Festakt zum 100-jährigen Bestehen der JVA Rheinbach
Von der „Königlichen Strafanstalt Rotterbach bei Rheinbach“ zur modernen JVA
Justizminister Thomas Kutschaty dankt den Bediensteten: „Sie leisten Großartiges unter schwierigen Bedingungen“
Rheinbach. Das 100-jährige Bestehen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rheinbach wurde in der vergangenen Woche mit einem Festakt in der Anstaltskirche der JVA Rheinbach gefeiert. Die über 60 geladenen Gäste konnten sich von einer der schönsten Anstaltskirchen in Nordrhein-Westfalens nun selbst ein Bild machen. 2012 war das „Schmuckstück“ nach aufwendiger Sanierung geweiht worden und erhielt den Namen „Versöhnungskirche zur Heiligen Barbara“. Anstaltsleiter Heinz-Jürgen Binnenbruck stand vor zwei wichtigen Aufgaben: Zum einen galt es die vielen Ehrengäste, Vertreter zahlreicher Behörden, Vertreter aus der Politik, Vertreter von Kommunalverbänden und der Kirchen zu begrüßen und zum anderen eine 100-jährige Geschichte mit den wichtigsten Eckpunkten in kurzer und prägnanter Form darzustellen. Beide Aufgaben meisterte der Anstaltsleiter offensichtlich sehr gut. Besonders erfreut war Heinz-Jürgen Binnenbruck über den Besuch des Justizministers Thomas Kutschaty, der eigens zu diesem Festakt nach Rheinbach gekommen war. Natürlich waren auch zahlreiche Bedienstete und Gefangene der „Gefangenenmitverantwortung“ (GMV) bei der Feierlichkeit mit dabei. Zu den Ehrengästen an diesem Tag zählten u.a. die Landtagsabgeordnete Ilka von Boeselager und Bürgermeister Stefan Raetz. Auch zwei ehemalige Anstaltsleiter der JVA Rheinbach, Lothar Breitkreuz und Joachim Behnke, die das Geschick der Rheinbacher JVA viele Jahre lenkten, wurden herzlich begrüßt. Nach einem musikalischen Auftakt, vorgetragen vom Schöbel-Qartett, ergriff Justizminister Kutschaty das Wort. Er berichtete, dass es ihm zunächst gar nicht so klar war, als er die Einladung zum Festakt bekam, ob die Tatsache, dass eine Strafanstalt 100 Jahre alt wird, ein Anlass zum Feiern sei. Seit 100 Jahren werden hier Menschen eingesperrt und der Staat greift mit seiner schärfsten Waffe, dem Entzug der Freiheit, in das Leben der Menschen ein. Sein kleiner Rückblick in die Geschichte sollte die Frage klären, ob es ein Grund zum Feiern gibt, meinte der Justizminister. Die Gefangenen wurden vor 100 Jahren mit der Eisenbahn, 4. Klasse, jeweils zwei Gefangene waren aneinandergefesselt, vom Zuchthaus Michaelsberg in Siegburg nach Rheinbach transportiert. Sie fanden bereits einen für damalige Verhältnisse modernen „Knast“ vor. Zwischen 1910 und 1914 war ein nach englischen Vorbild errichteter Kreuzbau entstanden. Heute undenkbar waren bei dessen Bau bis zu 240 Sträflinge beteiligt. In der „Königlichen Strafanstalt Rotterbach bei Rheinbach“ konnten die Gefangenen noch mit bis zu 30 Hieben bestraft werden. Der Standort Rheinbach spielt bis heute eine große Rolle in der nordrhein-westfälischen Justiz, betonte Kutschaty, viel wurde investiert im Laufe der Zeit und richtete seinen ausdrücklichen Dank an den Niederlassungsleiter des Bau- und Liegenschaftsbetriebes NRW, Dr. Martin Chaumet. Der Justizminister zeigte sich optimistisch, dass für offensichtlich notwendige weitere Baumaßnahmen in der JVA entsprechende Mittel von der Landesregierung bereitgestellt werden. Kutschaty stellte dar, dass heute Justizvollzugsanstalten keine Verwahranstalten mehr sind, sondern die sinnvolle Zusammenarbeit zwischen Bediensteten und Gefangenen im Mittelpunkt steht. Wenn auch die Gesellschaft auf der einen Seite manchmal froh ist, dass Verbrecher hinter Gitter landen, muss sie auf der anderen Seite damit rechnen, dass sie eines Tages wieder draußen sind. Und die große Frage ist, was für Menschen wollen wir in die Freiheit entlassen? Es geht also darum, „die Menschen nicht wegzuschließen, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten“, betonte Kutschaty. Insofern sei es nur folgerichtig, dass die Mitarbeiter und Betreuer heute im Mittelpunkt der Feier stehen. Sie leisten Großartiges unter schwierigen Bedingungen. „Ich gratuliere Ihnen und den Mitarbeitern, machen Sie weiter auf diesen Weg. Das Justizministerium wird sie dabei unterstützen“.
JVA ist zu einem „markanten Blickfang“ geworden
Bürgermeister Stefan Raetz schloss sich in seinem Grußwort der Auffassung des Justizministers an, dass es richtig ist, bei dieser Feierlichkeit die Mitarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen. Raetz fand es bemerkenswert, dass sich die Öffentlichkeit seit dem „Fall Uli Hoeneß“ wieder mit dem „Innenleben“ einer JVA auseinandersetzt. Zwar wurde das Zuchthaus Rheinbach bereits 1969 in JVA Rheinbach umbenannt, doch erst seit wenigen Jahren heißt die Bushaltestelle „Am Zuchthaus“ nun „Sonnenscheinstraße“. Als bedeutendster Arbeitgeber arbeiten heute ca 260 Bedienstete, manche bereits in der 2. und 3. Generation, in der JVA. Heute ist die JVA Rheinbach besser ausgeleuchtet als die Tomburg und zu einem „markanten Blickfang“ geworden, so Raetz. Auch ansonsten stand die JVA mehrere Male bei besonderen Vorkommnissen im Mittelpunkt des Interesses der Bevölkerung. Dank der nunmehr installierten Sicherheitstechnik, einer neuen erhöhten Umwehrungsmauer und Dank des guten Klimas in der Anstalt liegen derartige Störungen schon jahrelang zurück. Jedoch noch heute erhält der Bürgermeister besorgte Anrufe, wenn ein Hubschrauber mal tiefer über Rheinbach kreist. Abschließend wünschte er alles Gute für die Zukunft und äußerte seine Überzeugung, dass diese JVA eine gute Zukunft haben wird.
Der Niederlassungsleiter des Bau- und Liegenschaftsbetriebes NRW, Dr. Martin Chaumet, betonte, dass 100 Jahre für eine Immobilie eine unendlich lange Zeit darstellt und dankte den Beteiligten an den umfangreichen Baumaßnahmen in der JVA, denn „Bauen in einer JVA ist keine triviale Aufgabe“, meinte Chaumet. Immerhin 50 Millionen Euro wurden in den letzten Jahren, seit 1998 zur Sanierung und zur Erhöhung des Sicherheitsstandards eingesetzt. Bis 2017 sollen für einen Neubau des Zellenhauses C-Flügel, eine neue Werkhalle 4, eine moderne Küche und Wäscherei mit Blockheizkraftwerk weitere 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden.
Davon, dass die Arbeit mit Gefangenen auch Spaß machen kann, wusste Roswitha Tondorf, die Vorsitzende des Beirates der JVA Rheinbach zu berichten. Über einen „Kummerkasten“ für Gefangene und vielen daraus folgenden Gesprächen mit den Gefangenen und der Anstaltsleitung, konnten etliche große und kleine Probleme der Insassen gelöst werden.
Ingeborg von Westermann, seit 40 Jahren engagiert sich die heute 85-jährige in der Gesellschaft für soziale Wiedereingliederung e.V., brach in ihrer couragierten Ansprache einen Stab für das menschliche Miteinander. „Vorschriften müssen unten ankommen, denn nur von Mensch zu Mensch lässt sich etwas bewegen“.
Nach dem Grußwort des Vorsitzenden des örtlichen Personalrates, Stefan Leif, hielt der Anstaltsleiter noch ein besonderes Schmankerl für die Zuhörer bereit. In einem ausführlichen Ausflug in die Geschichte „Woher kommen wir, wo stehen wir heute, wo gehen wir hin?“, stellte Binnenbruck auf sehr anschauliche Weise, gespickt mit vielen spannenden Details und humorvollen Hinweisen, kurz und dennoch vollständig die abwechslungsreiche Geschichte des Strafvollzuges und der JVA Rheinbach dar. Abschließend richtete er seinen ganz besonderen Dank an die Bediensteten, die mit diesem Jubiläum ebenfalls einen besonderen Grund zum Feiern haben. STS
Einen Festakt gab es zum 100-jährigen Bestehen der JVA Rheinbach in der Anstaltskirche (v.li.): Anstaltsleiter der JVA Rheinbach, Heinz-Jürgen Binnenbruck, Ilka von Boeselager, Thomas Kutschaty und Bürgermeister Stefan Raetz.Fotos: -STEIN-
