Hochkarätige Podiumsdiskussion zum Thema Pränatal-Diagnostik
„Unser Kind ist willkommen“
Herbstforum der Lebenshilfe Stiftung Ahrweiler in Kooperation mit dem Peter-Joerres-Gymnasium
Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Unser Kind ist Willkommen – vom Wunschkind zum Designerbaby. Bluttests – Pränatal-Diagnostik – Spätabtreibung“ lautete das Thema einer Podiumsdiskussion im „Herbstforum“, das in Kooperation der Lebenshilfe Stiftung Ahrweiler und des Peter Joerres Gymnasium Ahrweiler veranstaltet wurde. Ein schwieriges medizinisches Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz, das für eine restlos gefüllte Schulaula sorgte. Unter den Besuchern befanden sich neben betroffenen Angehörigen und Interessierten auch zahlreiche Schüler eines Biologie-Leistungskurses. Behinderung und das so genannte „Down-Syndrom“ sind aktueller denn je, was nicht zuletzt auch eine just in der Bonner Bundeskunsthalle gestartete Ausstellung mit dem Titel „Touchdown“ zum Ausdruck bringt, die Arbeiten von Menschen mit Down-Syndrom zeigt und dabei auf ein breites Medieninteresse stieß. Eine Möglichkeit, sich im Vorfeld der Podiumsdiskussion mit dem Thema auseinanderzusetzen, bot der Film „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, zu dem die Lebenshilfe ins Kino Center Rhein-Ahr in Bad Neuenahr eingeladen hatte. Der Kinofilm „24 Wochen“ lief mit großer Resonanz im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Im Mittelpunkt des Films steht ein Paar, das sein zweites Kind erwartet und mit der Diagnose Trisomie-21 (Down-Syndrom) erfährt, dass sein Kind behindert sein wird. Die sehr einfühlsame und ergreifende Verfilmung des Entscheidungsprozesses des jungen Paares macht die Themen Pränatal-Diagnostik und Spätabtreibung erlebbar. Der Filmstart fällt in eine Zeit, in der Europa wieder intensiv über Abtreibungen diskutiert. In Polen befasst sich das Parlament mit einem Gesetzentwurf, Schwangerschaftsabbrüche seien ausnahmslos zu verbieten. In Deutschland streiten Ethiker darum, ob ein neuartiger Bluttest bei Schwangeren auf Trisomie 21 des Kindes künftig von der Krankenkasse bezahlt werden sollte. Das würde automatisch zu mehr Abtreibungen führen: In 90 Prozent der Fälle, in denen pränatal das Down-Syndrom diagnostiziert wird, entscheiden sich die Mütter für eine Abtreibung.
Bundestag berät über „Bundesteilhabegesetz“
Durch die immer „günstiger“ werdende Pränatal-Diagnostik wird bereits im Mutterleib über die Lebenswertigkeit eben jener Menschen entschieden. Professor Stefan Sell , der an der Hochschule Koblenz sowie am Rhein-Ahr-Campus in Remagen eine Professur für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften hat und an diesem Abend die Moderation übernahm, wies auf die in Kürze stattfindenden Beratungen des Deutschen Bundestages in Sachen „Bundesteilhabgesetz“ hin, das für die behinderten Menschen von besonderer Wichtigkeit sei. Somit stehe dieses im Mittelpunkt politischer Entscheidungen, da es letzten Endes natürlich auch um Geld ginge. Hochkarätig war auch die Diskutanten-Runde auf dem Podium. Barbara Jesse, Vorsitzende des Landesverbandes Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, selbst Mutter eines behinderten Kindes und eines nicht-behinderten Kindes positionierte sich ganz klar für das Leben mit dem behinderten Kind. „Für uns als Familie gab es nie ein „ja“ oder „nein“, denn was ist letztlich anders, als bei einem Leben mit einem nicht-behinderten Kind?“, sagte Jesse und fügte an: „Wir sind gegen Bluttests als Kassenregelleistung, das ist ganz klar nicht unsere Ethik. Unser Kind ist willkommen.“ Für den in der gesamten Thematik überaus wichtigen Beratungsaspekt war Professor Dr. med. Ursula Rieke anwesend, die als Ärztliche Leitung und Stiftungsvorstand sowohl für die „Katharina-Kasper-Stiftung“, als auch für die Psychosoziale Fachberatungsstelle zur Pränatal-Diagnostik in Dernbach schon mehr als 6.000 Beratungen durchgeführt hat. Rieke betonte die Wichtigkeit des Rückhalts der Beratungen. Als Katholischer Seelsorger der Krankenhäuser St. Elisabeth/Neuwied und St. Josef/Bendorf brachte Dr. Christoph Zimmermann-Wolf den ethisch-theologischen Aspekt mit in die Runde. „Es ist ein weiter Weg von „Ich will ein Kind“ zu „Ich will das Kind, das da kommt“, so Zimmermann-Wolf. Fakt ist, dass die Kosten für entsprechende Pränatal-Diagnostik in den vergangenen Jahren signifikant gesunken sind. So können sich Frauen und Familien Gewissheit verschaffen „was da kommt“, auch wenn sie das womöglich behinderte Kind annehmen. Dennoch sind nur fünf Prozent der Krankheiten pränatal diagnostizierbar. Eine überraschend niedrige Quote, die auch im Publikum für ein Raunen sorgte.
„Es ist halt nicht einfach nur irgendein Test“
„Es gibt momentan kaum Alternativen. Entweder Schwangerschaftsabbruch oder das Kind austragen. Dem Kind hilft das alles nicht. Wenn ich den Test mache, muss ich mich der Entscheidung stellen. Es ist halt nicht einfach nur irgendein Test. Und die Öffentlichkeit kennt zumeist nur die „Bilderbuch-Alete-Geburt“ oder eben die „schwere Geburt“, so Ursula Rieke. Prinzipiell kann besagter Test von jedem Mediziner mit entsprechender Qualifikation gemacht werden, doch, und da war sich das Podium einig, fehle den Ärzten oftmals die notwendige Empathie im Umgang mit den werdenden Müttern und Eltern. Dennoch könne der Test dabei helfen Paare zu begleiten, so lange dies ohne „Machbarkeit- und Perfektionsanspruch“ geschehe. „Was wollen wir mit der Diagnostik? Aussortieren oder Vorbereiten? Theologisch gesehen haben wir nicht viele Möglichkeiten, wir sind keine Götter“, so Christoph Zimmermann-Wolf. Anschließend diskutierte das Publikum noch lebhaft mit den Podiumsgästen. Zum Schluss ermutigte Barbara Jesse alle Teilnehmer zur aktiven Begegnung mit Kindern und Erwachsenen mit Down-Syndrom – dies sei für beide Seiten besonders wertvoll.
-DU-
Führte bei diesem schwierigen Thema gekonnt die Moderation: Prof. Dr. Stefan Sell.
