Allgemeine Berichte | 20.05.2016

Thema im Bad Emser Stadtrat war das Bauprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Nobelhotels Balzer in der Villenpromenade

Verschwindet ein Schandfleck oder wird Geschichte ausgelöscht?

Das Areal in der Villenpromenade: im Hintergrund rechts das einsturzgefährdete Gesindehaus, daneben links das lang gestreckte Motelgebäude. Da, wo jetzt geparkt wird, stand das eigentliche Hotel, vor dem Motelgebäude befand sich das Hallenbad. Willi Willig

Bad Ems. In seiner jüngsten Sitzung beschäftigte sich der Bad Emser Stadtrat mit dem Bauprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Nobelhotels Balzer in der Villenpromenade. Dort sollen Mehrfamilienhäuser mit rund 20 Wohnungen und ein Kindergarten entstehen.

Die beiden Bestandteile sind unabhängige Projekte, ein privater Investor baut die Wohnungen, die Stadt Bad Ems betreibt das Kindergartenprojekt, um ausreichend Plätze gemäß der gesetzlichen Vorgaben bereitstellen zu können.

Stadtplaner Mathias Uhle erläuterte dem Rat das Projekt – in der Stadt ist das Projekt schon lange Gesprächsthema und spaltet die Bad Emser. „Ein Gewinn für die Stadt“, finden Planer und die meisten Beteiligten, „einmal mehr wird erhaltenswerte Historie platt gemacht“, bemängeln andere.

Schon um den Abriss des eigentlichen Hotelgebäudes und des hoteleigenen Hallenbades im Zuge der Umgehungsstraßenbauarbeiten gab es diese Diskussionen.

Inzwischen wird die Fläche seit langem als Parkplatz genutzt, die beiden noch vorhandenen - und sicherlich historisch interessanten – Gebäude verfallen. Besonders schlimm ist der Zustand des ehemaligen Hinterhauses, des so genannten Kutscher- oder Gesindehauses. Komplette Teile der Fassade sind inzwischen aus dem Gebäude gebrochen. Dass dieses Gebäude abgerissen werden muss, steht fest. Ob der Investor das Motel des ehemaligen Hotels Balzer nutzt, ist noch nicht klar.

„Die Realisierung ist ein ganz wichtiger Schritt für die Stadtentwicklung“, ist sich Planer Uhle sicher. Das sehen einige historisch interessierte Bad Emser anders und fordern Sanierung und Erhalt der historischen Substanz. Als „wirtschaftlich nicht darstellbar, einfach nicht finanzierbar“, hatte Stadtbürgermeister Berny Abt das schon im Vorfeld der Sitzung bezeichnet – die Mehrheit der Kurstädter sieht das ähnlich. Obwohl die Fassade des Gesindehauses unter Denkmalschutz gestellt wurde, stimmt selbst der Denkmalschutz den Planungen zu, ist auf Nachfrage aus der zuständigen Kreisverwaltung zu hören – für einen Erhalt in angemessener Weise sei es schlichtweg zu spät.

Zurzeit wird überlegt, ob sich ein Teil der Fassade als Erinnerung an die bewegte Geschichte des Hotels in den neuen Kindergarten integrieren lässt.

Historie

Das Hotel Balzer in Bad Ems - Geschichte und Geschichtchen rund um das ehemalige Nobelhotel, und vor allem seinen letzten Besitzer Werner Unverzagt, könnten Romane füllen. Im April 2005 waren die Tage des mehr als 150 Jahre alten Hotels endgültig gezählt. Das eigentliche Hotel musste aus Sicherheitsgründen für den Umgehungsstraßenbau weichen, die Nebengebäude bleiben zunächst erhalten, sind aber jetzt – elf Jahre später – in einem erbärmlichen Zustand.

Das Kurhotel Balzer war einmal „eines der ersten Häuser am Platze“, so die unbescheidene Eigenwerbung aus dem Jahre 1928. Sicherheitsbedenken hatten im Zuge der Umgehungsstraßenarbeiten zum Abriss des 1853 gebauten Hotels geführt. Der Hauch der Geschichte wehte aber bis zum Abriss an kaum einem Ort in Bad Ems so deutlich wie in der ehemaligen Nobelherberge. Vom Glanz vergangener Zeiten war - zumindest auf den ersten Blick - nichts mehr zu sehen. Plündernde Souvenirjäger, skrupellose Antiquitätenhändler und von blinder Zerstörungswut befallene Zeitgenossen hatten das Hotel in ein Schlachtfeld der Geschichte verwandelt.

Über ganze Etagen verteilte Bettfedern, eingeschlagene Fenster, herausgerissene Türen oder Sanitäranlagen machten die Fortbewegung in dem viergeschossigen Bau genauso schwer wie die durchweichten oder angekokelten Fachwerk-Decken (mehrfach hatte es in Hotel und Gesindehaus gebrannt) - jeder Schritt musste hier gut überlegt sein. Kennt man die Historie und zeigt auch nur geringstes Interesse dafür, glich der Rundgang durch das 1988 geschlossene Hotel bis zum Beginn der Abbrucharbeiten einer Zeitreise. Die Details waren es, die den Betrachter in die guten Tage dieses Logierbetriebes zurückkehren ließen.

Die Geschichte des Hotels beginnt im Jahr 1853: Der Architekt Carl Balzer errichtet die „Villa Balzer“ als erstes Landhaus an der späteren Villenpromenade. Nach der Ergänzung durch ein Wirtschafts- und ein Nebengebäude kaufte Paul Unverzagt die Villa im Jahre 1906 und baute sie zu einem Hotel um. Während beider Weltkriege wurde das Hotel als Lazarett genutzt. Nach dem Tod von Paul Unverzagt führt seine Frau das Hotel weiter und vererbt dieses 1953 an ihren Sohn Werner.

Seine Lebensgeschichte böte durchaus Stoff für einen Roman. In den 30er Jahren verbringt Unverzagt die Winter in Schweizer Nobelhotels und arbeitet dort als professioneller Tänzer, als „Maître de Plaisir“. Doch er tanzte in der Schweiz nicht nur, er widmete sich auch weit heikleren Dingen: Seit 1936 stand er im Dienst der „militärischen Abwehr“ unter Admiral Canaris - der Militärspionage. Nach dem Krieg widmete er sich ganz dem Hotel, schon bald florierte der Betrieb erneut. Doch in den 70er Jahren blieben immer mehr Stammgäste aus. Unverzagt sorgte damals mit dem Vorschlag „richtig schicke Callgirls in die Hotels zu holen - das hätte den Aufschwung gebracht“ für öffentliches Aufsehen.

Werner Unverzagt investierte 1971 in das nach einer Freundin benannte Hallenbad „Helga“, dessen Betrieb sich jedoch nie richtig rentierte. Auch mit dem schon früher erfolgten Anbau des heute nach Rodung wieder sichtbaren „Motels“ bewies Unverzagt unternehmerischen Wagemut, allerdings setzte sich der Moteltrend im Nachkriegsdeutschland nicht annähernd so durch wie in den USA, zusätzliche Gäste konnten kaum gewonnen werden.

1988 kamen schließlich die letzten Gäste ins Hotel. Danach waren im Kurhotel Balzer zwar noch für Jahre die Tische gedeckt und die Betten bezogen, aber der Putz fiel von der Decke und der langsame Verfall war nicht mehr aufzuhalten. Nach dem Tod von Paul Unverzagt 2001 verfiel das Hotel rapide und musste schließlich abgerissen werden.

/Willi Willig

Das Areal in der Villenpromenade: im Hintergrund rechts das einsturzgefährdete Gesindehaus, daneben links das lang gestreckte Motelgebäude. Da, wo jetzt geparkt wird, stand das eigentliche Hotel, vor dem Motelgebäude befand sich das Hallenbad. Foto: Willi Willig

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