Qualifizierungsmaßnahme „Fit für die Pflege“ der Caritas
Zeitzeugen vermittelten Schülern ungefilterte Geschichte
Friedel Besser und Edeltraud Wieneritsch sprachen vom Krieg aus Kindersicht
Andernach. Sie möchten Altenpflegerin oder Altenpfleger werden: 21 Frauen und Männer aus Deutschland, Polen, Syrien und Afrika, die zurzeit bei der Caritas in Andernach an einem berufsintegrativen Projekt in Kooperation mit den Jobcentern Koblenz, Mayen-Koblenz und Ahrweiler teilnehmen. Um im Beruf der Altenpflege älteren Menschen helfen zu können, ist es hilfreich deren Biografien und Traumata zu kennen. Friedel Besser und Edeltraud Wieneritsch vom „Zeitzeugenprojekt“ der Caritas Ahrweiler berichteten dem Kurs von ihren frühen Kriegserlebnissen. „Wir wollen die Perspektive der Kinder annehmen. In der Biografie jedes Einzelnen wird die Brutalität des Krieges und der Nazizeit spürbar“, so Mechthild Haase von der Beratungs- und Koordinierungsstelle Ehrenamt in Ahrweiler, die Biografieprojekte schon seit vielen Jahren begleitet. Die Zeitzeugen berichteten von Bomben über Düsseldorf, von der Kinderlandverschickung, Verschleppung und dem Konzentrationslager Auschwitz. Die junge Edeltraud Wieneritsch wurde mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert, wo sie sah, was die Deutschen den Juden angetan hatten: „Wo vorher die Juden waren, haben sie jetzt uns Deutsche eingesperrt. Die Felder waren voll schwarzer Asche, alles noch von den Verbrennungen der vielen Menschen.“ Die Gefangenen mussten die Kleider der von den Nazis getöteten Juden sortieren und unter anderem mithelfen, ein Chemiewerk abzubauen. Viele dieser erzählten Dinge hatten die Referentinnen über Jahrzehnte verdrängt und erst das „Zeitzeugenprojekt“ brachte es wieder ins Bewusstsein. Doch schlimme Ereignisse leben wieder auf, wenn etwa Kriegsbilder aus Syrien im Fernsehen zu sehen sind. Dazu Friedel Besser: „Je früher ein Kind das erlebt, desto größer ist der psychische Schaden. Über die Hälfte der Deutschen hätte therapiert werden müssen. Wir aber haben nicht darüber gesprochen. Mit sechs Jahren hat meine unbefangene Kindheit aufgehört und ich habe an den Tod gedacht.“ Die Chemikalien, die Edeltraud Wieneritsch bei den Abbrucharbeiten des Chemiewerks eingeatmet hatte, führten mit dem 15. Lebensjahr zur Erblindung, die jedoch durch Medikamente geheilt werden konnte. Viele Mädchen wurden vergewaltigt, ein Schicksal, das den beiden Frauen erspart blieb, so Edeltraud Wieneritsch: „Es wird immer gesagt, wir seien die prüde Generation. Was für ein Quatsch! Wir haben die Schattenseite der Sexualität erfahren. Ich habe so viele Frauen kennengelernt, die vergewaltigt worden sind. Wo sollte da ein positives Verhältnis zur Sexualität herkommen?“ In diesem Sinne schärften die beiden Damen den Schülern ein, in der Altenpflege Rücksicht zu nehmen, wenn eine Frau nicht von einem Mann gepflegt werden will. Im Anschluss an den Vortrag kamen Schüler und Referenten miteinander ins Gespräch. Schließlich kommen einige der Teilnehmer auch aus Kriegs- oder Krisengebieten. In Andernach konnten sie ihre Erfahrungen austauschen.
