Szenische Stadtmauerführung von Dausenau
„Warum ist der Schiefe Turm so schief?“
Am Tag des Offenen Denkmals erlebten Besucher eine Zeitreise durch die Jahrhunderte des kleinen Ortes
Dausenau. Bürgermeister Jochen Schneider konnte gemeinsam mit Gerhard Schäfer (Historisches Dausenau e.V. - Kulturtage 2016) viele Besucher auf dem alten Schulhof in Dausenau begrüßen. Sie alle waren bei strahlendem Sonnenschein und hochsommerlichen Temperaturen gekommen, um sich in eine Zeit des 14. Jahrhunderts versetzen zu lassen. Unter ihnen auch viele Kinder.
Zur Einstimmung auf die Führung gab es aus den Händen der Martfrauen Lahnwein, Wasser oder Apfelschorle aus einem Tonbecher, bevor sich drei große Gruppen zwei Stunden lang auf den Weg machten.
Der Schultheiß Philipp Hirtz (Bürgermeister Jochen Schneider), der Scholtes (Gerhard Schäfer) und die Marktfrau führten die Besucher entlang der historischen Stadtmauer von Dausenau. Sie vermittelten Einblicke in das Leben zu verschiedenen Epochen der kleinen alten Stadt.
Es geht die Lahnstraße entlang, man begegnet dem „Blinden von Dausenau“. Er erzählt von seinem tragischen Unfall und wie er dadurch sein Augenlicht verlor. Nobelpreisträger Paul Heyse schuf ihn in seiner Novelle und beförderte damit den kleinen Ort Dausenau in die Weltliteratur.
Auf dem Marktplatz erzählen „Marktweiber“ vom Alltag und wie schwer die Zeiten doch seien. Dann sehen sie eine elegant gekleidete Dame, die ihre Kunstwerke verkaufen möchte. „Die ist bestimmt reich“, tuscheln die Marktfrauen. Es ist Teresa Charlotte, sie war eine französische Malerin.
Weiter geht es über die Kirchgasse zur St. Kastorkirche. Hier werden die Zeitreisenden schon vom Pfarrer erwartet. Er erzählt, dass man ihn in der Gemeinde nicht mehr haben will, keiner komme mehr zum Gottesdienst, dabei habe er doch so viel Gutes getan. Einen Käufer habe er für den alten Altar gefunden. 35 Gulden wollten die Engländer dafür bezahlen. Der Verkauf sollte platzen, da man ihm Halsstarrigkeit und Bosheit nachsagte. Darum kann man diesen alten Altar noch heute bewundern. Es ist ein gotischer Flügelaltar, errichtet um 1500, mit den Figuren des hl. Kastor, der Maria mit Christuskind und der hl. Maria Magdalena.
Der Weg führt weiter zum Ackertsturm durch die Ackertspforte. Der Weg durch die Pforte bildete bis zum Bau der Straße entlang der Lahn die einzige hochwasserfreie Verbindung nach Ems. Von den ehemals acht Türmen sind sieben zumindest in Resten erhalten. Die Stadtmauer mit etwa einem Kilometer Länge wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtet, nachdem die Grafen von Nassau für den Ort im Jahr 1348 Stadtrechte erwirkt hatten. 2015 wurde der Ackertsturm sehr aufwendig und für viel Geld renoviert.
Bei den Müllersleut, der Familie Fuhr, geht die Zeitreise weiter. Nach ihnen wurde auch ein Turm benannt, der Fuhrsturm.
Weiter geht es zur zweigeteilten Schlosspforte. An der Oberen Schlosspforte konnte die Unterbach zum Schutz des Ortes aufgestaut werden. Damals musste jeder Haushalt einen Eimer besitzen, um im Brandfall, Wasser aus dem Bach zu schöpfen. Am 6. April 1879 gründete Heinrich Fischbach die Freiwillige Feuerwehr. Die Feuerwehr bekommt im August 1887 eine von Hand betriebene Spritze der Aachener Firma „BADUWE“ zum Preis von 1300 Mark. Diese Spritze ist noch heute voll funktionsfähig und im Besitz der Wehr. Mit Manneskraft wurde gepumpt. Auch der Verbandsbürgermeister Josef Oster drückt heute kräftig an der Pumpe mit.
Nach einer kleinen Stärkung geht es weiter zum „Hirtzen Turm“ und dem „Katzenturm“, von dem aus der Turmwächter die Gruppe schon längst erblickt hatte. Vorbei an dem „Christians Turm“ und dem „Drehers Turm“ geht es weiter zu dem Wahrzeichen von Dausenau, dem berühmten „Schiefen Turm“.
Der Schiefe Turm stellt den bekanntesten Teil der Dausenauer Stadtbefestigung dar. Seine Schiefstellung hat zu allerlei Vermutungen und Legenden geführt. Nüchtern betrachtet bildet er mit einer Neigung von 5,81 Gon, entsprechend 5,22 Grad den schiefsten bekannten Turm. Die dicke Emma erzählt hier den Besuchern, dass man sie im Turm eingesperrt hatte, da sie einem Anderen versprochen war. Doch sie wartete sehnlichst auf ihren Verehrer Eginhard und hielt täglich nach ihm Ausschau, was auch die stärksten Mauern nicht auf Dauer aushielten. Deshalb sei der Turm so schief – so die Sage.
Auch der erste Lehrer von Dausenau, Wilhelm Rückert, erzählt seine Geschichte. Der Fährmann Karl berichtet von seinem Narren.
Der Rundgang endet am „Alten Rathaus“, wo eine Frau als „Hexe“ bezichtigt wird und ihre Neider und Verleumder anklagt. Ein Mann am Pranger steht und die Welt nicht mehr versteht.
Der Pfarrer ist unzufrieden, weil seine Gemeinde ihn ablehnt. Darum versucht er, den historischen Altar zu verkaufen, doch es mislingt.
Hinauf geht die Wanderung, zum Ackertsturm. Fotos: -MFU-
Die Marktfrauen halten Lahnwein, Wasser und Apfelschorle bereit. Getrunken wird stilecht aus Tonbechern.
Die französische Malerin „Teresa Charlotte“ bietet ihre Werke feil. Die Marktweiber tuscheln über sie.
Wilhelm Rückert, der erste Lehrer von Dausenau, erzählt in der 1832 erbauten Schule seine Geschichte.
Der Turmwächter des Katzenturms erblickt die Gruppe schon aus der Ferne.
Die als „Hexe“ eingesperrte Frau beklagt das ihr widerfahrene Unrecht und auch der Mann am Pranger klagt.
