Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer - wie haben Sie diese Tage im Herbst 1989 erlebt, liebe Leserinnen und Leser?
Wir sind das Volk!
Berlin. „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten; sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag.“ Mit diesen Worten begrüßte Hanns Joachim Friederichs, seinerzeit Chef-Moderator der ARD-Tagesthemen, am 9. November 1989 die Zuschauer. Und er hatte die Situation absolut richtig beurteilt.
In diesem Herbst vor 25 Jahren überschlugen sich die Ereignisse und der 9. November, dieser für die Deutschen ohnehin schon so geschichtsträchtige Tag, sollte der Höhepunkt der deutsch-deutschen Geschichte werden und gleichsam ihre - buchstäbliche - Wendemarke. 40 Jahre Trennung sollten zu Ende gehen, 40 Jahre Kontrolle, Entbehrungen, Abhängigkeit und Bevormundung.
Desaströse Politik
Vorausgegangen waren Wochen des immer stärker werdenden Protestes und Widerstandes. Wann genau das Ende der DDR begann, ist schwer zu sagen. Ein Auslöser aber war sicher die zweite Ölkrise 1979/80, die für das Land dramatische Folgen hatte und die seinen wirtschaftlichen Niedergang beschleunigten.
Ein anderer maßgeblicher Faktor stellte der Reformkurs in der Sowjetunion unter Staatschef Michail Gorbatschow dar, der mit „Glasnost“ (= Offenheit, Transparenz) und „Perestroika“ (= Umbau, Umgestaltung) befreundeten Parteien und Regierungen in den Ostblockstaaten freie Hand für ihre innere Entwicklung ließ. Damit verschoben sich für die SED-Oberen die außenpolitischen Grundkoordinaten, da sie in der Sowjet-Führung immer den Garanten der DDR und vor allem der eigenen Macht gesehen hatten. Und so lehnten sie es strikt ab, Gorbatschows Ideen zu folgen, und verhängten stattdessen gar eine Zensur über sowjetische Medien und propagierten einen „Sozialismus in den Farben der DDR“.
Damit aber wollte sich die Bevölkerung nicht zufrieden geben und bis in die SED-Reihen hinein stieß Honeckers desaströse Politik mehr und mehr auf Unverständnis und zunehmenden Widerstand. Die Unzufriedenheit mit dem SED-Regime nahm im Laufe des Jahres 1989 immer deutlichere und organsiertere Formen an und breitete sich mehr und mehr aus.
Chronik des Niedergangs
2. Mai 1989: Ungarn öffnet seine Grenze zu Österreich - und Hunderte DDR-Bürger versuchen, über Ungarn in den Westen zu gelangen. Andere bemühen sich, an westdeutsche Reisepapiere zu gelangen, und begeben sich in die bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Prag und Warschau. 7. Mai: Bei ostdeutschen Kommunalwahlen wird durch Kontrollen von Bürgerrechtsgruppen erstmals Wahlbetrug nachgewiesen. 6. Juli: Der offene Unmut in der Bevölkerung der DDR nimmt mehr und mehr zu und es kommt immer wieder zu Unruhen. Doch Gorbatschow lehnt - entgegen sowjetischer Zusagen zur Unterstützung der DDR in Krisen - eine Intervention von sowjetischen Truppen zur Abwendung der Unruhen ab. 31. Juli: In Ost-Berlin, Warschau, Prag und Budapest versuchen Tausende DDR-Bürger, ihre Ausreise durch die Erstürmung der westdeutschen Botschaften zu erzwingen. 19. August: Beim so genannten „Paneuropäischen Picknick“ nahe der ungarischen Stadt Sopron nutzen etwa 600 DDR-Bürger die offene ungarisch-österreichische Grenze zur Flucht in den Westen. 4. September: In Leipzig findet die erste Montagsdemonstration statt, bei der etwa 1.200 Demonstranten für Reise-, Presse- und Versammlungsfreiheit demonstrieren. 10. September: Die Bürgerbewegung „Neues Forum“ veröffentlicht ihren Gründungsaufruf. Später werden „Demokratie Jetzt“ (12. September), „Demokratischer Aufbruch“ (2. Oktober) und die „Sozialdemokratische Partei in der DDR“ (7. Oktober) folgen. In Budapest, wo ca. 30.000 Flüchtlinge fast einen Monat lang in Zeltlagern ausgeharrt hatten, bewilligt der ungarische Außenminister Gyula Horn die Ausreise der DDR-Flüchtlinge nach Österreich. 30. September: Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet abends auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag vor rund 4.000 DDR-Flüchtlingen, dass ihnen die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland erlaubt wird. 2. Oktober: Rund 20.000 Menschen finden sich bei der Leipziger Montagsdemonstration ein. Die friedliche Zusammenkunft wird von DDR-Sicherheitsorganen gewaltsam aufgelöst. 4. Oktober: Als rund 7.600 DDR-Flüchtlinge, die in der Prager und Warschauer Botschaft Zuflucht gesucht hatten, mit dem Zug über abgesperrte Bahnstrecken der DDR in die Bundesrepublik ausreisen, kommt es am Dresdner Hauptbahnhof zu den schwersten Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Bürgern und DDR-Sicherheitskräften seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953. 7. Oktober: Bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR („Tag der Republik“) mahnt der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow die DDR-Führung zu politischen Reformen und verabschiedet sich mit dem viel zitieren Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Am Rande der Feiern demonstrieren wieder zehntausende Menschen für eine demokratische Erneuerung des Landes und Volkspolizei und Stasi reagieren mit Gewalt und Massenverhaftungen. 9. Oktober: Rund 70.000 Menschen nehmen an der Leipziger Montagsdemonstration statt - und zum ersten Mal hört man die Teilnehmer skalieren: „Wir sind das Volk!“ 16. Oktober: 100.000 bis 120.000 Demonstranten sind zur Montagsdemonstration in den Leipziger Straßen unterwegs. Die SED-Führung ignoriert Honeckers Befehl, schonungslos gegen die Demonstranten vorzugehen. Der Dirigent Kurt Masur und andere Prominente rufen zu friedlicher Mäßigung auf und die UdSSR verweigert abermals eine militärische Unterstützung gegen die Demonstranten. Schlussendlich bleibt es aber eine friedliche Veranstaltung. 18. Oktober: Erich Honecker erklärt den Rücktritt von allen Ämtern. Egon Krenz wird neuer Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und prägt in seiner Antrittsrede den Begriff „Wende“. Am 24. Oktober wird er zudem zum Vorsitzenden des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates gewählt. 23. Oktober: Bei der Leipziger Montagsdemonstration finden sich etwa 300.000 Menschen zusammen. 3. November: Die neue DDR-Führung erlaubt erstmals die Ausreise von DDR-Bürgern aus der CSSR in die Bundesrepublik. 4. November: Die größte Demonstration der deutschen Nachkriegsgeschichte findet mit knapp 1 Million Teilnehmern auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz statt. Sie ist von Künstlern legal angemeldet und die Redner - unter ihnen Christa Wolf, Ulrich Mühe, Marianne Birthler, Jens Reich und auch SED-Vertreter wie Günter Schabowski und Markus Wolf, die aber vom Publikum ausgebuht werden und die Bühne verlassen - fordern Meinungsfreiheit, eine Demokratisierung der DDR sowie ein Ende des Führungsanspruches der SED. 7. und 8. November: Willi Stoph, der Vorsitzende des Ministerrates, und das gesamte SED-Politbüro treten zurück. 9. November: Günter Schabowski verliest vor laufenden Kameras, dass sofort und unverzüglich Privatreisen ins Ausland ohne das Vorliegen von bisher notwendigen „Voraussetzungen“, wie Reiseanlässe oder Verwandtschaftsverhältnisse, beantragt werden können. Die Genehmigungen würden kurzfristig erteilt und die Reise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur Bundesrepublik erfolgen. Tausende DDR-Bürger eilen daraufhin an die Grenzen und ohne Befehl öffnen die Grenzsoldaten die Übergänge der Berliner Mauer und der Grenze zur Bundesrepublik. Und um 22.42 Uhr zeigt Hanns Joachim Friederichs in den Tagesthemen hochemotionale Bilder von Menschen, die über die Berliner Mauer klettern, die sich in den Armen liegen und die neue Freiheit feiern.
Unerzählte Geschichten?
Und wie haben Sie den Herbst 1989 erlebt, liebe Leserinnen und Leser? Haben Sie auch mit Tränen in den Augen den Worten Außenminister Hans-Dietrich Genschers gelauscht, als er auf dem Balkon der Prager Botschaft stand? Haben Sie sich auf der Heimreise aus ihrem Sommerurlaub auch über die ungewöhnlichen vielen und bis aufs Dach bepackten Trabbis auf unseren Autobahnen gewundert? Sind Sie vielleicht sogar um den 9. November nach Berlin gereist, um bei diesem historischen Ereignis selber dabei sein zu können? Oder sind Sie sogar selber „rüber“? Haben Sie eine waghalsige Flucht hinter sich gebracht oder gehören Sie zu den ersten „legalen“ DDR-Ausreisenden? Und existieren vielleicht noch Fotos aus dieser Zeit? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte! Wir freuen uns darauf! Schreiben Sie einfach an: blick-aktuell@kruppverlag.de und teilen Sie uns auch kurz mit, ob wir Ihre Post veröffentlichen dürfen. -emb-
