Franz Kafka im Cochemer Hotel Germania
Letzte Lesung über Kafka
Cochem. Der Abend hatte „Franz Kafka und die Wirrnis unserer Zeit“ zum Thema. Eingeleitet und moderiert von dem Publizisten Wasmut Reyer aus Bad Hersfeld, Gründungsmitglied der Politisch-Philosophischen Akademie Sankt Aldegund, trug zunächst der Philosophieprofessor im Ruhestand Bernhard Taureck vor, der ebenfalls Gründungsmitglied der Akademie ist. Sein Thema galt Franz Kafkas Roman "Der Prozess".
Der Vortrag stellte zunächst die Person Kafkas als extrem einsamen Menschen vor, der von einem starken Drang des Schreibens getrieben wurde. Danach ging es um die Figur des Josef K., welcher im Roman von einem obskuren Gericht verfolgt und schließlich ohne Klärung irgendeiner Schuld standrechtlich getötet wird. Im Anschluss wurde aufgezeigt, dass Kafka Prozess und Gericht als pseudogerechte Organisation darstellt. Gericht und Prozess verstellen das Gesetz. Kafkas Roman setzt hier eine alte Tradition der Opposition von Gericht und Gesetz fort. Sie beginnt bei Sokrates. Kafka kennt nachweislich auch die jüdische Kabbala und ihre Rede von einer uns Menschen verborgenen, jedoch nicht verschlossenen Gottheit. Kafkas Darstellung des pseudogerechten Gerichtes findet derzeit, wie Taureck betonte, eine etwas unheimliche Anwendung auf jenes Imperium der geheimen Totalüberwachungen, die zynisch als individuelle Bedrohungen im Namen der allgemeinen Sicherheit verkauft werden. Der Vortrag zeigte am Ende am Beispiel von Kafkas erstem Roman „Der Verschollene“ auf, dass Kafka nicht bei einer allgemeinen Aussichtslosigkeit stehen bleibt. Es gibt am Ende eine Verheißung, dass alle Menschen den verdienten Erfolg haben sollen und werden.
Tagungen, Lesungen und Diskussionsabende
Die Politisch-Philosophische Akademie Sankt Aldegund hat sich zum Ziel gesetzt, Bedingungen für eine Gesellschaft zu beschreiben, die für alle akzeptierbar ist und die künftig fortsetzbar bleibt. Zu diesem Zweck veranstaltet sie zweimal im Jahre international besetzte wissenschaftliche Tagungen in Sankt Aldegund. Daneben finden mehrfach im Jahr öffentliche Vortrags-, Lese- und Diskussionsabende der Akademie statt.
Da die FAZ der Stadt Cochem extrem unvorteilhafte Kulturzensuren ausgestellt hatte, traf es sich günstig, am 3. 9. im Hotel Germania ein durchaus anderes als ein lediglich touristisches Cochem vorzustellen. Das Thema des Abends sollte die verdüsterte politisch-soziale Welt in ihrer Gewalttätigkeit verdeutlichen, die jedoch nicht in Aussichtslosigkeit mündet.
Emotionale Erzählung
Nach einer Pause wurde eine sowohl intellektuell als auch emotional intensive Erzählung über Kafka vorgelesen. Sie waren auf den Verfasser per Zufall gestoßen, der jedoch darum bat, anonym zu bleiben. Die Erzählung geht von der Fiktion aus, dass Kafka 1924 nur zum Schein gestorben war. In Wirklichkeit nahm er eine andere Identität an und versuchte verzweifelt und vergeblich, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Als er nach dessen Ende sich wieder zu Kafka zurückverwandelte, wurde er ermordet. Motiv: Das Ansehen großer Schriftsteller dürfe nicht missbraucht werden. Die Diskussion war sehr fruchtbar.
