ergänzt Alexander Tönges von der Feuerwehr in Herold. Letztere Reaktion scheint relativ normal, wenn man erst mal weiß, dass die vier Feuerwehrmänner insgesamt acht Mal durch das ganze Treppenhaus rennen. 128 Stufen nach oben, 128 Stufen nach unten. In - farblich für die Region ungewöhnlicher – Vollausrüstung. Also mit schweren Stiefeln, dicker Schutzhose und Jacke. Einem Helm und unter einer Atemmaske. Auf dem Rücken zwei Sauerstoffflaschen. Und warum machen die Jungs das? Damit sie am kommenden Wochenende noch mehr Treppen laufen können: um genau zu sein 770 davon auf 39 Stockwerken in einem der höchsten Hotels Deutschlands, dem Park Inn am Berliner Alexanderplatz.
„Stair Hunters Team“ der Bad Emser Feuerwehr
„Krümel“ und Teampartner Thomas Meißner, sowie Tönges und Teamkollege Uwe Kratz sind Treppenjäger. Erstere gehören zum „Stair Hunters Team“ der Bad Emser Feuerwehr, die beiden Kameraden sind vom „Stair Runners Team Einrich“. Kratz und Tönges sind „alte Hasen“ unter den Treppenläufern. Bereits vier Mal sind sie beim größten deutschen Feuerwehr-Treppenlauf-Event in Berlin gestartet.
Das Treppenhaus des Park-Inn ist quasi die Ironman-Distanz der Stufenjäger, die 39 Stockwerke am Alexanderplatz haben unter Menschen die Aufzüge für überflüssig halten quasi den Status einer Nürburgring-Nordschleife, die 770 Stufen in Berlin sind die Tour de France der Szene. Und diese Szene ist international: 750 Teams aus der ganzen Welt starten am nächsten Samstag in der Hauptstadt. Alle 30 Sekunden gehen zwei Mann auf die Tour. Tönges und Kratz wissen: die beschwerliche Tour dauert um die neun Minuten und 35 Sekunden – ihre Zeit aus dem vergangenen Jahr. Und dabei sind die beiden echte „Oldies“. Kommt ein Zwei-Mann-Team von den addierten Lebensjahren auf über 80, startet es in der Kategorie „Oldie“ – geschenkte Stockwerke oder weniger Stufen gibt es deswegen nicht. Und ganz wichtig. Die (Press-)Luft muss reichen: ist die Flasche leer geschnauft, wird disqualifiziert – auch auf den letzten Metern. Kontrolliertes Atmen unter schwierigsten Bedingungen.
Das schnellste Team hat im vergangenen Jahr ganze fünf Minuten 40 Sekunden in den Treppenlauf-Olymp gebraucht, ist aber auch gerade mal halb so alt wie das Einrich-Team, das Stockwerke jagt, obwohl das höchste Gebäude in der Heimat gerade mal drei davon hat. „Genauso Jungspunde wie die beiden hier“, schmunzeln die „Oldies“ aus Herold – bei der nächsten Runde durch das Treppenhaus der Lahntalklinik laufen sie aber vorneweg.
Das Treppenlaufen ist reines Privatvergnügen – zumindest, was die Kosten angeht. Die Ausrüstung schlägt mit bis zu 2000 Euro pro Mann zu Buche. Jeder hat sich Stiefel, Schutzjacke und Hose gemäß DIN, einen Helm und sogar ein Atemschutzgerät mit Maske gekauft. „In den dienstlichen Klamotten geht das nicht. Die sind von den Einsätzen zu mitgenommen“, so Meißner. Dazu noch ein schickes Airbrush-Design für den Helm und natürlich die Go-Pro, die die Erlebnisse dokumentiert. Einzige Unterstützung: das Training gilt als Dienstsport, so ist wenigstens Versicherungsschutz gegeben. Reisekosten, wie zum Beispiel jetzt nach Berlin, tragen die Jungs wiederum selbst. Doch warum macht man dann sowas? „Wir sind positiv bekloppt“, lacht Tönges, „und Sport- und Ausdauerbegeistert“, ergänzt Meißner, „und wir sind alle Atemschutzgerätewarte in unseren Einheiten“, ergänzt Kratz. „Und wir wollen einfach wissen was geht“, verrät Friedrich, der nicht nur ehrenamtlicher Feuerwehrmann in Bad Ems ist, sondern auch noch im Hauptberuf bei der Flughafenfeuerwehr Köln/Bonn tätig ist.
Fünf Mal wollen die Jungs in diesem Jahr noch antreten
Ganze fünf Mal wollen die Jungs in diesem Jahr noch bei Treppenläufen antreten, unter anderem in Düsseldorf und Köln, aber auch bei sogenannten „Toughest Fire Fighter“-Challenges wollen sie, gemeinsam mit anderen Kameraden aus der Verbandsgemeinde Bad Ems antreten. Dann ist das Laufen unter Atemschutz nur ein Teil des Wettkampfs, dann müssen auch noch Schlauchkörbe und mit Wasser gefüllte Schläuche über Stockwerke bewegt werden. Aber jetzt wartet erstmal die sensationelle Dachterrasse in der 40. Etage des Park-Inn auf die Jungs. Am Samstag geht es los. Um 12 Uhr 56 starten Thomas Meißner und Andreas Friedrich, um genau 14.28 Uhr und 30 Sekunden folgen auch die Oldies Uwe Kratz und Alexander Tönges in das 110 Meter hohe Treppenhaus. Willi Willig
