Astronaut Thomas Reiter zu Gast in Andernach
„Unsere Weltraummissionen dienen dem Wohle aller Menschen“
„Die Erde aus dieser Perspektive zu sehen, ist etwas ganz Besonderes“
Andernach. Thomas Reiter, der während seiner zwei Langzeitmissionen auf der russischen Mir-Raumstation und auf der internationalen Raumstation ISS 375 Tage im Weltraum verbrachte - landete kürzlich in der Mittelrheinhalle. Auf Einladung von Andernach.net und der Kreissparkasse Mayen nahm der Astronaut die zahlreichen Gäste in der Mittelrheinhalle mit auf eine spannende Reise durchs All.
Schon als Kind wollte Reiter ins Weltall fliegen - sein Traum wurde wahr. „Die Erde aus dieser Perspektive zu sehen, ist etwas ganz Besonderes“, schwärmt der Astronaut, dessen letzte Reise ins All zwölf Jahre zurückliegt. Heute arbeitet er bei der ESA in Darmstadt und koordiniert dort die Zusammenarbeit mit anderen Raumfahrtagenturen. „Der Blick von der Raumstation aus auf die Erde ist überwältigend und faszinierend, er verändert den Blick auf die Welt“, wünscht sich Reiter, dass alle Menschen die Möglichkeit hätten, die Erde aus dieser Perspektive zu sehen. Man sehe aber auch die vielen Kriegsgebiete und die Zerstörung des Regenwaldes. „Wenn man von der Raumstation herunterschaut, sieht man, wie unglaublich verletzlich die Atmosphäre ist, die unser Leben ermöglicht“, lautete eine wichtige Botschaft an die Erdlinge.
70 Prozent der Zeit mit Forschung beschäftigt
Doch viel Zeit für eine Aussicht auf die Erde bliebe in der Weltraumstation nicht. 70 Prozent ihrer Zeit seien die Astronauten mit der Forschung beschäftigt, die dem Wohle aller Menschen diene. Neben der Erdbeobachtung, die wichtige Erkenntnisse zum Klimawandel liefern, zählen zu den Tätigkeitsfeldern der ESA unter anderem die Weltraumwissenschaft, die Navigation oder die Telekommunikation. Alles Dienste von denen der Alltag auf der Erde abhänge. Stammzellenforschung und Kristallzüchtungen in der Schwerelosigkeit gehören ebenso zu den Aufgaben, wie biochemische Experimente. Ziel sei es dabei beispielsweise herauszufinden, wie Nutzpflanzen schneller Wurzeln im Boden schlagen können, um auch bei lang anhaltender Trockenheit geschützt zu sein. Die restlichen 30 Prozent der Arbeitszeit im All werden darauf verwendet, „dass der Laden läuft“, sodass nur wenig Zeit bliebe, die Aussicht auf die Erde zu genießen. Reiter erzählt, dass die europäischen Großstädte tagsüber schwer auszumachen seien. „Nachts hat man aber einen hervorragenden Blick auf Paris, Lissabon, Rom, Berlin und Andernach“, scherzte der Astronaut.
Seinen Vortrag untermalte Reiter mit Fotos und Videos von seinen Weltraum-Missionen und nahm die Besucher mit auf einen virtuellen Rundgang durch die ISS. Damit war seine Faszination für die Erkundung des Weltraums auch für die Besucher zum Greifen nahe und ansteckend. Reiter erklärte, dass sich seit seiner Zeit als Astronaut einiges verändert habe. Die heutigen Astronauten auf der ISS - zu denen auch der Deutsche Alexander Gerst zählt - werden inzwischen von der künstlichen Intelligenz Cimeon unterstützt, mit der die Astronauten kommunizieren können.
Ausblick
Die neueste Rakete der ESA, die Ariane 6, soll 2020 zum ersten Mal fliegen. Ziel ist die ISS, die seit 2000 ständig bemannt ist und bis 2024 in Betrieb bleiben soll. Auch die Erforschung der Planeten Mond, Mars und Merkur hat die ESA im Fokus. „Das nächste Ziel wird der Mond sein“, sagt Reiter. Zunächst unbemannt - doch in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts wird wieder ein Mensch auf dem Mond landen“, ist der Astronaut überzeugt. Die Mission laute, die am Südpol des Mondes vermuteten Wasserressourcen und seltene Erden zu finden. „Der Mond ist ein Geschichtsbuch unserer Erde“, erläutert Reiter. „Er wurde vor 4,5 Millionen Jahren aus der Erde herausgeschlagen.“ Auch an der Erforschung des Mars beteiligt sich die ESA. Laut Reiter sei man sich sicher, dass es auf roten Planeten einen Ozean gab. So beschäftigt die Wissenschaftler vor allem die Frage, ob es auf dem Mars Lebewesen gab oder noch gibt. Für den Planeten Mars interessierten sich auch die Gäste in der Mittelrheinhalle, die im Anschluss an den etwa anderthalb stündigen Vortrag noch Gelegenheit hatten, Fragen zu stellen. Ein Besucher wollte beispielsweise wissen, wie realistisch die Pläne von Elon Musk seien, der angekündigt hatte, bis 2022 eine Rakete für eine Marskolonisation zu bauen. Reiter sei davon überzeugt, dass Menschen zukünftig zum Mars fliegen werden, doch das Jahr 2022 hielt er für zu visionär. „In zwei oder zweieinhalb Jahrzehnten könnte das jedoch tatsächlich gelingen.“ Die Frage eines Gastes, ob er jemals während seiner Missionen Angst verspürt habe, beantwortet Thomas Reiter mit einem klaren NEIN!
Zahlreiche Gäste in der Mittelrheinhalle nahmen an dem etwa anderthalb stündigen Vortrag von Thomas Reiter (Mitte) teil.
Astronaut Thomas Reiter.
Mit einem spannenden Vortrag nahm Thomas Reiter die Gäste in der Mittelrheinhalle mit auf die Reise in den Weltraum.
