Ehemalige Synagoge in Bruttig-Fankel vor dem Verfall gerettet
Das historische Gebäude wird zum „Haus der Kultur“
Bruttig-Fankel. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort mit großer Vergangenheit und neuer Zukunft. Nach fast zehnjähriger Bau- und Renovierungszeit wurde die ehemalige Synagoge aus dem Jahr 1835 zum „Haus der Kultur“. Viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unterstützten den Wiederaufbau. Jetzt konnte Ortsbürgermeister Manfred Ostermann zur Einweihung in das historische Gebäude einladen. Ursprünglich war es der Weinkeller und das Kelterhaus des darüber liegenden Pfarrhauses, erbaut in den Jahren 1490 bis 1500. 1824 wurde ein neues, das jetzige Pfarrhaus erbaut und 1830 Grundstück und Gebäude der alten Anlage an einen Privatmann verkauft. Dieser verkaufte Keller und Kelterhaus an die jüdische Gemeinde, deren erste urkundliche Erwähnung auf das Jahr 1682 datiert ist. Da sie zum Zeitpunkt des Erwerbes immer mehr Mitglieder bekam, ließ die Gemeinde im Jahr 1835 auf dem vorhandenen Keller eine Synagoge errichten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass ganzjährig Grundwasser durch den Keller floss, das dazu genutzt wurde, ein rituelles Bad - die Mikwe- einzubauen. Da es im dritten Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht genügend männliche Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft gab, musste der Gottesdienst eingestellt werden. Denn die Regeln besagen, zehn Männer müssen dauerhaft beim Gebet anwesend sein. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verließen jüdische Familien, die es sich finanziell leisten konnten, das Deutsche Reich. In der Hoffnung, auch ihre Auswanderung finanzieren zu können, verkauften die zurück gebliebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Synagoge an einen Privatmann. Das rettete zwar die Synagoge, denn sie blieb in der Pogromnacht am 9. November 1938 von Schändung verschont, aber die Hoffnung Deutschland verlassen zu können erfüllte sich nicht. Der Eigentümer nutzte das Gebäude als Lagerschuppen und Weinkeller, ließ die Mikwe zuschütten und verkaufte Inventar wie Thoraschrein und Öllampen. Einen Teil des Dachaufbaus und die darunterliegende Frauenempore wurde im Zweiten Weltkrieg durch eine Brandbombe zerstört. Die Synagoge geriet in Vergessenheit. Eindringendes Regenwasser und die jahrelange Vernachlässigung führten zur Einsturzgefährdung. Die FH Wiesbaden stellte 2003 die besondere Denkmalwürdigkeit fest. Ermutigt vom Landesdenkmalamt und mit der Zusage eines größtmöglichen Fördersatzes für die Renovierung und der finanziellen Unterstützung der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz, erwarb die Gemeinde Bruttig-Fankel 2005 das Gebäude. Leider konnten die finanziellen Zusagen des Denkmalamtes, bedingt durch zwischenzeitliche Änderungen der Richtlinien, nicht komplett eingehalten werden. Viele unentgeltliche Eigenleistungen freiwilliger Helfer gewährleisteten, dass der jeweilige finanzielle Eigenanteil der Gemeinde aufgebracht werden konnte. So wurde die Synagoge vor dem endgültigen Verfall gerettet und erhält im alten Charakter eine neue Funktion als kultureller Treffpunkt. Stolz ist die Ortsgemeinde auf die Anerkennung ihres Einsatzes für dieses Zeugnis der Vergangenheit durch Überlebende des Holocaust und ihre Nachfahren, die nach Bruttig-Fankel kommen, um nach Spuren ihrer Vorfahren zu suchen. In seiner Begrüßung und der Vorstellung des Projektes erläuterte Ortsbürgermeister Manfred Ostermann die Möglichkeiten, die das Kulturhaus als Anschauungs-, Lehr- und Lernprojekt in Religions-, Kultur- und Bevölkerungsgeschichte für Schüler und Schülerinnen des Landkreises bietet. Auch Lesungen, kleine Konzerte, Ausstellungen und Vereinsarbeit sollen dort stattfinden. Die ehemalige Synagoge soll in das europäische Forschungsprojekt „ehemalige Synagogen und Mikwen“ aufgenommen werden. Auch wenn es in Bruttig-Fankel keine Bewohner mit jüdischem Glauben gibt, möchte die Gemeinde doch mit anderen jüdischen Gemeinden Kontakte und Freundschaften knüpfen und erweitern. Mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Düsseldorf stehen sie seit 2007 in Verbindung. Es war selbstverständlich, dass in diesem Gebäude mit der beeindruckenden Geschichte, zur Einweihung auch Segensworte aus der jüdischen Liturgie gesprochen wurden, berührend vorgetragen von Frau Malka. Als Ausdruck der Stimmung, die gegenwärtig unter jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Deutschland herrscht, wollte sie aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden. Das stimmt nachdenklich, macht traurig und betroffen. Auch die anwesenden Politiker wie Verbandsbürgermeister Helmut Probst, Landrat Manfred Schnur und die Staatssekretärin Heike Raab, beschäftigten sich in ihren Grußreden mit der Auseinandersetzung deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Helmut Probst bezeichnete das Haus als „Denkmal gegen das Vergessen“ und als einen „Ort interkultureller Begegnung“. Heike Raab, die Grüße von Ministerpräsidentin Malu Dreyer ausrichtete, betonte, dass die jüdische Kultur eine große Rolle in Rheinland-Pfalz spielt. Für Landrat Manfred Schnur ist, 70 Jahre nach Kriegsende, die kulturelle Erziehung gegen Barbarei und Gewalt wichtig. Die Einsegnung übernahm Pfarrer Norbert Reichel. Der Jazzmusiker Dirko Juchem begleitete die Feierstunde mit eigenen Flötenkompositionen. Im Anschluss hatte die Gäste die Gelegenheit zur Besichtigung und einem gemütlichen Beisammensein. Kürzlich fand am gleichen Ort eine Infoveranstaltung statt, um einen Förderverein zu gründen. Denn nur dadurch können zukünftig Aufgaben, Möglichkeiten und der Erhalt des historischen Gebäudes als „Haus der Kultur“ gewährleistet werden. Mitglieder/innen werden noch gesucht.
Auch der Kultur- und Heimatverein Niederzissen rettete eine Synagoge vor dem Verfall und überreichte für das „Haus der Kultur“ eine Kerze.
