Allgemeine Berichte | 12.07.2016

Vermehrte Auflösung von Chorgemeinschaften kann verhindert werden

Zeichen der Zeit früh genug erkennen und Neues wagen

Dietmar Weidenfeller, Vorsitzender des Kreis-Chorverbands Koblenz, ist selbst aktiv. BSB

Koblenz. In Zeiten großer Beliebtheit von Mitsingaktionen, Projektchören und Singwettbewerben wird gleichzeitig vermehrt die Auflösung von etablierten (Männer-)Chorgemeinschaften gemeldet, die bis dato eine feste Kulturgröße in ihrer Stadt waren, Konzerte anboten und viele Veranstaltungen musikalisch begleiteten. Gerade im Mai dieses Jahres gab es nach über 120-jährigem Bestehen das Aus für die Sängervereinigung 1892 Koblenz-Metternich. Als Hauptgründe wurden hier Überalterung der Sänger und Fehlen von Nachwuchs angeführt.

Ein Phänomen, das sich bei vielen, vor allem Männerchören, breitzumachen scheint. Manche Gesangvereine entgehen ihrer Auflösung durch Fusion mit anderen Chören oder durch komplette Neuausrichtung von Verein und Liedgut, damit der Chor für neue Sänger wieder an Attraktivität gewinnt. Allerdings scheint es auch ein Zeitproblem zu sein, das heute gerade junge Menschen daran hindert, sich für eine Mitgliedschaft im Chor zu entscheiden. Neben den wöchentlichen Probenstunden fallen nämlich auch viele der für die Freizeit anderweitig verplanten Wochenenden Konzertauftritten oder Wettbewerben zum Opfer. Projektchöre auf Zeit scheinen da oftmals die beliebtere Alternative zu sein.

Gerade die Männerchöre mit hohem Altersdurchschnitt tun sich oftmals schwer, sich zu öffnen, sich zu erneuern oder sich einen „frischen Anstrich“ zu gönnen. Vor allem dann, wenn sie zu lange festgehalten haben an den lieb gewonnenen Ritualen beim gemeinsamen Singen und beim geselligen Miteinander danach. Insbesondere gegen die Modernisierung des Liedguts durch Aufnahme internationaler Lieder laufen gerade die Älteren oft Sturm, weil es an Fremdsprachenkenntnissen mangelt und Änderungen zugunsten des musikalischen Erfolgs nicht als Notwendigkeit erkannt werden. Zudem sind die Honorare für gute Chorleiter, die den Chören zu einem wettbewerbsfähigen Niveau verhelfen können, aus nicht gut gefüllten Chorkassen in vielen Fällen nicht leicht zu bezahlen. Statt bei den althergebrachten Männerchören finden sich die viel gerühmten blühenden Chorlandschaften zurzeit scheinbar häufiger bei (männlichen) A-cappella-Ensembles, Shanty- oder Gospelchören.

Der Deutsche Chorverband ist mit seinen knapp 30 Mitgliedsverbänden nur eine von verschiedenen Chorvereinigungen Deutschlands. Ein Absinken in der Anzahl der ihm angehörigen Chöre und Ensembles kann er nur unwesentlich feststellen. Von 22.900 in den Jahren 2013/14 meldet er für 2015/16 immer noch rund 22.700, wie Nicole Eisinger, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes, angibt. Rückblickend auf die letzten zehn Jahre bleibt die Anzahl relativ konstant zwischen 21.000 und 22.000 Chören. Insgesamt kann für die Anzahl der Laien-Chöre Deutschlands inklusive der Vielzahl der Kirchenchöre aber wohl von einer dreifach höheren Zahl und von mehr als zwei Millionen Chor-Sänger/innen ausgegangen werden.

„Chor in motion“ spricht das Publikum stärker an

Auch Dietmar Weidenfeller, Vorsitzender des Kreis-Chorverbands Koblenz und Vorsitzender und Sänger im MGV Frohsinn Pfaffendorf, will nicht von einer zunehmenden Häufigkeit von Vereinsauflösungen sprechen, wie er in einem Interview mit „Blick Aktuell“ kundtat. Dass das nicht zutrifft, würden die Zahlen der letzten Jahre deutlich belegen. Doch natürlich weiß er um das Problem vieler Chöre, Nachwuchs zu generieren. Davon betroffen seien nicht nur die Männerchöre. Die Chöre, die die Zeichen der Zeit erkennen und früh genug gegensteuern, haben gute Chancen, dauerhaft zu bestehen, ist er überzeugt.

Ein wichtiges Werkzeug dafür kann die Teilnahme an Stimmbildungsseminaren sein, wie sie zum Beispiel von Kreis- und Landeschorverband angeboten werden. Sie zielen darauf ab, die Lust am Singen zu erhalten und zu steigern. Vor allem gelte es aber, für eine gute Mischung im Liedgut Sorge zu tragen, sich öfter etwas zu trauen, alte Zöpfe abzuschneiden – warum nicht mal beispielsweise einen Rap vielstimmig im Chor singen? Um einen Chor für junge Sänger attraktiv zu machen, sei es wichtig, das Liedgut auf einem guten Niveau, stimmlich-harmonisch und möglichst leistungsstark vierstimmig zu interpretieren. Dann müsse es nicht unbedingt und immer nur Rock und Pop sein, sondern dann würde durchaus selbst Silchers „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ ambitioniert angegangen. Zudem gelte es, auf die Außenwirkung des Chores zu achten. Obwohl sich Weidenfeller selbst „zugegebenermaßen mehr als Bewegungslegastheniker“ empfindet, wirbt er für den „Chor in motion“, der seine Lieder mit entsprechender Körpersprache begleitet und damit sein Publikum viel stärker anspreche.

Dem stimmt sicherlich jeder zu, der ein Chorkonzert besucht hat und vor Sängern saß, die in starrer Haltung ihren Blick auf die in der Hand gehaltenen Notenblätter richten. Mit pädagogisch wertvollen Chorleitern, die es verstehen, die Sänger zu motivieren, könne vieles - auch das geschafft werden. Als vorbildliches Beispiel nennt er die Chorleiter Wolfgang Fink und Waltraud Schmitt, die die mit jeweils rund 35 Sängern und einer guten Altersmischung versorgten MGV Frohsinn Pfaffendorf und Eintracht Arzheim auf einem zukunftsträchtigen Weg begleiten, indem sie stets offen für Neues bleiben und ihre Chöre mit frischen Ideen fit halten.

Singen wirkt sich positiv aus

Ob im Chor, in der Familie oder alleine unter der Dusche – Weidenfeller legt jedem Menschen das Singen ans Herz, denn Singen sei Balsam für die Seele, baue Stress ab, schütte positive Hormone aus und stärke die Abwehrkräfte. Das sei aus vielen medizinischen Untersuchungen hervorgegangen. Auch wenn er gerade nicht seine Kristallkugel zur Hand hat, um in die Zukunft zu blicken, hofft er doch, auch weiterhin eine Vielfalt und breite Palette in der Chorszene zu erleben. Seine Hoffnung werde gestützt durch die beeindruckende Zahl von 1.500 Singenden in den Chören, die dem Kreis-Chorverband Koblenz angeschlossen sind. Davon gehörten über die Hälfte den Kinder- und Jugendchören an. Nur für die sehr großen Chöre sieht er wenig Potential in der Zukunft. Dafür, so vermutet er, werden sich mehr Genre- und Projektchöre etablieren.

BSB

Dietmar Weidenfeller, Vorsitzender des Kreis-Chorverbands Koblenz, ist selbst aktiv. Foto: BSB

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