Das einstige Brechwerk auf dem Winnfeld
Von Röörtsche, Schlääch unn de Kissmaschinn
Grubenbetriebe wurden ihre Abfälle los – die alten Halden abgebaut –
Kottenheim/Region. Ein Bildhauer, der einmal nach den Besonderheiten beim Entstehen seiner figürlichen Kunstwerke gefragt wurde, soll eine berufsspezifische Antwort - eigentlich ein „Berufsgeheimnis“ - preisgegeben haben: „Du musst das überflüssige Gestein drum herum abschlagen, entfernen.“ Mit dem Entfernen überflüssigen Gesteins hatten seit jeher alle, die sich mit der Bearbeitung der Basaltlava beschäftigt haben, zu tun. Doch was geschah mit dem Abfall, den sich anhäufenden Steinresten, den „Schlääch“?
Diese mussten auf Karren geladen, entweder an ausgebeuteten Stellen oder an Böschungshängen abgekippt und endgelagert werden. So entstanden im Laufe der Jahrhunderte teils riesige Halden, auch „Röörtsche“ genannt. In diesen aufgeschütteten Steinresten steckten vereinzelt auch einzigartige Belege dafür, dass die Basaltlava in den verschiedensten Epochen von den hier in der Region lebenden Menschen seit alters her bearbeitet wurde: Beispielsweise fand man Hartbasalthämmer aus vorgeschichtlicher Zeit, Mahlwerkzeuge, u. a. so genannte „Napoleonshüte“ der Eisenzeit oder Handmühlen, wie sie die Römer schon nutzten. Diese Fundstücke in den Halden ergänzten die in Steinbrüchen hier und da entdeckten und noch vorhandenen Abbauspuren früherer Zeiten und bestätigten damit auch die diesbezüglichen Forschungsergebnisse der Wissenschaftler.
Industrielle Brechwerke entstehen
Als Ende des 19. Jahrhunderts überall ein regelrechter Bauboom einsetzte und damit auch ein erheblicher Bedarf in größeren Mengen an harten Materalien für den Straßen- und Eisenbahnbau entstand, wurden zwangsläufig dringend auch industrielle Zerkleinerungswerke für die Basaltlava benötigt. Der aus Kottenheim stammende Lehrer Severin Moog schilderte 1970 in seinen dokumentarischen Berichten von den heimischen Gruben: „…Um 1903 herum baute die Familie Michels aus Andernach in Mayen am „Mayewääch“ kurz vor der Eich, an der Einmündung zur Römerstraße, ein Brechwerk. Der Restabfall wurde hier zu Schotter, Splitt und Sand in verschiedenen Körnungen verarbeitet. Bald waren vier Brechwerke da, alle in der Nähe der Eisenbahn. Ihre Produkte konnten ohne größere Kosten in die Waggons verladen werden.“ Nachdem nun in Mayen und Mendig mehrere solcher Brechwerke entstanden waren und offenbar rentierlich arbeiteten, zog erst 1912 die im Basaltlavagebiet der vorderen Eifel tätige Kölner Firma D. Zervas Söhne GmbH auch mit einer solchen Anlage in Kottenheim nach; die Firma nannte sich „Winnfeld-Brechwerk-Kottenheim GmbH“.
Gleichzeitig erwarb die Firma auf dem Winnfeld eine Steingrube und richtete ca. sieben Jahre später im Distrikt „Im Rabenstall“ einen Betrieb zur Herstellung von Betonwaren, im Dorf Plattenwerk genannt, ein. Dank einer Niederschrift des letzten Firmeninhabers von 1984 sind einige wissenswerte Details von der Layenarbeit auf dem Winnfeld und speziell vom Brechwerk erhalten geblieben. Er schätzte die Zahl der Beschäftigten auf dem Winnfeld zur Zeit der Firmengründung – also 1912 – auf ca. 650 Arbeiter, die aus Kottenheim, aber auch von Ettringen, Obermendig und Thür hier ihren Lebensunterhalt verdienten. Nach einer damaligen Berechnung ging man davon aus, dass 650 Steinarbeiter (Steinbrecher oder Layer, Steinmetzen und Pflastersteinschläger) arbeitstäglich ca. 250 cbm Steinabfälle produzierten. Außerdem wurde mit der Einführung der elektrischen Kräne die Steinförderung im Gegensatz zu den früheren Göpelwerken sowohl, was die aus den Gruben zu fördernden Steingewichten, als auch was die Unfallhäufigkeit betraf, erheblich verbessert. Nun konnte man Steine von „bis dahin unrentabler Qualität noch mit Erfolg nach oben befördern und einer Verarbeitung zuführen.“
Abläufe am Winnfeld-Brechwerk
Wie erwähnt, der lästige und teure Abtransport von Abfällen entfiel mit der Errichtung des Brechwerks für die Grubenbesitzer; sie machten im Gegenteil mit der Abgabe an diesen Betrieb noch einen geringen Gewinn. Auf dem gesamten Winnfeld wurde ein ca. fünf km langes Netz von Schmalspurgleisen verlegt; den Gruben-Betrieben stellte man Kipploren mit zwei cbm Fassungsvermögen zur Verfügung, die dann mit einer Lok abgeholt und zum Brechwerk gefahren wurden. Aus den angenommenen 250 cbm Basaltlavaabfällen konnten im Brechwerk – so in der vorerwähnten Niederschrift angenommen – ca. 300 Tonnen Brecherzeugnisse, also überwiegend Bahnschotter sowie verschiedene Kieskörnungen, gewonnen werden. Dieses markante Mahlgeräusch des Brechwerks schallte ständig weit über das Dorf und verstummte plötzlich erst mittags um 12 Uhr, bzw. abends. Die Anlage arbeitete mit zwei „Esch-Kreiselbrechern“, die das Material zerkleinerten, ehe es dann über zwei zwölf km lange Siebtrommeln nach speziellen Körnungen sortiert wurde. Es kam auch vor, dass die nach unten polternden Steine bei einer falschen Körnung landeten; dies nannten die Arbeiter „Üwekoor“ (Überkorn). Jene aussortierten „Üwekoors“ warf man in einen kleinen Aufzugbehälter, beförderte die Steine nach oben und ließ sie erneut mahlen. (Bei einem solchen Ablauf ist im Juni 1955 ein Arbeiter tödlich verunglückt, als der abfahrende Behälter ihn erfasste und schwer verletzte.)
Der Weg zum Bahnanschluss
Unter den Silos direkt am Brechwerks befüllte man jeweils drei Kipploren, die an einander gekoppelt mit einem starken Drahtseil über Rollen mit drei weiter unten stehenden, leeren Loren verbunden waren; die vollen Loren, die zu Tal fuhren, zogen mit ihrem Gewicht die leeren wieder hoch. Dieser Ablauf erfolgte auf dem so genannten Bremsberg. Sobald die gefüllten Loren die abschüssige Fläche verlassen hatten, wurden sie an einer kleinen Lok – im Dorf nur „Kissmaschinn“ genannt – angekoppelt und zu den einige hundert Meter entfernten Verladesilos mit eigenem Bahngleisanschluss gezogen. Dies alles hatte am Schotterwerk rund 20 Personen (Hilfsarbeiter, Schlosser, Lokführer) eine Beschäftigung gegeben. Sicherlich war die Lage des Brechwerks zum Befüllen mit Abfällen auf dem Winnfeld günstig, doch der Transport der Erzeugnisse – wie beschrieben die geschätzten 600 m runter über den Bremsberg bis zu den Silos zum Bahnanschluss – war eine ziemlich aufwendige und damit kostenintensive Angelegenheit.
Kurz nach der Betriebseröffnung des Winnfeld-Brechwerks begann der Erste Weltkrieg und damit nach und nach ein deutlicher Produktionsrückgang auf den Gruben. Der Bedarf konnte folglich nicht mehr vom laufend anfallenden Basaltlavaabfall gedeckt werden. Also begann man schon damals mit der Ausbeutung der anfangs erwähnten Abfallhalden, den „Röörtschen“. Neben den täglichen Abfällen der immerhin bis in die 1960er Jahre bestehenden Grubenbetrieben ging der Abbau aller verfügbaren privaten Halden und die der Gemeinde Kottenheim bis ca. 1981 weiter. Severin Moog schätzte zwar 1970 noch mit einer diesbezüglichen Abbauzeit von 30 bis 40 Jahren, womit er aber dann doch deutlich daneben lag.
Längst sind das Brechwerk, das weitverzweigte Gleisnetz auf dem Winnfeld sowie auch die Verladesilos im Distrikt „Im Rabenstall“ mit ihrem Anschluss an das Bahnnetz aus der Landschaft verschwunden. Das Winnfeld wurde renaturiert und nur noch wenig deutet heute mehr auf das einstige bedeutende Basaltlava-Abbaugebiet hin, wo etliche Generationen Steinarbeiter ihren Broterwerb verdienten. Derzeit würde man sich wohl bemühen, zumindest das Brechwerk als Industriedenkmal im Vulkanparks zu erhalten.
Franz G. Bell
