Tag des Geotops in Wachtberg
Wo der Rhein vor 800.000 Jahren floss, finden Geologen heute ein kleines Paradies
Die Kiesgrube nahe dem Wittfelder Hof östlich von Villip zählt zu den herausragenden geologischen Aufschlüssen des Drachenfelser Ländchens
Villip. Wie fühlt es sich an, auf dem Grund des Rheinstroms zu stehen, der vor rund 800.000 Jahren zwischen dem Siebengebirge und dem heutigen Rheinbacher Stadtgebiet floss? Diese nicht alltägliche Gelegenheit bot sich den Besuchern beim Ausflug im Rahmen des „Tages des Geotops“ in die Kiesgrube nahe dem Wittfelder Hof östlich von Villip. Sie zählt ebenso wie auch der Rodderberg, der Dächselberg oder die Adendorfer Tongrube zu den herausragenden „geologischen Aufschlüssen“ des Drachenfelser Ländchens. Diplom-Geologe Dr. Stefan Thomas, der auch Vorsitzender des Wachtberger Streuobstwiesenvereins ist, gab es zunächst vom Rand der Anlage aus eine Einführung in die weit ausgebreitete Welt der Kiesel und Sände, die unter wesentlichen Teilen der Wachtberger Flur lagern, mittlerweile aber von einer dünnen Schicht fruchtbaren Humus und vor Zeiten herbei gewehten Lössablagerungen bedeckt ist.
Kieselsteine standen im Mittelpunkt des Interesses
Danach stiegen die etwa 30 Teilnehmer über eine lange Rampe, die wochentags den Lastwagen vorbehaltene ist, hinunter auf die Sohle des Abbaugeländes. Dort hat sich an einem Tümpel bereits Schilf mit seinen markanten Kolben angesiedelt. Die Warnung des Geologen im Ohr, die Nähe zu den zwar standfesten, „aber man weiß ja nie“ potenziell gefährlichen Grubenwänden zu meiden, durften sie sich dann in Theorie und Praxis damit beschäftigen, was ein Kiesel ist, welche Arten, Farben und Formen es gibt, und woher sie möglicherweise auf ihrer Wasserwanderschaft aus dem Süden und den östlichen wie westlichen Zuflüssen des uralten Rheins gekommen sind. So lernten die Geologie-Interessierten, dass Geologen an den Kanten abgerundete Steine mit einer Korngröße zwischen 2 und 63 Millimeter als Kiesel ansehen, die zu den siliciumdioxidhaltigen Mineralen gehören. In der Villiper Grube liege der Anteil dieser Quarzsteine bei 80 Prozent. Was sich in den Jahrhunderttausenden seit der weitesten Ausdehnung des Rheins an dessen Flusslauf getan hat, verdeutlichte Thomas anhand von anschaulichen Zeichnungen. So finden sich heute viele Siedlungen auf der tiefer in die Landschaft eingegrabenen Mittelterrasse, darunter auch eine Reihe von Burgen. Eine Ausnahme bildet dabei die Godesburg, die wie die große, Wachtberg überragende Antennenkugel des Radoms bei Berkum, auf Millionen Jahre älteren vulkanischen Basaltkuppen stehen. Diese stellen die nördlichsten Ausläufer des Eifelvulkanismus dar und verbinden Wachtberg mit dem Siebengebirge. Die heutige Flusssohle liegt noch einmal deutlich niedriger und wird bei Niedrigwasser zum Ziel für Ausflügler.
Für Bauwirtschaft und Gartenbau
Sortiert wird das Material, was in der Grube abgebaut wird, von einer zwar urtümlich aussehenden, aber mit einem High-Tech-Hirn versehenen Maschine, die das Gut je nach Korngröße auf unterschiedliche Haufen „spuckt“, die dann gezielt von der Bauwirtschaft und dem Gartenbau abgerufen werden können. Und alles, was deutlich größer aus dem Treibgut der Jahrhunderttausende gewonnen wird, findet sich beispielsweise rund um städtische Straßenbäume als Schutz gegen einparkende Autos wieder. Wie Geologen ganz praktisch Erkenntnisse über die vor ihnen liegenden Steine erzielen, zeigte Thomas während der Führung mehrfach. Sein Mittel: ein speziell für seine Zunft entwickelter Hammer, mit dem er immer wieder Steine zerschlug, um ihre Substanz, Festigkeit und anderen Eigenschaften zu erklären. Zum Ende der faszinierenden, von einem spektakulären Wolkenhimmel überspannten Führung gab es ein großes Dankeschön seitens der Teilnehmer an Thomas und an Geologieoberrat a.D. Klaus-Frank Simon, der die fachlichen Erläuterungen im Dialog begleitete und zuvor die Führung über den im Rahmen des Tages des Geotops übernommen hatte.
Auch Archäologen wurden schon fündig
Dicke Steine haben übrigens in den 1970er Jahren Wissenschaftler einer ganz anderen Richtung in eine heute geschlossene, ortsnähere Kiesgrube geführt. Archäologen waren es nämlich, die 1973 zur Kiesgrube des Werner Wiesel gerufen wurden. Dort war dem damaligen Villiper Müller Werner Bedorf eine eher unnatürlich anmutende Steinformation in der Steilwand der Grube aufgefallen. Es handelte sich dabei um eine römische Brunnenanlage aus dem vierten nachchristlichen Jahrhundert sowie um eine Reihe von Knochen und Scherben, die heute teilweise im Villiper Heimatmuseum zu sehen sind. JOST
Beim „Tag des Geotops“ informierten sich zahlreiche interessierte über die erdgeschichtliche Historie der Kiesgrube nahe dem Wittfelder Hof bei Villip.
