Die Beweislage im Fall Niklas wird immer verworrener
Zeugin entlastet Walid S. und bringt einen 22-jährigen Tunesier als Täter ins Spiel
Bonn. Eine klare Antwort auf die Frage, wer für den Tod von Niklas P. in der Nacht zum 7. Mai verantwortlich ist, wird immer schwieriger. Da ist zunächst die mutmaßliche „Tatjacke“, die bei Walid S. sichergestellt worden war. Auf einem ihrer Ärmel waren zwar Blutspuren des 17-Jährigen festgestellt worden, bestätigt, dass der Angeklagte die Jacke schon getragen hatte, als er vom Ententeich im Kurpark zum Getränkekauf aufgebrochen sei, hatte die ehemalige Freundin von Walid S. nicht. Vielmehr hatte sie angegeben, dass ein Kumpel ihres Freundes an dem Abend die Jacke in den Kurpark gebracht und sie dort liegengelassen habe. Walid habe sie erst nach seiner Rückkehr von der „Einkaufstour“ angezogen.
Acht der insgesamt 30 Zeugen standen dann am nächsten Gerichtstag Anfang März vor dem Kammervorsitzenden Volker Kunkel ohne den inzwischen 21-Jährigen zu be- oder entlasten. Einige waren zu betrunken gewesen, um sich noch erinnern zu können, wie eine 17-Jährige, die sogar nach Hause getragen werden musste, einer erschien mit seinem Anwalt vor dem Jugendgericht und verweigerte die Aussage, um nicht erneut in den Verdacht zu kommen, er sei der dritte noch nicht gefasste Mittäter. Zwar musste ein Freund von Walid S. wegen der Uhrzeit auf der Tankstellenrechnung von 1.21 Uhr sein Alibi zurücknehmen, war Niklas am sogenannten Rondell Ecke Rüngsdorfer Straße doch schon gegen 0:20 Uhr zusammengeschlagen und getreten worden.
Zutrauen würde er dem in Piacenza geborenen Jugendlichen mit marokkanischen Wurzeln die Tat aber nicht. Das erklärte auch ein weiterer Zeuge, obwohl er noch bei der Polizei angegeben hatte, Walid S. sei brutal und schlage in betrunkenem Zustand schnell zu. Das aber würden doch wohl alle tun, wiegelte er nun ab.
Am zehnten Prozesstag kam es dann zu einem völligen Verwirrspiel um die schwarze „Tatjacke“, nicht nur weil sie Spuren weiterer Verdächtiger, eines 21- und eines 22-Jährigen aufweist. Zunächst betonte ein Gutachter, dass Spuren kein eindeutiger Beweis dafür seien, dass die betreffende Person das Kleidungsstück auch getragen habe. Andererseits gelte entsprechend auch der Umkehrschluss, dass fehlenden Spuren kein Beweis dafür seien, dass die Jacke nicht von einem möglichen Verdächtigen getragen worden sei. Außerdem könne das Blut von Niklas ja auch an den Ärmel gekommen sein, ohne dass der Träger für die Tat verantwortlich gewesen sei. Schließlich sagte der 21-Jährige aus, mit Walid S. im Kurpark gewesen zu sein. Dort habe er diesem seine dunkelgrüne Jacke geliehen. Später habe er von einem 22-Jährigen auf der Rigalschen Wiese dessen schwarze Jacke bekommen, die er dann auf der Heimfahrt im Bus mit Walid S. gegen seine dunkelgrüne Jacke getauscht habe. Auch die vorerst letzten sieben geladenen „Alibi-Zeugen“ halfen dem Gericht am elften Verhandlungstag wenig, zumal zwei es vorgezogen hatten, erst gar nicht zu erscheinen. Die Erinnerung der anderen schwächelte extrem. Sie machten einen verunsicherten Eindruck oder versuchten Walid S. zu verteidigen. Einer verstieg sich sogar zu der Behauptung, der aktenkundige Schläger würde nie schlagen und käme alleine schon deshalb als Täter nicht in Frage. Abgesehen von dieser Unwahrheit, ein Alibi für die Nacht zum 7. Mai, konnten auch sie ihrem Freund oder Bekannten nicht geben. Eine Sisyphus-Arbeit für die Kammer, die trotz vager Erinnerungen und Verwechslungen, Falschaussagen und Verschweigen versuchen muss, sich ein klares Bild zu machen. Das erhielten der Vorsitzende Volker Kunkel mit seinen beiden Besitzerinnen, den Richterinnen Saskia Wielpütz und Verena Grimm, auch am zwölften Verhandlungstag nicht, an dem der Polizeibeamte gehört wurde, der Walid S. nach dessen Festnahme verhört hatte. Mit sich überschlagender Stimme habe dieser bei seiner ersten Vernehmung versichert, am fraglichen Abend mit seiner Freundin am Ententeich gewesen zu sein, den er nur einmal verlassen habe, um Energydrinks und Zigaretten an einer Tankstelle zu kaufen. Er habe das mit so einem Nachdruck behauptet, dass er ihm geglaubt habe, so der 41-jährige Beamte. Weitere Ermittlungen und Zeugenaussagen hätten dann aber ergeben, das Walid S. gelogen habe. „Nicht ein einziger Zeuge konnte seine Angaben bestätigen“, erklärte der Polizist. Entsprechend habe der jetzt 21-Jährige seine Aussagen immer wieder angepasst. Auch hinsichtlich der Jacke, an der das Blut von Niklas festgestellt worden sei, habe er eine äußerst verwickelte Geschichte erzählt und immer wieder erklärt, dass er erst nach der Tatzeit in ihren Besitz gekommen sei. Den 22-jährigen Besitzer, der nach der Tat in er Nähe des Rondells gesehen worden sei und der wegen einer anderen Straftat im Gefängnis sitze, habe er auch vernommen. Dieser habe ihm aber nur grinsend zugehört und dann einfach gesagt, dass die Sache für ihn beendet sei. Walid S. habe dagegen während der Vernehmungen immerhin zugegeben, dass er schon öfter mal zuschlage und auch schon einmal getreten habe. Deshalb hätten ihn Freunde auch gewarnt, als Täterbeschreibungen in Godesberg die Runde gemacht hätten. „Die kennen meine Faust. Schließlich habe ich ja auch Kickboxen gemacht“, zitierte der Beamte den Jugendlichen, der aber vehement bestritten habe, etwas mit der Tat zu tun zu haben. Es gebe auch keine Verbindung oder Ortung seines Handys, die diese Behauptung widerlegen könnte. Walids Tipp, wer der Täter hätte sein können, habe sich aber als nicht relevant erwiesen, da der von ihm Genannte ein Alibi habe. Am Freitag, 24. März, berichtete Walids Verteidiger, Martin Kretschmer dann, eine 19-Jährige habe ihm erklärt, von einem Zeugen gehört zu haben, wer in der Nacht vom 7. Mai an der Tat wirklich beteiligt gewesen sei. Walid S. habe nicht zu den drei Akteuren gehört, wohl aber der 22-jährige Tunesier Abdelhakim D., der Niklas auch geschlagen habe. Er habe die junge Frau immer wieder ermahnt, so der Jurist, ihm keine Lügen oder Gerüchte aufzutischen. Diese habe aber stets betont, dass sie nur wiedergebe, was sie zunächst von einem Freund ihrer Freundin erfahren habe, dem sich der 26-jährige Augenzeuge anvertraut habe. Diesen hätte sie dann vorige Woche dazu gebracht, sich mit ihr zu treffen und auch ihr zu erzählen, was wirklich am Rondell geschehen sei. „Ich habe ihr gesagt, wie wichtig eine wahrheitsgemäße Aussage vor Gericht ist“, so Martin Kretschmer, bevor die 19-Jährige im Gerichtssaal gehört wurde. Dort erklärt sie, weder Walid S. noch Abdelhakim D. zu kennen, der zur Zeit wegen anderer Straftaten ebenfalls im Gefängnis sitzt . „Es darf doch nicht sein, dass ein Unschuldiger verurteilt wird, weil alle aus Angst die Unwahrheit sagen“, begründete sie ihre Bereitschaft auszusagen. Vor Gericht aus Angst gelogen habe auf jeden Fall nach eigenem Bekunden ihr 26-jähriger Bekannter, der angegeben hatte, nichts von der Tat gesehen zu haben. Der Grund: Der Tunesier habe ihm gedroht, er bekomme eine Kugel zwischen die Augen, wenn er vor Gericht aussage, dass er gesehen habe, wie der 22-Jährige Niklas geschlagen und getreten habe. Auch ihre Freundin und deren Freund hätten solche Angst, dass sie jetzt behaupten würden, sie seien von ihr falsch verstanden worden. Dabei habe der 26-Jährige neben einem dritten Tatbeteiligten sogar Roman W. als Mittäter benannt. Er habe ihr zudem erklärt, dass für Walid S. keiner lügen würde, wohl aber für den Tunesier. Der hätte eigentlich bereits in seine Heimat ausgewiesen sein sollen, da gegen ihn jedoch im Fall Niklas ermittelt worden war, hatte die Staatsanwaltschaft das untersagt. „Viele in Godesberg wissen, was wirklich in der Tatnacht passiert ist, alle gehen davon aus, dass die Wahrheit ans Licht kommt“, ohne dass einer „den Zinker“ machen müsse, so die 19-Jährige. Er glaube der Zeugin, die nicht unbescholten sei, kein Wort, erklärte Florian Geßler zu Beginn des 15. Verhandlungstages. Da sie bei ihren nochmaligen Vernehmungen bei ihrer Aussage geblieben sei, habe er gegen die 19-Jährige ein Verfahren eingeleitet. Er habe am Montag den 26-Jährigen, der am Freitag von der Polizei nicht gefunden worden war, um vor Gericht auszusagen, ebenso vernommen wie die drei von der jungen Frau genannten Freunde. „Ich habe ihnen goldene Brücken gebaut und ihnen versichert, dass sie kein Verfahren wegen Falschaussage befürchten müssten, wenn sie jetzt die Wahrheit sagen würden“, so der Staatsanwalt. Alle vier seien aber bei ihrer Aussage geblieben, nichts von der Tat gesehen zu haben, sondern nur Roman W. und Abdelhakim D., die ihnen auf der Rheinallee entgegengekommen seien und sie gewarnt hätten, nicht zum Rondell zu gehen. Auch am Freitag vor Gericht änderte der 26-Jährige seine Aussage nicht und bezichtigte die 19-Jährige der Lüge. Von der Tat nichts mitbekommen zu haben, behaupteten auch seine drei Freunde, die nicht einmal Polizei und Rettungswagen bemerkt haben wollen. Das konnte ihnen nicht nur der Kammervorsitzende Volker Kunkel kaum glauben aufgrund der Nähe zum Tatort. Trotz allen Zuredens von Seiten des Richters blieb der 26-Jährige dabei: „Ich weiß nicht, wer Niklas geschlagen hat. Ich wüsste es auch gerne!“ Dabei geht in Godesberg schon länger das Gerücht, Abdelhakim D., der sehr ähnlich wie Walid S. aussehen soll, sei der wahre Täter. Der Fall wird von Mal zu Mal unklarer. Vielleicht kann sich Walid S. aufgrund der neuen Lage doch noch dazu durchringen, auf den Vorschlag von Volker Kunkel einzugehen und durch eine Aussage zur Person und zu den Vorwürfen etwa mehr Licht ins Dunkle zu bringen. DL
