Allgemeine Berichte | 18.09.2024

Förderverein Gedenkstätte KZ-Außenlager Cochem e.V.

Wege der Erinnerung gehen

Landrätin Anke Beilstein ließ es sich nicht nehmen, die Veranstaltung persönlich zu eröffnen. Sie würdigte die in der Ortsgemeinde Bruttig-Fankel / Mosel seit Jahrzehnten betriebene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Foto: privat

Bruttig-Fankel. Mehr als 50 Teilnehmer und Teilnehmerinnen fanden sich am Alten Rathaus in Bruttig-Fankel ein, um den Weg der Erinnerung zu gehen zu Orten nationalsozialistischer Verbrechen im Ortsteil Bruttig. Und immer mehr Interessierte schlossen sich an auf dem Weg der Erinnerung in Bruttig.

Vor 80 Jahren, am 14. September 1944, wurde mit dem Vorrücken der alliierten Streitkräfte der Befehl gegeben, das KZ-Außenlager Kochem Bruttig Treis aufzulösen. Das damalige Ereignis nahm die Kreisvolkshochschule Cochem und der Förderverein Gedenkstätte KZAußenlager Cochem e.V. in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Erinnerungskultur im Pastoralen Raum Cochem-Zell zum Anlass, interessierte Bürger und Bürgerinnen zu einem Rundgang zu Stätten der nationalsozialistischen Verbrechen im Ortsteil Bruttig einzuladen.

Landrätin Anke Beilstein ließ es sich nicht nehmen, die Veranstaltung persönlich zu eröffnen. Sie würdigte die in der Ortsgemeinde Bruttig-Fankel / Mosel seit Jahrzehnten betriebene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Sie hob dabei das aktive Engagement von Manfred Ostermann besonders hervor. „Wir leben in einer Demokratie, aber wir erleben dieser Tage, dass die Demokratie Unzufriedenen Angriffsflächen bietet. Deshalb glaube ich, dass es wichtiger denn je ist, sich diesem Thema zu stellen.“ „Wir tragen Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert. Das ist unser Auftrag an uns alle. Wir alle, die wir in Frieden und Freiheit leben, können und sollen uns diesem Auftrag stellen.“

Gemeinsam mit der Verbandsgemeinde Cochem und der Ortsgemeinde Bruttig-Fankel steht das Kreishaus vor der Aufgabe, das mit der Landeszentrale für politische Bildung entwickelte Konzept zur Erinnerungskultur umzusetzen an mehreren Orten von Bruttig bis Treis. Verbandsbürgermeister Wolfgang Lambertz und Bürgermeister Hermann-Josef Scheuren waren mit dabei beim Rundgang durch Bruttig.

Der Förderverein Gedenkstätte KZ-Außenlager versteht seine Arbeit als ergänzend zum Konzept des Kreises. Entlang des von alamo.team Cochem in Zusammenarbeit mit dem Förderverein jüngst entwickelten Geocaching zum jüdischen Leben und zum KZ-Außenlager Kochem in Bruttig erzählte Manfred Ostermann, Bruttig, Vorstandsmitglied Förderverein Gedenkstätte, aus der Ortsgeschichte zurzeit des Nationalsozialismus. Kaum jemand kennt diese Geschichte so gut wie Manfred Ostermann, der seit seiner Zeit als Ortsbürgermeister von vielen Begegnungen mit ehemaligen KZ-Häftlingen und mit Angehörigen, die Bruttig aufsuchten, berichten kann.

Das Archiv von Manfred Ostermann ist zudem eine unerschöpfliche Quelle für literarisch und wissenschaftlich am Thema Interessierte, so dass eine Art internationales Netzwerk entstanden ist. So erhielten Ostermanns jüngst Besuch von Prof. Dr. Woehrle, Universität Bamberg, der zu einem französischen Nacht- und Nebel-Häftling forschte und herausfand, dass entgegen dem bisherigen Forschungsstand im KZ-Außenlager sehr wohl auch jüdische Häftlinge interniert waren, Widerstandskämpfer, die allerdings aus Selbstschutz vorgegeben hatten, römisch-katholisch zu sein.

Pastor Peter Lönarz aus Bruttig berichtete von einem Besuch im KZ Dachau vor Jahren, bei dem er zum ersten Mal wahrnahm, dass das KZ Kochem Bruttig Treis dort verzeichnet ist. In der Tat gehörte das Außenlager zum KZ-Komplex des Stammlagers Natzweiler Struthof im Elsass mit seinen mehr als 50 Außenlagern. Nach Auflösung des KZ-Außenlagers im September 1944 wurden die Häftlinge in KZ im Osten deportiert bis hin in das KZ Dachau, das 1945 befreit wurde.

Besuch der Baracke das entscheidende Erlebnis

Für eine Teilnehmerin aus dem Moselkrampen war die Besichtigung der ehemaligen zentralen Lagerbaracke, genannt Speisesaal, auf dem Appellplatz des KZ-Außenlagers das entscheidende Erlebnis auf dem Weg. Karl Welches, Bruttig, war Augenzeuge dessen, was auf dem Appellplatz geschehen war, da er als Achtjähriger in unmittelbarer Nachbarschaft auf das Lager blicken konnte. Einen Blick in die Baracke zu werfen war allerdings damals ebenso wenig möglich wie heute. Denn diese ist in der Regel verschlossen. Anlässlich des Weges öffnete die Ortsgemeinde die Baracke. Drinnen kann man ein Gemälde sehen, das mit großer Wahrscheinlichkeit von KZ-Häftlingen bei der Errichtung der Baracke gefertigt wurde.

Veronika Raß, Vorsitzende des Fördervereins und Pastoralreferentin mit dem Arbeitsfeld Erinnerungskultur, deutete diesen kulturellen Ausdruck als Versuch der KZ-Häftlinge, in absoluter Entrechtung und Entwürdigung dennoch die menschliche Würde zu bewahren. Sie überreichte Manfred Ostermann an diesem Ort ein Kunstwerk des Bonner Künstlers Ralf Knoblauch anlässlich 75 Jahre Grundgesetzt der Bundesrepublik Deutschland mit dem Aufdruck: WÜRDE. UNANTASTBAR. Artikel 1 des Grundgesetztes hat der Künstler Christoph Anders auf dem Bruttiger Mahnmal für die Opfer des nationalsozialistischen KZ-Außenlagers in Kochem Treis Bruttig, darunter weit mehr als 90 Todesopfer, in Stein gemeißelt.

Begebenheiten, die sich während des sog. Dritten Reiches in den Häusern abspielten, weiß Manfred Ostermann zu schildern. So trug sich in Bruttig zu, dass ein Nazi-Parteigänger in einer Familie vorstellig wurde, deren Söhne noch nicht in der Hitler-Jugend angemeldet waren. Auf dem Tisch lag eine Ausgabe der Paulinus-Zeitung des Bistums Trier. Der Nazi nahm die Zeitung, haute die Zeitung auf den Tisch und schrie: „Dafür hast Du Geld, aber den HJ-Beitrag für Deinen Sohn willst Du nicht bezahlen.“ Der Familienvater wurde kreidebleich. Hätte der Nazi- den Paulinus aufgeschlagen, hätte er ein Flugblatt mit dem Aufruf des Kardinals von Galen gegen die Vernichtung unwerten Lebens darin gefunden, was unweigerlich zu einer Verhaftung geführt hätte.

Gisela Schmitt, gebürtig aus Bruttig-Fankel, war diejenige die den Geocache des alamo.team Cochem in Bruttig fand. Geocaching, eine Art Schnitzeljagd mit GPS, will vor allem junge Leute gewinnen, sich den Orten der nationalsozialistischen Verbrechen anzunähern, und somit motivieren, mehr zu erfahren über die Geschichte. Mehr über die Geschichte des KZ-Außenlagers Kochem Bruttig Treis, über Opfer und Täter, über das System der Konzentrationslager findet man auf der Homepage des Fördervereins Gedenkstätte KZAußenlager Cochem e.V. https://kz-bruttig-treis.de.

Ausblick

Die nächste Veranstaltung von Kreisvolkshochschule und Förderverein Gedenkstätte KZ-Außenlager Cochem e.V. findet statt am 19. November, 19 Uhr, Kreishaus Cochem, mit dem Referenten Joachim Hennig, Mahnmal Koblenz und Fördervereinsmitglied, zum Thema „Das System der NS-Konzentrationslager“.

Landrätin Anke Beilstein ließ es sich nicht nehmen, die Veranstaltung persönlich zu eröffnen. Sie würdigte die in der Ortsgemeinde Bruttig-Fankel / Mosel seit Jahrzehnten betriebene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Foto: privat

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