Zwei Wochen nach der Sprengung des Geldautomaten im Rathaus
Wie geht es weiter?
Thilo Becker im Interview mit BLICK aktuell – Reaktionen von Bürgern auf die Übeltat
Höhr-Grenzhausen. Immer mal wieder hört man in den Medien von Geldautomatensprengungen und denkt dann: „So etwas passiert bei uns sicherlich nicht.“ Nun hat es vor zwei Wochen auch Höhr-Grenzhausen getroffen. Die Zahl dieser Delikte in Rheinland-Pfalz ist laut Angaben des Landeskriminalamtes in Mainz in den letzten drei Jahren gestiegen. Waren es in 2015 und 2016 gerade einmal jeweils fünf, so hat sich die Zahl der gesprengten Geldautomaten imJahr 2017 mit 23 (drei davon lagen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Koblenz) mehr als vervierfacht, auch wenn es sich bei zwölf Taten „nur“ um versuchte Sprengungen handelte.
Tatorte in Stadt und Land
Auf Nachfrage, ob es eine zunehmende Tendenz von städtischen in ländliche Gebiete zu verzeichnen gebe, gab das LKA folgende Auskunft: „Es gibt keine Tendenz. Die Tatorte befinden sich sowohl in ländlichen, als auch in städtischen Gebieten. Ausschlaggebend ist eine verkehrsgünstige Anbindung.“ Bei den Tätern handele es sich aufgrund der komplexen Abläufe überwiegend um Tätergruppen, zu denen zum einen professionelle Gruppen aus dem Ausland zählen und zum anderen auch sogenannte Nachahmungstäter, gibt das LKA weiter Auskunft. Zur Geldautomatensprengung im Rathaus hat BLICK aktuell ein Interview mit Verbandsgemeindebürgermeister Thilo Becker geführt.
Thilo Becker im Interview
BLICK aktuell: Herr Becker, vor knapp zwei Wochen wurde nachts der Geldautomat im Foyer des Rathauses gesprengt. Bereits vor 6 Uhr morgens haben Sie dazu eine Meldung in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Wie ist denn bei so einem Vorfall der Ablauf? Wann haben Sie persönlich von diesem Desaster erfahren?
Thilo Becker: Ich wurde gegen 3.20 Uhr durch unsere Feuerwehr informiert. Ich habe mit der Feuerwehr bei bestimmten Schadensereignissen eine Absprache, dass ich umgehend informiert werden möchte. Danach habe ich mich auf den Weg zum Rathaus gemacht.
Zum Glück kein Personenschaden
BLICK aktuell: Auf Ihrer Internetseite haben Sie geschrieben „Es gibt Sachen, die braucht kein Mensch.“ Was haben Sie im ersten Moment gedacht, als Sie von dem Geschehen erfahren haben?
Thilo Becker: Die Feuerwehr hatte mich im Telefonat schon darauf hingewiesen, dass kein Mensch zu Schaden gekommen ist. Das war sicherlich die wichtigste Nachricht. Was ich gedacht habe, dürfte kaum zitierfähig sein. Beim Anblick der Zerstörung war ich entsetzt über den Umfang. Es war schnell erkennbar, dass der komplette Eingangsbereich betroffen war.
BLICK aktuell: Laut Medienberichten beziffert sich der entstandene Sachschaden auf einen höheren fünfstelligen Betrag. Das ist neben der Dauer zur Instandsetzung mehr als ärgerlich. Was wurde neben dem Geldautomaten selbst am Gebäude des Rathauses beschädigt? Wer ist in diesem Fall von dem Schaden betroffen und wer kommt dafür auf?
Thilo Becker: Betroffen sind die Westerwaldbank mit ihren technischen Apparaten im Eingangsbereich und natürlich die Verbandsgemeinde. Die abgehangene Decke, Glasscheiben, die Türanlagen und die Kunststoffelemente wurden teilweise erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Bereits am Schadenstag war ein Gutachter unserer Versicherung vor Ort. Die Schadensabwicklung wird in Absprache mit der Versicherung erfolgen.
BLICK aktuell: Können Sie schon eine erste Einschätzung abgeben, wie viel Zeit die Instandsetzung in Anspruch nehmen wird, Herr Becker?
Thilo Becker: Leider nein. Wir benötigen Angebote zur Schadensbeseitigung, diese müssen mit der Versicherung abgestimmt werden.
Ermittlungs- arbeiten dauern an
BLICK aktuell: Es heißt, die Täter seien in einem dunklen Kombi in Fahrtrichtung Bendorf geflüchtet. Gibt es nach derzeitigem Stand der Ermittlungen neue Erkenntnisse und eine Spur auf die Täter?
Thilo Becker: Hierzu ist mir nichts bekannt. Die Ermittlungsarbeiten werden durch die Polizei koordiniert. An dieser Stelle möchte ich mich einmal bei den Polizeikräften von der Kriminalpolizei bedanken, die in der Nacht an der Einsatzstelle waren. Die Arbeiten machten auf mich einen sehr professionellen Eindruck.
BLICK aktuell: Die Zahl der gesprengten Geldautomaten, inklusive der versuchten Sprengungen, belief sich 2017 in Rheinland-Pfalz auf 23. Betroffen sind nicht nur Städte, sondern auch ländliche Regionen. Seit zwei Wochen auch Höhr-Grenzhausen. Erachten Sie dieses Vorkommnis als bedrohlich? Wie schätzen Sie als Verbandsgemeindebürgermeister die Gefahr der Wiederholungstat ein?
Thilo Becker: Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. In Absprache mit der Westerwaldbank werden wir weitere Sicherheitsmaßnahmen ergreifen.
Höhr-Grenzhausen ist sicher
BLICK aktuell: Wie sicher ist in Ihren Augen Höhr-Grenzhausen?
Thilo Becker: Höhr-Grenzhausen ist sicher. Das mag zum Widerspruch anregen und trotz der Tat muss man bei der Diskussion objektiv bleiben. Natürlich hätten wir gerne, dass die Polizeiwache rund um die Uhr besetzt ist. Im Jahre 2011 wurde über die Schließung diskutiert, damals konnten wir erreichen, dass die Wache bleibt.
BLICK aktuell: Damit kommen wir zu einem Thema, das die Bürger der Verbandsgemeinde seit Langem und immer wieder beschäftigt. Vor über 20 Jahren bereits wurde die dem Rathaus gegenüberliegende Polizeiinspektion nachts geschlossen und somit zur Polizeiwache. 2011 drohte dann die endgültige Schließung und Höhr-Grenzhausen hat sich unter anderem mit einer Unterschriftensammlung dagegen gewehrt. Wird das aus Ihrer Sicht jetzt wieder ein Thema? Und wenn ja, warum?
Entscheidung über Polizei- präsenz liegt bei den Ländern
Thilo Becker: Eine höhere Polizeipräsenz ist uns allen lieber. Doch hier sind wir nicht die handelnden Personen. Die Zuständigkeit liegt beim Land. Die politische Diskussion über Polizeiausstattung und Präsenz vor Ort wird ständig geführt. Wenn in Großstädten wie Köln Geldautomaten gesprengt werden und dort eine viel höhere Polizeipräsenz besteht, kann man vielleicht erkennen, dass die Scheu vor Straftaten sinkt. Polizeipräsenz und Akzeptanz gegenüber Polizeibeamten bis hin zur Rechtsprechung gehören für mich zur Diskussion. Den Polizeibeamten kann man keinen Vorwurf machen, handeln müssen die Länder, die sehe ich in der Pflicht.
BLICK aktuell: Herr Becker, abschließend eine letzte Frage. Die Sprengung des Geldautomaten im Rathaus hat für Aufruhr und sicherlich auch etwas Angst in der Bevölkerung gesorgt. Was möchten Sie Ihren Mitmenschen mit auf den Weg geben?
Thilo Becker: Man sollte immer wachsam sein. Mehr auf sein Gegenüber und die Nachbarschaft achten. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt: „Hätten wir das verhindern können, hätte uns etwas im Vorfeld auffallen müssen?“ Die Frage habe ich mir selbst mit „Nein“ beantwortet. Der Bürgerschaft möchte ich mitgeben, dass das Leben in Höhr-Grenzhausen nicht unsicherer geworden ist. Dennoch: Sollte „Ungewöhnliches“ auffallen, informieren Sie unsere Polizei. Ich kann aus der Erfahrung nur sagen, dass die Zusammenarbeit mit der Polizeiwache in Höhr-Grenzhausen sehr gut ist.
BLICK aktuell bedankt sich ganz herzlich für das Interview und die Offenheit des Verbandsgemeindebürgermeisters von Höhr-Grenzhausen.
Reaktionen aus der Bevölkerung
Die Reaktionen der Bevölkerung Höhr-Grenzhausens sind unterschiedlich. Passantenbefragungen haben ergeben, dass es einerseits Mitmenschen gibt, die, wie Thilo Becker, der Meinung sind, dass man den Vorfall nicht hätte verhindern können und dass man nie zu 100 Prozent gewappnet sein kann. Aber auch vollkommenes Unverständnis für die Tat selbst schlägt einem entgegen. Auch auf Facebook zeigten sich Reaktionen auf das Vorkommnis, die für sich selbst sprechen.
Fakt ist jedenfalls, dass durch die Tat in der Nacht des 16. Februar der Eingangsbereich des Rathauses beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen wurde und dass die Bevölkerung bei der Verrichtung ihrer Amtsgänge noch für einen längeren Zeitraum den Hintereingang des Rathauses nutzen muss. Da hatte Thilo Becker schon eine treffende Aussage getätigt. Es gibt eben Sachen, die kein Mensch braucht.
