Podiumsdiskussion im Rheinbacher Gründer- und Technologiezentrum
Viele Unternehmen in der Region haben den Ernst der Lage noch nicht erkannt
Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren drastisch verstärken - Mehr Ausbildungsbetriebe wäre notwendig
Rheinbach. Die 16. Auflage der Rheinbacher Ausbildungsmesse lockt am Samstag, 26. September von 10 bis 15 Uhr in das Alliance Messegebäude im Rheinbacher Hochschulviertel. Schülern und Schulabgängern aus der ganzen Region wird dort die Möglichkeit gegeben, sich aus erster Hand über Berufs- und Bildungsmöglichkeiten zu informieren. Doch die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich im Vergleich zu den Anfangsjahren aufgrund der demographischen Entwicklung drastisch geändert.
Situation hat sich grundlegend verändert
War zur Jahrtausendwende die Zahl der Bewerber für einen Ausbildungs- oder Studienplatz noch weitaus höher als das Angebot an Stellen, so bleiben mittlerweile viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Der zunehmende Mangel an Fachkräften macht sich mittlerweile auch in der Region bemerkbar, was jetzt die Veranstalter der Messe auf den Plan rief. Eine Podiumsdiskussion zum Thema „Ausbildung und Fachkräftesicherung“ bildete den vorgezogenen Auftakt zur Ausbildungsmesse. Im Gründer- und Technologiezentrum, gtz, erörterten Bürgermeister Stefan Raetz, Prof. Dr. Hartmut Ihne, Präsident der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Dario Thomas, Leiter der Abteilung Berufsbildung und Fachkräftesicherung der IHK Bonn/Rhein-Sieg, und Oliver Wolf, Vorsitzender des Rheinbacher Gewerbevereins, wie man das Problem in den Griff bekommen kann. Die Gesprächsleitung übernahm der Freie Journalist und Moderator Dieter Schmidt. Die Rheinbacher Ausbildungsmesse spiegele mit mehr als 90 Ausstellern die Leistungsfähigkeit des Wirtschafts- und Bildungsstandortes Rheinbach mit seinen engagierten Unternehmen wider, erklärte zunächst Hausherr Hans Eberhard Dorow, der Leiter der Rheinbacher Wirtschaftsförderung. „Doch die Zukunft Rheinbachs und der Region hängt maßgeblich davon ab, wie es Wirtschaft und Politik gelingt, junge Menschen auszubilden, weiter zu qualifizieren und an die Region zu binden.“ Daher sei die Ausbildungsmesse eine der wenigen Chancen für die heimischen Unternehmen, sich dem künftigen Nachwuchs zu präsentieren und die Jugendlichen für eine Mitarbeit im Betrieb zu interessieren. Denn der Nachwuchsmangel werde sich drastisch verschlimmern, wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben ausscheiden. Laut Fachkräftemonitor der IHK Bonn/Rhein-Sieg sollen im Jahr 2030 allein im Kammerbezirk 48.000 Fachkräfte fehlen, davon 80 Prozent mit beruflicher Qualifizierung. „Es bedarf große Anstrengungen von allen Beteiligten, um diese Herausforderung zu meistern“, sagte Dorow voraus.
So früh wie möglich den ersten Schritt machen
Das sahen auch die Diskutanten so: „Das wird ein langer Weg, deshalb ist es besonders wichtig, so früh wie möglich den ersten Schritt zu machen“, wusste Bürgermeister Stefan Raetz. So wie es die Stadt Rheinbach bereits seit einigen Jahren mache, wenn sie mit dem Projekt „Zukunft durch Innovation“, ZDI, die technikorientierten Berufe schon in den Kindertagesstätten auf die Tagesordnung bringe. „Wir arbeiten intensiv einen harten und an den weichen Standortfaktoren“, beteuerte er. Auch von den heimischen Unternehmen erwarte er eigentlich, dass sie schon viel früher als bisher bereit seien, sich bei den Kindern und Jugendlichen bekannt zu machen. Gewerbevereins-Vorsitzender Oliver Wolf goss allerdings gleich einige Wermutstropfen in den Wein, denn bei den etwa 250 Mitgliedsbetrieben des Gewerbevereins habe sich der Ernst der Lage anscheinend noch nicht herumgesprochen. Bestes Beispiel: Er habe den Mitgliedsbetrieben angeboten, ihr Unternehmen am Stand des Gewerbevereins während der Ausbildungsmesse vorzustellen und so angesichts von fast 2000 Teilnehmern wichtige Kontakte zu möglichen künftigen Mitarbeiter zu knüpfen. Das Interesse sei geradezu erschreckend gering, denn nur zwei oder drei hätten sich dazu bereit erklärt. „Da fragt man sich, warum?“ Kein einziger Handwerksbetrieb wolle bei der Ausbildungsmesse mitzumachen, schüttelte er den Kopf. Er wäre jedenfalls froh, wenn die heimischen Einzelhändler mehr an die Zukunft denken würden, bevor es zu spät sei. Zumal, wie Raetz bemerkte, manche Einzelhandelsbetriebe zurzeit sehr altbacken und wenig attraktiv daherkämen. Wenn selbst die eigenen Kinder keine Lust hätten, den Betrieb weiterzuführen, spreche das Bände.
Künftigen Beruf mit Bedacht auswählen
Hochschul-Präsident Professor Dr. Hartmut Ihne ergänzte, mit schlechter Bezahlung, veralteter Technik, engen Werkstätten und uninteressanten Dienstleistungen müsse man sich nicht wundern, wenn keiner bereit sei, im Betrieb zu arbeiten. Die Berufsbilder veränderten sich permanent, auch kleine Unternehmen müssten sich zunehmend dem globalisierten Markt stellen.
Darüber hinaus habe das Internet noch einmal eine neue Dynamik hineingebracht, die es noch mehr erfordere, auf dem Laufenden zu bleiben und aktuelle Veränderungen mitzumachen. Er sagte voraus, dass ganze Dienstleistungsbranchen auf Dauer verschwinden werden und riet auch den Jugendlichen, sich ihren künftigen Beruf mit Bedacht auszuwählen: „Machen Sie das, was sie am besten können, probieren Sie dafür so viel wie möglich aus - und bleiben Sie offen für Neues.“
Dario Thomas von der IHK bestätigte ebenfalls, „manchen Unternehmen geht es offensichtlich noch zu gut.“ Nach wie vor seien über 80 Prozent der Betriebe nicht bereit, selbst ihren Nachwuchs auszubilden, sondern verließen sich dabei auf andere. Es müsse vielmehr ausgebildet werden, erste Erfolge seien bereits erkennbar. Die Zahl der Ausbildungsplätze habe sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht, sei aber immer noch viel zu gering. Doch Thomas wusste auch: „Viele Betriebe machen das aus reiner Verzweiflung und nicht etwa aus Überzeugung.“
