Allgemeine Berichte | 17.11.2015

Veranstaltungsreihe „Gegen das Vergessen“

Zum Weinen schön, zum Lachen bitter

Lieder und Texte jüdischer Dichter, Komponisten und Kabarettisten vorgeführt

Zum Weinen schön, zum Lachen bitter

Bad Ems. Schon seit fast dreißig Jahren engagiert sich das Kulturreferat der Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises mit der Veranstaltungsreihe „Gegen das Vergessen“ für das Gedenken an die Opfer der antisemitischen Ausschreitungen am 9. November 1938. Mit dem diesjährigen Gesangs- und Rezitationsabend „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ am 77. Jahrestag der Reichspogromnacht ist dem „KulturKreis Rhein-Lahn“ ein wahrlich großer Wurf gelungen. Nach einer Idee von André Heller präsentierte die Wiener Schauspielerin Andrea Eckert zusammen mit dem ebenfalls in Wien lebenden Pianisten Benjamin Schatz Lieder und Texte jüdischer Dichter, Komponisten und Kabarettisten im Kreishaus in Bad Ems.

Vor Konzertbeginn mahnte Frank Puchtler, Landrat des Rhein-Lahn-Kreises, ein Tag wie der 9. November 1938 müsse Geschichte bleiben. Die gleichen Wege wie damals noch einmal zu gehen, dieser Versuchung dürfe man nie wieder erliegen. Gerade in einer Zeit, die in Bewegung ist, in der viele Menschen Schutz und ein Stück Heimat suchen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung, forderte Puchtler, nicht zu schnell zu urteilen und ihnen die Chance auf ein kleines Stück Glück im Leben zu gewähren. Für die langjährige Betreuung dieser Gedenk-Veranstaltung dankte der Landrat den engagierten Mitarbeitern der Kreisverwaltung.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Auf einen Abend voller Humor, Witz, Aberwitz, Schmerz, Verzweiflung und Abgrund mit Liedern und Texten von jüdischen Menschen, deren „Seele begabt ist“ für ein „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, bereitet Andrea Eckert das Publikum vor. Worauf sie es nicht vorbereitet, ist die Intensität, mit der die Schauspielerin die Stücke interpretiert. Mit Stimme, Mimik und Körpersprache reißt sie das Publikum geradezu in ihren Bann. Wie hypnotisiert wurde sie angeschaut, ihr zugehört und das Publikum war derart berührt, dass Zeit und Raum vergessen wurden. Dabei ist es völlig egal, ob die Sprache Deutsch, Jiddisch, Englisch oder Französisch war.

Mit Wiener Schmäh ging zu „im Paradeisgartl ist heut Feuerwerk“ von Ralph Benatzky das Temperament mit ihr durch. Charmant-spitzbübisch sang sie: „Schau, wie schön das Gras ist“ und das Publikum stimmte ein: „vorausgesetzt, dass es nicht nass ist!“. Um ein wenig (Liebes-)Glück ging es auch im „little cafe down the street“ von Hermann Leopoldi, das Eckert in englischer Sprache begann und in deutscher im „kleine Café in Hernals“ enden ließ. Mit ihrer warmen, dunklen, manchmal rauen, manchmal verruchten Stimme verführte Eckert jeden im Raum. Wenn sie sang: „Ikh hob dich tsufil lib“ traf jeden Einzelnen im Publikum ihr zärtlicher Blick, und der abschließende Handkuss wurde als Liebesbeweis verstanden. Mit noch mehr Liebe überschüttete sie das Publikum durch den Vortrag des Chansons von Barbara, „dem jüdischen Stern am Chansonhimmel“, wie sie sagte. „Ma plus belle histoire d’amour, c’est vous“ sang sie - und das Publikum wollte sie dafür umarmen, weil es so schön klang. Viele der fast zwanzig jüdischen Künstler, die in dem Gedenkprogramm „zu Wort kommen“, die nicht in einem Konzentrationslager umgebracht wurden, waren vor dem Nazi-Regime ins Ausland geflohen, vornehmlich in die Schweiz und nach Amerika, wo es etlichen gelang, sich eine neue künstlerische Existenz aufzubauen.

Zu ihnen gehörte auch Georg Kreisler - Eckert trug gleich mehrere seiner Stücke vor - Lieder, die tief nachdenklich stimmen, poetische Kleinode. Überhaupt war der überwiegende Teil der Vorträge - mit Bedacht gewählt für diesen Anlass - gefärbt von dunkler Stimmung. Texte, die unter die Haut gingen, noch lange nachklingen und oftmals eine seltsame Aktualität in diesen Tagen zu haben schienen. Wie bei Berthold Viertels „Gekritzel auf der Rückseite eines Reisepasses“. „Was Heimat heißt, nun heißt es Hölle, der man zur rechten Zeit entkam“ - wer sah bei diesen Worten nicht die Menschen vor sich, die auch heute wieder auf der Flucht sind? Genauso bei Bertold Brechts Gedicht „Über die Bezeichnung Emigranten“, wo er schreibt: „Vertriebene sind wir, Verbannte.“ Eckert kommentierte die Vorträge, sie erinnerte und erklärte. Damit ließen sich die Texte besser verstehen, die vielfach die Lebenssituation der Autoren widerspiegelten. Als Chanson-Sängerin berührte sie, brachte Gefühle und Gedanken in Aufruhr, denn in jeder Lied-Rolle ging sie auf, als sei es ihre eigene Geschichte. Bei Randy Newmans „In Germany before the war“ ließ sich die charismatische Schauspielerin vom „kleinen goldenen Mädchen, das ganz still da liegt“ singend so sehr in die Traurigkeit fallen, dass ihr Tränen über die Wangen liefen.

Benjamin Schatz am Klavier

Mit Benjamin Schatz hatte sie einen einfühlsamen Tastenzauberer an ihrer Seite, der betonte und der begleitete. Sie weiß es, und sie nennt es selbst „ein großes Glück“. Die beiden Künstler verschmolzen zu einem musikalischen Kosmos. „Wechseln wir ein bisschen die Stimmung“, sagte Eckert. Hatte sie das Publikum gerade noch bei einer Ballade von Schwermut getragen erlebt, schwenkte das Duo beim nächsten Stück um 180 Grad. Vor Temperament und Fröhlichkeit wirbelnd, sang Eckert „Mein Mann will mich verlassen“ in leichter Abwandlung des Georg Kreisler-Liedes. Der Schalk sprang dabei geradezu aus ihren dunkel funkelnden Augen. Und das Publikum war froh über Stücke wie dieses, bei denen es sich wenige Momente lang einer unbeschwerten Heiterkeit hingeben konnte.

Eckert erklärte die zwei Gesichter der Bühnenschau. Es solle heute nicht nur dieses schwarzen Tages der Geschichte, sondern auch des unschlagbaren jüdischen Humors gedacht werden. Glänzende Beispiele dafür waren „Benjamin, ich hab nichts anzuziehn“ von Fritz Löhner-Beda, der 1942 in Auschwitz ermordet wurde oder Friedrich Hollaenders „Die Kleptomanin“. Dazwischen verdüsterte sich die Konzert-Stimmung aber immer wieder. „Richtig groß ist nur die Trauer“ heißt es in „Leon Wolke“, einem zu Herzen gehenden Lied von André Heller. Eckert sang von dem alten Wiener Juden, der Treblinka überlebt hatte, dessen geliebte Frau aber „ins Gas ging“. „Man kann nur Lehren ziehen aus dem, was man nicht vergisst“ hieß es am Schluss, und es war sekundenlang ganz still im Raum, bevor den Künstlern mit stehendem Applaus für dieses nachklingende Vortragsgeschenk gedankt wurde. Wie Perlen auf der Kette des Programms hatten sich an diesem Abend Autoren wie Ernst Lothar, Thomas Brasch, Stefan Zweig oder Mark Warschawski gereiht. Was ihre von Sehnsucht und Zerrissenheit geprägten Lieder und Gedichte sagten, war wahrlich „zum Weinen schön, zum Lachen bitter“.

Die Zugabe lang verfolgte Landrat Puchtler mit sichtlichem Genuss die Darbietungen der Künstler auf der Bühne.

Die charismatische Schauspielerin ging in jeder Liedrolle auf, als sei es ihre eigene Geschichte.

Auch die Zugaben „Bei mir bistu shejn“ und „Tumbalalaika“ wurden mit begeistertem Applaus bedacht.

Zum Weinen schön, zum Lachen bitter
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