Paul List, der Rennspezialist aus Balkhausen
VERITAS-Rennwagen waren siegreich
Nürburgring. Paul List war Meister in der berühmten VERITAS-Werkstatt, später BMW Außenstelle Nürburgring, und hinterließ seiner Nichte Frieda Abel eine Akte mit persönlichen Erinnerungen an die glorreiche Zeit der VERITAS-Rennwagen. Frieda und Helmut Abel wohnen in der südlichen schwäbischen Alb in Oberschwaben, dort wo unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Bau von wunderschönen Renn- und Sportwagen begonnen wurde. Die Ära VERITAS begann 1947 in Hausen in Oberschwaben und endete 1954 am Nürburgring.
Ernst Loof war der Chef
Ernst Loof war der eigentliche Konstrukteur der VERITAS-Rennwagen und Chef von Meister Paul List. Er brachte ihn mit zum Nürburgring aus dem badischen Muggensturm bei Rastatt, dort wo man VERITAS Renn-und Sportwagen bis zur Firmeninsolvenz 1950 produzierte. In den Akten befinden sich zwei Zeugnisse, die Ernst Loof seinem Meister List ausstellte, eines in Muggensturm – das andere in Nürburg.
Paul List wohnte in Balkhausen und das Ehepaar Abel erinnert sich gerne daran, dass sie Onkel Paul und Tante Anni besuchten und mit ihnen durchs Fahrerlager gingen und so Rennfahrer wie Jacky Stewart oder Jim Clark sehen konnten. Nebenan in Balkhausen wohnte Rennstallbesitzer Erich Zakowski, Linda und Heinz Jacht, Techniker bei Ernst Loof und auch Nürburgring-Chefsekretärin Marianne Genn. Sie erinnerte sich daran, dass auch gerne zusammen gefeiert wurde.
VERITAS-Rennwagen waren erfolgreich
Im vorletzten Kriegsjahr trafen sich drei Männer im besetzten Paris, sie waren in der Vorkriegszeit für BMW tätig gewesen: Der Rennfahrer Schorsch Meier, der Konstrukteur und ehemalige Rennfahrer Ernst Loof und der Kaufmann Lorenz Dietrich. Sie schmiedeten schon Motorsportpläne für die Nachkriegszeit.
Im Juli 1945, der Zweite Weltkrieg war für Deutschland verloren, wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt und Soldaten hatten das Kommando. Die drei Motorsportfreunde trafen sich 1947 in Hausen in Oberschwaben, um ihre „Pariser Pläne“ zu verwirklichen, und gründeten eine Firma um Renn- und Sportwagen zu bauen. Sie bekamen dazu die Genehmigung der motorsportfreundlichen französischen Besatzer und bauten auf der Basis des in der Vorkriegszeit erfolgreichen BMW 328 Sport- und Rennwagen.
Der Markenname VERITAS, also Wahrheit, entstand rein zufällig, als die Franzosen fragten, wie denn die Firma heißen würde. Sie gaben sich einfach den Namen ‚VERITAS‘. Die Renn- und Sportwagen waren sehr erfolgreich mit bekannten Fahrern wie Schorsch Meier, Hermann Lang, Toni Ulmen, Paul Pietsch oder Karl Kling und wurden in unterschiedlichen Klassen Deutsche Meister. Chefmechaniker war Paul List.
Von Muggensturm zum Nürburgring
Die Nachfrage nach VERITAS-Renn- und Sportwagen war groß. Sie siedelten nach Muggensturm bei Rastatt um und warteten auf ein staatliches Investionsdarlehen – doch das ging überwiegend an Mercedes und so musste die Firma VERITAS GmbH 1950 Kon-kurs anmelden. Die Franzosen beschlagnahmten restliche Fahrzeuge und brachten sie nach Frankreich. Ernst Loof, der geniale Konstrukteur, rettete noch Teile und gründete mit Unterstützung vom Nürburgring Geschäftsführer Toni Koll die neue Firma VERITAS Nürburgring. Dabei war auch Paul List, der in Nürburg zum Meister avancierte. Sie entwickelten weiter, hauptsächlich wurden aber VERITAS-Rennwagen für Rennen vorbereitet, das Geld wurde aber immer knapper. So starteten beim Großen Preis von Deutschland 1953 drei VERITAS-Rennwagen vom Nürburger Rennstall und alle drei fielen aus. Sie hatten noch nicht einmal das Geld, um eine Zylinderkopfdichtung auszuwechseln.
Am Start war auch ein ganz junger Hans Herrmann aus Stuttgart. Er fuhr ebenfalls einen VERITAS, den eigentlich der Stuttgarter Rennfahrer Hans Klenk hätte fahren sollen. Aber Hans Klenk konnte unfallbedingt nicht starten und so sprang Hans Herrmann ein. Er wurde in seinem ersten F1-Grand-Prix guter Neunter. Übrigens, im Jahr 1954 startete Hans Herrmann schon auf einem Mercedes Werksrennwagen und es war davon die Rede, dass der Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer den VERITAS-Einsatz eingefädelt hatte, damit der junge Herrmann Erfahrungen mit F1-Rennwagen sammeln konnte.
Als nichts mehr lief, übernahm BMW die Firma am Nürburgring. Ernst Loof starb 1956 an einem Gehirntumor. Die Ära VERITAS und VERITAS Nürburgring ging damit zu Ende.
Paul List starb in Balkhausen
Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten übernahm zunächst BMW aus München die Firma VERITAS Nürburgring GmbH und nach dem Tod von Ernst Loof zog sich auch BMW vom Nürburgring zurück und einer der Mitarbeiter, Willi Martini, übernahm die Halle mit Einrichtungen. Einer seiner Mitarbeiter, Paul List, arbeitete nun bei seinem ehemaligen Kollegen. Paul List starb 1999 und liegt auf dem Friedhof in Nürburg begraben. Seine Frau ging zurück nach Worms und vererbte die Akte „Paul List“ an ihre Nichte Frieda Abel. Sie bleibt somit der Nachwelt erhalten.
VERITAS-Rennwagen waren sehr erfolgreich in der Nachkriegszeit. Aber heute sind die schönen Rennwagen immer noch ein Blickfang bei Oldtimerveranstaltungen. Übrigens, die Marke wurde 2012 wiederbelebt und im Ring-Boulevard war ein Nachbau zu sehen, Made in Grafschaft bei Meckenheim.
Geschichten und Bilder gesucht!
Autor Klaus Ridder sucht für sein Buch „90 Jahre Nürburgring - 60 Jahre live dabei“ weitere Zeitzeugen sowie Geschichten und Bilder aus alten Nürburgring-Tagen, hier insbesondere von dem ersten Nachkriegsrennen 1947. Kontakt: Klaus Ridder, Tel.: (0049) 2241 1201863, Email: gefahrgutridder@t-online.de. Weitere Infos online auf www.motorsportridder.de und www.klaus-ridder.de.
Klaus Ridder
Noch heute beeindruckt die Stromlinientechnik der VERITAS-Rennwagen die Besucher. Die Stromlinienverkleidung (rechts) kann auf den Rennwagen montiert werden.
Noch heute sind die wunderschönen VERITAS-Rennwagen, gebaut in Nürburg, im Einsatz.
Der heute 88-jährige Hans Herrmann fuhr 1953 seinen ersten Grand Prix auf dem Nürburgring mit einem VERITAS Meteor und wurde Neunter.
