Karsten Wächter, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Neuenahr
Vom Hindukusch zum Morgengruß
Viel herum gekommen und beim Rundfunk gelandet
Bad Neuenahr. Karsten Wächter empfängt mich zu Hause. Wir sitzen in seinem Arbeitszimmer, von dem aus man einen schönen Blick auf die Landskrone hat. Es gibt Kaffee und Gummibärchen. Damit hat der 1964 in Velbert geborene, hoch gewachsene Mann schon die beiden ersten Pluspunkte bei mir gemacht. Bevor wir auf das Abenteuer Radio zu sprechen kommen, lasse ich mir die Vita des Pfarrers erzählen. Und der ist wahrlich auch abenteuerlich, ein bewegter Lebenslauf mit vielen und spannenden Stationen.
Bewegter Lebenslauf
Aufgewachsen im Odenwald und am Niederrhein hat er 1983 das Abitur am Gymnasium in Büttgen gemacht.
Als Wehrdienstverweigerer folgt der Zivildienst, den er am Universitäts-Klinikum in Aachen ableistet. Im Oktober 1985 beginnt er sein Studium der Evangelischen Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. 1987 wechselt er an die Philipps-Universität nach Marburg. Im Jahr darauf verschlägt es ihn zum ersten Mal beruflich ins Ausland: Er ergattert für das ökumenische Studienjahr ein Stipendium an der Dormitio-Abtei in Jerusalem, eine prägende Erfahrung.
Nach der Rückkehr steht für ihn fest, das war nicht die letzte Station. Er setzt sein Studium fort, engagiert sich nebenbei bei der Telefonseelsorge. 1992 legt er sein Examen ab und heiratet. Das Vikariat absolviert er in Wetzlar-Dalheim, dann bricht wieder das Fernweh durch. Es verschlägt ihn nach Kairo, wo er als Vikar in der Deutsch-evangelischen Gemeinde ein Jahr lang Dienst tut. Aus der ägyptischen Millionenmetropole wieder zurück in Deutschland folgt ein wiederum einjähriges Gastspiel als Pastor im Hilfsdienst in Kölschhausen, ehe er zum ersten Mal sesshaft wird. Von Ende 1996 bis zum Mai 2002 arbeitet er als Pastor im Sonderdienst im Haus der Stille in Rengsdorf. Während der Zeit im Meditations- und Einkehrzentrum der Ev. Kirche im Rheinland lässt er sich zum Atemtherapeuten ausbilden, im November 2000 wird seine Tochter Karoline geboren.
Den Wehrdienst verweigert, als Militärpfarrer gearbeitet
Im Juni 2002 tritt er seinen Dienst als Militärpfarrer in Koblenz an. Wie hat man sich das vorzustellen? Natürlich gilt es dort regelmäßig Gottesdienste abzuhalten oder Familienfreizeiten zu organisieren. Zu den Aufgaben gehört aber auch der sogenannte „lebenskundliche Unterricht“ für die Streitkräfte.
Dort werden ethische Fragen behandelt aber auch spannende Sinnfragen gestellt wie z.B. „Wozu bin ich Soldat?“. In 2004 folgt der erste Auslandseinsatz mit der Truppe, mit der SFOR nimmt er am Feldlager Rajlovac in Bosnien-Herzegowina teil. Das ist allerdings „Ponyhof“ im Vergleich zum Einsatz mit der ISAF, der von November 2009 bis März 2010 in Kunduz läuft.
Die Soldaten werden immer beschossen, wenn sie das aus allen Nähten platzende Lager verlassen, die psychischen und physischen Belastungen für die jungen Männer und Frauen sind enorm. Seelsorge tut Not – und das für Menschen, die mit der Kirche meist nichts oder wenig am Hut haben.
Vom Umgang mit der Sprache und der Biblischen Geschichte
2014 sind die maximal zwölf Jahre, die man als Militärpfarrer arbeiten darf, vorbei. Karsten Wächter sucht eine neue Stelle, eine neue Herausforderung, ein neues Zuhause. Und findet es in Bad Neuenahr als Gemeindepfarrer. Aus Berlin zieht er mit seiner neuen Lebensgefährtin, seine Ehe wurde mittlerweile geschieden, in das beschauliche Ahrtal. Wenn man seinen Predigten lauscht, merkt man, dass der Umgang mit Sprache in Verbindung mit den vielschichtigen Geschichten der Bibel ihn fasziniert. Die Begegnung mit den Menschen, die Spuren Gottes im Alltag, das treibt ihn um. So nimmt es nicht Wunder, dass der Kontakt zu Annette Bassler, die beim SWR in Mainz für die Rundfunkarbeit der Ev. Kirchen in Rheinland-Pfalz verantwortlich ist, wieder auflebt.
Bassler hatte 2010 ein Feature über Wächters nach dem Afghanistaneinsatz gemacht und ihn dabeii kennengelernt. Für die Hörfunkprogramme, insbesondere die morgendlichen Beiträge, die bei SWR 1 „Anstöße“, bei SWR 4 „Morgengruß“ heißen, wurden Geistliche gesucht. Wächter bewarb sich, nahm an einem Findungsseminar teil – und wurde ausgewählt. Es folgte eine Ausbildung in Form von Schreibwerkstatt und Sprechtraining, dann konnte es losgehen. Sein erster „Auftritt“ war am 28. Juli und trug den Titel „Großer Gott klein“. Wer sich dafür interessiert, kann das Manuskript übrigens unter www.kirche-im-swr.de gerne nachlesen. Apropos Manuskript: Bei der Themenwahl sind die Theologen völlig frei. Mit einem Vorlauf von drei bis vier Wochen wird der Text verfasst, bevor es dann nach Mainz ins Studio zur Aufnahme geht. Wer der sonoren Stimme von Karsten Wächter im Radio lauschen und seine biblischen Alltagsgeschichten live hören möchte, hat vom 17. bis 19. November wieder Gelegenheit dazu. Einfach um fünf vor Sieben SWR 1 oder SWR 4 einschalten, es lohnt sich.
SCHÜ
