Allgemeine Berichte | 21.07.2026

Ein Erfahrungsbericht von Andreas Kraus, BLICK aktuell-Reporter aus Bad Breisig

Vom Überleben einer Hausgemeinschaft in der Ahr-Flut

Fortgespülte Autos in Bad Neuenahr.  Foto: AKS

Bad Neuenahr. Ich wache auf, vom Krachen, Scheppern und dem Geräusch zersplitternden Glases. Und von einem unheilvollen Rauschen. Es ist Mitte Juli nach Mitternacht, der Strom ist ausgefallen.

Noch vor ein paar Stunden bin ich die kurze Strecke zur Ahr gelaufen, um mir ein Bild der Lage zu machen. Das reißende Wasser führte Baumstämme und Unrat mit sich, floss aber noch in seinem Bett. Und jetzt?

Erst vor einem knappen Jahr sind wir in die freundliche vierstöckige Wohnanlage in Bad Neuenahr in hundert Meter Entfernung zur Ahr gezogen, und haben die Nähe zum Flüsschen und zur Innenstadt genossen. Wir haben uns über die freundliche Nachbarschaft im Haus gefreut, meist Menschen im Rentenalter, der älteste Mitbewohner knapp 100 Jahre alt.

Jetzt, beim Blick durch das Fenster eröffnet sich ein apokalyptisches Bild: schlammbraune Fluten, die von allen Seiten strömen, darauf tanzende Autos, deren Warnblinken die stockdunkle Nacht gespenstig erleuchten. Dazu immer lauteres Krachen, panisches Schreien von Menschen und dieses anschwellende Rauschen, das mir bis heute in den Ohren klingt! Todesangst macht sich breit!

Durchs Treppenhaus huschen verstörte Menschen, der Schein von Taschenlampen durchschneidet die Dunkelheit. Vor der Haustür staut sich die braune Brühe immer höher – bis die Tür mit einem großen Knall aufgesprengt wird und sich das Schmutzwasser ins Haus ergiesst. Im Nu ist das Kellergeschoss überschwemmt und die Flut nähert sich dem Hochparterre. Durch lautes Klopfen an die Wohnungstüren gelingt es, die schlafenden Bewohner zu warnen und damit zu retten.

Während draußen Autos in immer größerer Geschwindigkeit Richtung Innenstadt treiben – auf manchen Autodächern sitzen Menschen – ist mittlerweile das Hausparterre völlig überflutet. Ein Baum in der Nähe verhindert, dass ein großer Bauwagen unser Haus rammt! Zischende Gastanks, Weinfässer, Holzbalken und anderer Unrat jagen vorbei oder sammeln sich unter dem Balkon an, die dunkle Nacht ist erfüllt von Geräuschen, wie man sie nur aus Katastrophenfilmen kennt.

Um 02:00 Uhr fliesst Wasser aus den Steckdosen unserer Wohnung im 1. Stock. Ich funktioniere nur noch und packe zusammen mit meiner Frau die wichtigsten Papiere und ein wenig Kleidung ein, die wir bei Nachbarn im 4.Stock lagern können.

Gegen 2:30 Uhr stagniert der Wasserstand, wenige Zentimeter unter unserer Wohnung. Die Flut hat mittlerweile in der Parterrewohnung unter uns die Balkontüren nach vorne und hinten durchschlagen, so dass wir die Nacht über einem schmutzig-gurgelnden Fluss verbringen.

Nach unruhigem Erschöpfungsschlaf wird bei Tageslicht das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar – aber noch nicht begreifbar! Durch die Straße fliesst immer noch braunes Wasser voller Unrat, auf dem Ölflecken schillern. Der schöne Park hinter dem Haus: eine Schlammwüste! Dort stehen immer noch Menschen auf einem Belüftungsschacht, auf den sie sich in der Nacht von nahegelegenen Hotels gerettet haben. Auf den Parkplätzen neben Grundschule und Kindergarten stapeln sich zerstörte Autos kreuz und quer. Und wir müssen nun das (Über-)leben organisieren. Denn durch die zerstörten Strom-, Wasser, Gas- und Telefonleitungen funktionieren Kühlschränke, Toiletten, Telefone, Handys, Duschen, Waschmaschinen, Kochmöglichkeiten und die Trinkwasserversorgung nicht mehr! Woher Lebensmittel und Wasser bekommen, wenn alle Geschäfte ebenfalls zerstört sind? Wie aus der Stadt flüchten können, wenn alle Autos Totalschaden erlitten haben, und der öffentliche Verkehr zusammengebrochen ist?

Die ersten Tage und Nächte: ein einziger Albtraum! In den stockdunklen Nächten – jede Beleuchtung ist ausgefallen - versuchen plündernde Banden in die Häuser einzudringen, um das letzte noch nicht zerstörte Hab und Gut zu stehlen. Und an den Tagen probieren meist rechtsgerichtete Zeitgenossen, aus der Situation Kapital zu schlagen und verbreiten teilweise über Lautsprecher Panikmeldungen, um die eh schon traumatisierte Bevölkerung noch tiefer zu verunsichern. Polizeistreifen und Bundeswehreinsatz sorgen recht bald für ein zunehmendes Gefühl von Sicherheit. Und eine riesige Hilfsbereitschaft macht sich breit: Hilfsorganisationen bauen Stände auf, für Verpflegung, für Trinkwasser, zum Aufladen von Handys. Aus dem ganzen Land strömen Freiwillige jeden Morgen in die Stadt, um Wasser aus den Kellern abzupumpen, Schlamm zu schippen, zerstörtes Inventar und Unrat zu beseitigen. Dies bei ansteigender Sommerhitze und während der Coronazeit. Überall lagert sich nun kontaminierter Schlammstaub ab.

Unsere Hausgemeinschaft hat sich schnell organisiert und Jede übernimmt Aufgaben: während Hr. M. Dieselgeneratoren besorgt, damit wir wenigstens für kurze Zeit Strom haben, baut der Tüftler Hr. U. einen Staubschutz im ersten Stock auf. Die Damen M. und M. putzen mehrmals am Tag das Treppenhaus durch, um eine Kontamination durch das verseuchte Schlammwasser einzudämmen, und versorgen die vielen Helfer mit belegten Broten. Ich wuchte täglich viele Wasserkästen, die von Hilfsorganisationen bereit gestellt wurden, zu den einzelnen Wohnungen, und liefere Eimer mit Brauchwasser aus Tanks zu den Nachbarn. Daneben von morgens bis abends Schlamm aus den überschwemmten Hausbereichen beseitigen, Lebensmittel besorgen, Kontakt zur Außenwelt halten.

Die älteren Hausbewohner hatten ein paar Weinvorräte gerettet, und das Ehepaar E.+H. bot ihre Wohnung jeden Abend zum gemeinsamen Essen und Trinken an. Da saßen wir bei Kerzenschein zusammen, leerten gemeinsam die Weinflaschen, jeder brachte ergatterte Lebensmittel mit, wir plauderten miteinander, sangen miteinander, manchmal weinten wir zusammen, oft lachten wir miteinander! Wir umarmten uns, trösteten uns gegenseitig, und Freundschaften entstanden. Nur nicht aufgeben war die Devise! Während fast jedes Nachbarhaus menschenleer war – die Bewohner waren meist zu Verwandten geflüchtet - blieb unser Haus voller Leben und Gemeinschaftssinn! Dies hat uns psychisch überleben lassen!

Denn neben der unmittelbaren Betroffenheit hörten wir täglich Schreckensmeldungen. Wir erfuhren, dass Freunde in der Flut ums Leben gekommen waren. Meine Schwiegereltern, beide um die 90 Jahre alt, hatten in der Flutnacht Alles verloren, was sie sich in einem arbeitsreichen Leben aufgebaut hatten. Im Trümmerhaufen unter unserem Balkon fand die Feuerwehr eine Leiche. Und wir waren mit weiteren schlimmen Seiten einer Katastrophe konfrontiert: Nichtbetroffene fuhren in glänzenden Limousinen vor, um sich an gespendeten Wasserkästen zu bereichern. Großfamilien schubsten wartende Rentner aus Warteschlangen, die vor Spendenausgabestellen standen. Voyeuristische Sensationstouristen behinderten die Helfer, um Katastrophenfotos zu schießen.

Doch die Hausgemeinschaft wuchs zusammen, und auch Wochen nach der Flut, als der Strom wieder floss und allmählich Normalität einkehrte, fanden regelmäßig abendliche Treffen statt, und Familienfeste wurden gemeinsam gefeiert.

Mittlerweile, fünf Jahre nach der Flut, sind einige der ehemaligen Mitstreiter verstorben, die Anderen sind natürlich älter geworden, manche kränkeln. Ich bin mit meiner Frau in eine andere Stadt außerhalb des Ahrtals gezogen, weil wir nicht mehr in der kaputten Stadtlandschaft leben konnten, und uns der Anblick des zerstörten Tals schmerzt.

Aber die damalige Solidarität unter der Hausgemeinschaft war ein hohes Gut und ein Vorbild, wie solche Katastrophen seelisch bewältigt werden können.

Fortgespülte Autos in Bad Neuenahr. Foto: AKS Foto: Picasa

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