Kurfürst-Salentin-Gymnasium
Zeitzeugengespräch
Andernach. "Was würdet ihr in euren Koffer packen, wenn ihr eure Heimat für immer verlassen müsstet?" Diese Frage stellte Judith Rhodes, die Tochter einer Überlebenden des Holocausts, den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe beim Zeitzeugengespräch am Kurfürst-Salentin-Gymnasium. Judith Rhodes erzählte den Oberstufenschülerinnen und -schülern des Kurfürst-Salentin-Gymnasiums die Geschichte ihrer Mutter, Ursula Michel. Als Tochter eines jüdisches Mannes wurde sie, auch wenn sie selbst Christin war, von den Nationalsozialisten verfolgt. Ihre letzte Rettung ist ein Kindertransport nach England. In London angekommen, ist sie jedoch auf sich allein gestellt: Außer einem winzigen Koffer, den Judith Rhodes den sichtlich beeindruckten Schülerinnen und Schülern zeigte, hatte sie nichts bei sich. Ihre Familie kann Ursula Michel nun nicht mehr beistehen, denn bei diesen Transporten darf stets nur das älteste Kind mitfahren. Ihre jüngere Schwester Lillie und ihre Eltern bleiben zurück und werden schließlich in den Lagern der Nationalsozialisten ermordet. Judith Rhodes erzählte nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, sie gewährte auch Einblicke in das Seelenleben ihrer Mutter und die Auswirkungen ihrer Geschichte auf sie selbst. Besonders schockiert zeigten sich die Schülerinnen und Schüler darüber, dass Ursula Michel, später Rhodes, sich zeitlebens schuldig fühlte, weil sie überlebte, während ihre Familie getötet wurde. „Von den Folgen der Verfolgungen zu hören, hat mich wirklich berührt. Es war für mich zuvor unvorstellbar, dass die Opfer Schuld empfinden, weil sie gerettet wurden“, so eine der Schülerinnen nach dem Gespräch. Ebenfalls nachdenklich stimmte die Jugendlichen, dass viele der geflohenen jüdischen Kinder in England angekommen in den Verdacht gerieten, für den Feind zu spionieren. Die Geschichte von Ursula Michel machte somit auch deutlich, dass sich die Geschichte nicht wiederholen sollte und Flüchtlinge, die vor Krieg und Gewalt fliehen, nicht unter Generalverdacht gestellt werden sollten. Am Kurfürst-Salentin-Gymnasium, das auch Mitglied des Netzwerks der „Schulen ohne Rassismus, Schulen mit Courage“ ist, finden regelmäßig Zeitzeugengespräche statt. Gespräche wie mit Frau Rhodes eröffnen Schülerinnen und Schülern eine ganz andere Perspektive auf Geschichte. „Sie bieten einen emotionalen Zugang zu den Ereignissen, der sie auch an ihre eigene Verantwortung bei der Gestaltung der eigenen Zukunft erinnert“, betont die Geschichtslehrerin Nadine Heidelbach.
