Allgemeine Berichte | 11.01.2017, 10:41 Uhr

Heimatgeschichte -

Winter auf den kleinbäuerlichen Höfen vor 100 Jahren

von Werner Schüller

Im Winter wurde das Holz für den nächsten Tag von Hand auf dem Holzbock gesägt.privat

Region. Heute brauchen die Berufstätigen ihren Jahresurlaub bis zu 6 sechs Wochen zur Erholung. In diesen Wochen wollen sie losgelöst von Pflichten des Berufes sein. Erholung findet man zu jeder Jahreszeit in deutschen Landen, an weißen Stränden, in den Bergen oder in fernen Ländern. Für den Landmann ist auch heute überwiegend der Winter die Zeit der Erholung für das zurückliegende anstrengende Jahr.

Die nachfolgenden Ausführungen sollen einen kleinen Einblick des Alltagslebens der Kleinbauern im Winter im ländlichen Raum vor ca. 100 Jahren geben.

Die Kleinbauern in der Eifelregion, der Grafschaft und im Ahrgebiet arbeiteten hart und die Tagwerke von Frühjahr bis Herbst waren sehr lang. Maschineneinsatz gab es noch nicht. In Haus, Hof und Flur war immer Handarbeit angesagt. Alle Familienmitglieder, Alte und Junge mussten kräftig mitanpacken. Erst nach dem Einholen der letzten Ernte der Rüben im November wurde es auch für sie etwas ruhiger. Nur das Vieh verlangte jeden Tag, ob Sonn- oder Feiertag, versorgt zu werden. Zweimal am Tag mussten das Rindvieh, die Schweine und Hühner gefüttert werden. Pferde gab es noch recht selten.

Für die Kühe und Ochsen wurde das Viehfutter in einem großen Kessel gekocht. Die Tiere bekamen also eine warme Mahlzeit. Gekocht wurde das „Jestöß“, das aus klein gestoßenen Knollen oder Rüben gemischt mit Kaaf (Getreidespreu) und gehäckseltem Stroh bestand. Dazu wurde Heu oder ein Heu- und Strohgemisch gefüttert. Die kleinen Kartoffeln, die im Herbst extra aussortiert wurden, dienten gekocht als hauptsächliches Schweinefutter. Die Hühner bekamen Körner zu fressen, gemischt aus Hafer und Gerste.

Zu der Zeit waren die Winter besonders auf den Eifelhöhen und im Ahrgebirge noch streng und hart. Oft lag von November bis Ende Februar eine weiße Decke über Feld und Flur. Alle Gewässer waren zugefroren. Die einfach verglasten Fensterscheiben in den Räumen waren mit Eisblumen bedeckt und hatten eine dicke Eisschicht. Die einzige Feuerstelle, der Herd in der Wohnküche, konnte über die ganze Nacht die Wärme nicht halten, denn er wurde nur mit Holz befeuert. Die Schlafzimmer waren nicht geheizt. In den Schlafräumen im oberen Dachgeschoss gab es unter den Dachziegeln keine Isolierung und keine Deckenverkleidung und man konnte vom Bett aus direkt auf die Dachpfannen schauen. Bei Frost bildete sich unter den Pfannen durch den Hauch des Atems der Schlafenden eine glitzernde Raureifschicht. Im Bett war es noch einigermaßen warm, denn als Matratze diente ein großer Strohsack. Einmal im Jahr, meistens nach dem ersten Dreschen, wurde frisches Stroh, in der Regel Haferstroh, in den Leinensack gefüllt. Zum Zudecken diente ein dickes Federbett (Plumeau). Ältere Leute legten sich einen Stein oder eine mit Sand gefüllte Tonflasche zum Aufheizen rechtzeitig vor dem Schlafengehen in den Backofen am Herd. Eingewickelt in Tücher kam damit zum Schlafen etwas Wärme in das Bett. Auch im Winter schlief man nicht viel länger als sonst. Man stand zwar eine Stunde später als im Sommer auf, also nicht um fünf Uhr, sondern um sechs. Dass die Morgentoilette nur kurz ausfiel, lag am kalten Wasser, welches direkt aus dem hauseigenen Brunnen genommen wurde. Während der Mann in der Frühe das Vieh versorgte, kam die Frau zum Melken in den Stall, denn das Melken war Frauensache. Vorher hatte sie noch im Küchenherd das Feuer angezündet. Im Stall war es noch dunkel, denn elektrisches Licht gab es noch nicht. Die Stalllaterne gab nur ein spärliches Licht. Bei der Futterbereitung mussten auch die Kinder mithelfen. So mussten sie schon abends für den kommenden Tag die Knollen und Rüben mit dem Stoßmesser in einem großen Trog klein stoßen. Das war keine leichte Arbeit, wobei die Kinder auch oft murrten.

Eine wichtige Arbeit der Männer und den größeren Buben im Haus war das Herbeischaffen von Brennholz. Im Sommer hatte man zwar schon einen Teil des Holzbedarfs für den Winter heimgebracht. Aber meistens reichte es nicht aus. Darum hieß es, mit Axt, Säge und bei Schnee mit dem Schlitten zum Holzschlagen in den Wald zu ziehen. Nur dürres und trockenes Holz wurde jetzt abgemacht und heimgebracht. Zuhause musste dann die täglich benötigte Holzmenge von Hand gesägt werden. Als Auflage diente der sogenannte Holzbock, auf dem die Stämme auf Ofenlänge geschnitten wurden.

Nach dem Spalten brachte man das ofenfertige Holz in die Küche, wo es neben dem Herd oder dem Backofen noch etwas nachtrocknen konnte.

Die Winterzeit hatte auch schönere Seiten

Die Zeit des Winters hatte aber auch damals für die Leute schönere Seiten. Es wurde früh dunkel, die Öllampe gab ein warmes Licht in dem Raum. Aus dem Herd kam ein heller Feuerschein und verbreitete Wärme und Behaglichkeit. Bratäpfel und verbrennendes harziges Holz gaben einen angenehmen Duft in der Wohnstube. Man traf sich mit Verwandten und Nachbarn und hatte viel zu erzählen. Die Männer schmauchten gemütlich ihr irdenes Pfeifchen. Manchmal gab es auch eine Probe vom selbst geräucherten Schinken oder der hausgemachten Blut- und Leberwurst. Zu ganz besonderen Tagen genehmigte man sich auch ein Gläschen Wacholder- oder Hefeschnaps. Die Frauen saßen am Spinnrad, strickten oder flickten Hosen und Strümpfe. In der Adventszeit bereiteten sich die Familien auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor. Mindestens ein Erwachsener und die größeren Kinder der Familien besuchten morgendlich das Rorateamt in der Kirche. Abends beteten alle gemeinsam den Rosenkranz. Bis zum Ende der Weihnachtszeit wurden auch an den langen Abenden Gedichte aufgesagt und Weihnachtlieder gesungen. Die kleineren Kinder kamen in der Zeit auch nicht zu kurz. Solange die Eltern noch im Stall zu schaffen hatten, las die Großmutter den Kleinen Geschichten und Märchen aus dem großen Hausbuch vor. Alle Kinder freuten sich auf den Schnee. Sie konnten dann nach Herzenslust Schlitten fahren, denn die Straßen, Wege und Plätze wurden nicht gestreut. Auf den zugefrorenen Weihern und Tümpeln konnten sie gut Schlittschuh laufen.

Alle zwei bis drei Wochen wurde in den Familien Brot gebacken. Manche Familien hatten einen eigenen Backofen, andere backten ihr Brot im Gemeindebackhaus. Die „Backesse“ waren als Treffpunkt von Jung und Alt sehr beliebt. Dort konnte man viel Neues erfahren. Es wurde allerlei erzählt und man sagt auch manchmal gelogen.

Im Winter wurde das Holz für den nächsten Tag von Hand auf dem Holzbock gesägt.Foto: privat

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