Emotionale Momente bei der Interkulturellen Woche an der Ludwig-Erhard-Schule Neuwied
Werte wie Toleranz, Gerechtigkeit und Menschenrechte haben hohen Stellenwert
Das Buch „Todesursache: Flucht“ von Tanja Tuckermann und Kristina Milz zog alle Zuhörer in seinen Bann
Neuwied. Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe noch nie so hoch wie heute. Ende 2018 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei 70,8 Millionen. In den vergangenen 25 Jahren sind mehr als 35.500 Menschen auf der Flucht nach und in Europa ums Leben gekommen. Vor diesem Hintergrund lud die Ludwig-Erhard-Schule BBS Wirtschaft Neuwied als UNESCO-Projektschule im Rahmen der Interkulturellen Wochen zur Lesung „Todesursache: Flucht“ ein. Hierbei stellten die Schüler, die für das Projekt aus verschiedenen Schulformen zusammenkamen, kurze Porträts junger Menschen vor, die bei der Flucht verstorben sind.
Die Grundlage dafür bildete das Buch „Todesursache: Flucht“ von Tanja Tuckermann und Kristina Milz (Herausgeberin). Dabei erinnerten Ronahi Ciftci, Kristina Kopic, Emre Özcoban, Jolina Steinbach, Celine Touma, Lisa-Marie Salemka und Suat Özcan unter anderem an Ibrahim Jabuti aus Somalia. Er überlebte den Weg durch die Sahara und durch ein Schleppergefängnis in Libyen und ertrank dann im Alter von 19 Jahren im Mittelmeer. Auch die letzten Monate aus dem Leben Lamine Condehs (20) aus Sierra Leone, der in Passau an Leberkrebs starb, nachdem er monatelang nicht behandelt und zwischenzeitlich nach Italien abgeschoben worden war, bewegte das Publikum. Darüber hinaus wurde an Zaki Adams (25) aus dem Sudan erinnert. Adams, der die aufzehrende Flucht aus dem Westen des Sudans durch die libysche Wüste und über das Mittelmeer überstanden hatte, hielt der wahllosen Anwendung des hiesigen Asylrechts nicht stand und starb wohl an den Folgen eines unerkannten Herzfehlers. Vor allem das Schicksal des syrischen Jungen Alan Kurdi (verstorben im Alter von nur drei Jahren), dessen Bild um die Welt ging und zum Symbol der Flüchtlingskrise wurde, ließ das Publikum einen Moment den Atem anhalten.
Nachdem die kurzen Porträts große Betroffenheit ausgelöst hatten und noch einmal verdeutlicht wurde, dass mit jeder Zahl dramatische Einzelschicksale verbunden sind, war es den teilnehmenden Schülern besonders wichtig, einen hoffnungsvollen Ausblick zu geben und das Publikum mit seinen Emotionen nicht allein zu lassen. Azima Hesso, eine Schülerin der LES, die mit ihrer Familie aus Syrien flüchtete und seit 2015 in Deutschland lebt, informierte das Publikum über ihre Flucht, die glücklicherweise ein gutes Ende fand. In einem Film, den sie bei einem UNESCO-Projekt an ihrer ehemaligen Schule (BBS Heinrich-Haus in Neuwied) drehte, zeichnete sie ihren Weg, der von Syrien in den Irak, vom Irak zurück nach Syrien und anschließend in die Türkei führte, nach.
Spuren hinterlassen
In ihrem Film geht sie auf ihre Kindheit in ihrer Heimatstadt bei Aleppo ein und erzählt von ihrer Schulzeit sowie ihren Hobbys. Ferner schildert sie, wie sich ihr Leben von heute auf morgen veränderte und welche Gräuel der Krieg mit sich brachte. Wenngleich diese Erlebnisse Spuren hinterließen und auch heute noch nachwirken, so zeigte sie eindrucksvoll, wie gestärkt sie aus dieser schweren Phase hervorging und wie dankbar sie dafür ist, ihrem Leben in Deutschland eine neue Wende zu geben.
So sprach sie über ihre beruflichen und privaten Ziele und die Herausforderungen, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Familie meistern möchte. Im Anschluss beantwortete sie Fragen des Publikums und verwies noch einmal darauf, dass sie dank großer Unterstützung ihrer Lehrer und der Schulleitung positiv und optimistisch in die Zukunft schaue. Zum Abschluss bedankten sich die Moderatoren Sophie Mendel und Lea Kottscheidt, die gekonnt durch die Veranstaltung führten, bei den teilnehmenden Schülern und warben noch einmal für Solidarität und Menschlichkeit.
Auch die mit organisierenden Lehrkräfte Julia Wilhelms, Franziska Helf, Sabine von Normann und Marcel Lauterbach zeigten sich von der Veranstaltung beeindruckt: „Es gab viele Momente, die zeigten, dass das Publikum emotional beteiligt war und dass Werte wie Toleranz, Gerechtigkeit und Menschenrechte unter den Jugendlichen einen hohen Stellenwert erfahren. Vor diesem Hintergrund freuen wir uns natürlich darauf, die entsprechenden Themen in der UNESCO-AG weiter zu vertiefen.“
Rainer Kunze vom Ein-Welt-Laden Neuwied und Dilorom Jacka, der Integrationsbeauftragte der Stadt Neuwied, waren der Einladung ebenfalls gefolgt.
