Johanna-Loewenherz-Stiftung richtete Benefizveranstaltung in Neuwied aus
Was bedeutet „radikal Leben“?
Dr. Rubert Neudeck und Django Reinhardt gratulierten zu 30 Jahren Solwodi
Neuwied. Unter der Überschrift „Radikal Leben – was machen wir mit unseren Ressourcen“ richtete die Johanna-Loewenherz-Stiftung eine Benefizveranstaltung für Solwodi (SOLidarity with WOmen in Distress) aus. Solwodi Gründerin Schwester Dr. Lea Ackermann hatte sich die Festveranstaltung in Neuwied gewünscht. „Und wer sie kennt, weiß, dass sie bekommt, was sie sich wünscht“, verriet Landrat Rainer Kaul, gleichzeitig Stiftungsvorsitzender, zur Begrüßung. Dr. Lea Ackermann war 1993 von der Johanna-Loewenherz-Stiftung geehrt worden. Im Publikum, im vollbesetzten Schlosstheater, befanden sich zahlreiche weitere Preisträgerinnen. „Dass wir das Jubiläumsfest hier in Neuwied organisieren dürfen, zeigt die Verbundenheit der Preisträgerinnen mit unserer Johanna-Loewenherz-Stiftung und trägt dazu bei, dass die 1984 nahezu völlig unbekannte Frau mit einem Loewenherz heute über die Kreisgrenzen hinaus bekannt wird und damit Vorbild für uns alle sein kann“, erklärte Landrat Rainer Kaul. Über das Thema „Radikal Leben – was machen wir mit unseren Ressourcen“ sprachen Lea Ackermann und Dr. Rupert Neudeck. Der Journalist wurde bekannt, als er mit Unterstützung von Heinrich Böll die Initiative „Ein Schiff für Vietnam“ gründete und wenig später mit der Cap Anamur Tausende Vietnamesen vor dem Ertrinken rettete. 2003 war Rupert Neudeck Mitbegründer des internationalen Friedenskorps Grünhelme. Natürlich spielte das aktuelle Thema Flüchtlinge an diesem Abend eine Rolle. Rainer Kaul, Präsident des DRK Rheinland-Pfalz, berichtete von der unglaublichen Hilfsbereitschaft der Menschen. Er warnte aber gleichzeitig davor, dass die Ehrenamtlichen des DRK in den Aufnahmezentren an den Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit sind. Dass die Deutschen helfen, wie kein anderes Volk in Europa führt Rupert Neudeck auf die Geschichte zurück: „Wir haben uns 1945 geschworen, in humanitären Krisen von niemanden übertroffen zu werden“. Rupert Neudeck erinnerte an Vietnam, die Aufnahme zigtausender muslemischer Bosnier und appellierte an seine Landleute, nicht nachzulassen.
„Radikal Leben“, das ist der Titel von Rupert Neudecks neuem Buch. Der Inhalt hat es Lea Ackermann angetan: „Ich bin begeistert“. Von Moderator Christina Lindner gefragt, was radikal leben für sie bedeutet, erklärte Lea Ackermann. „An die Wurzeln zurückgehen. Egal welche Religion, wir sind alles Gläubige. Gott hat den Menschen Gaben und Fähigkeiten gegeben. Jeder Mensch muss die Chance bekommen, daraus etwas zu tun“.
Lea Ackermann setzt sich für andere ein
Lea Ackermann berichtete von ihrer Tätigkeit als Missionarsschwester in Kenia und die Anfänge von Solwodi. Zwischenzeitlich hat sie vielen ehemaligen Prostituierten eine Perspektive gegeben. In Kenia gibt es 34 Beratungsstellen. Zu einer wahren Erfolgsstory entwickelten sich die mittlerweile 40 Frauen Fußball Vereine. Das Mitmachen ist mit einem Schulbesuch oder einer Ausbildung verknüpft. Lea Ackermann kämpft auch gegen die Prostitution hierzulande. „Das ist die letzte Bastion einer patriarchischen Gesellschaft. Deutschland ist das Bordell Europas“, klagte sie an. Ihrer Ansicht nach muss die Prostitution wie in Schweden unter Strafe gestellt werden. Drakonische Strafen bedürfe es nicht, um zum Nachdenken anzuregen. Lea Ackermann kritisiert, dass es stattdessen in eine andere Richtung geht. Bordellbetreiber hätten sich in Lobbyverbänden zusammen getan, um die Bundesregierung bei der Gesetzgebung zu beraten. „Für Solwodi und Lea Ackermann unterschreibe ich blind jede Aufforderung zur Spende“, drückte Rupert Neudeck seinen Respekt aus. Organisationen und Verbände zu gründen, sei die Kraft einer freien Gesellschaft. Leider seien sich viele Menschen dem Privileg in einer freien Gesellschaft zu leben nicht bewusst. Mit List, Mut und Tücke sei es möglich, Dinge zu tun, die in anderen Gesellschaftsformen nicht möglich sind. So sei es damals mit der Cap Anamur gewesen. Rubert Neudeck warnte vor der „Vergeblichkeitsfalle“. Bedeutet: Ein Problem nicht anzugehen und vor dessen Größe zurückzuschrecken. Natürlich könne niemand den Millionen Flüchtlingen helfen. Aber wenn jeder denen vor der eigenen Haustüre hilft, wird die Bewältigung des Großen ebenfalls gelingen.
Die Anfänge der Johanna-Loewenherz-Stiftung
Nicht jeder Besucher kannte die Johanna-Loewenherz-Stiftung. Der Landrat berichtete von den Anfängen. Johanna Loewenherz kam als Tochter aus gutem Haus zur Welt und hätte durchaus ein bequemeres Leben führen können. Bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen, lebte sie ein ganz und gar unkonventionelles Leben: Sie lebte als alleinerziehende Mutter in dem kleinen Dorf Rheinbrohl. Sie war als Tochter aus bürgerlich-gut situiertem Hause in der sozialdemokratischen Partei engagiert und trat als Feministin für das Frauenwahlrecht und das Recht auf Bildung ein. Als Literatin verfasste sie hochpolitische Schriften. Genauso unkonventionell wie ihr Leben war ihr Testament. Unter einer Auflage bestimmte sie den Landkreis zum Haupterben. Der Landkreis sollte eine wohltätige Stiftung mit einem Erholungsheim für Frauen, die sich in irgendeiner Weise um die Frauensache verdient gemacht haben, einrichten. Wörtlich heißt es im Testament: „Es wird keinerlei religiöser oder politischer Unterschied gemacht. Wissenschaftliche, künstlerische, literarische Hochleistungen, mutvolle Kampfstellung gegen Unrecht, welches den Frauen als solchen angetan wurde und angetan werden soll, entscheiden, welche Frau ein Anrecht darauf hat, im Haus Hauptstraße 2 eine Zeit der Erholung zu verleben“. Ihr Testament schrieb Johanna Loewenherz im April 1937. Nur einen Monat später verstarb sie. Auch wenn sie die brennenden Synagogen nicht mehr erleben musste, waren die Zeichen der bevorstehenden Katastrophe deutlich: Ihr Sohn war flüchtig gemeldet und verstarb mit 33 Jahren. Die Beerdigung war als politisch unbedenklich eingestuft, sie selbst wurde in Schutzhaft genommen und stand danach unter politischer Beobachtung. Weil Johanna Loewenherz jüdischer Abstammung war, durfte der Landkreis das Erbe nicht annehmen. Erst 1984 wurde es wiederentdeckt und umgesetzt. Die Errichtung eines Erholungsheims war nicht mehr realisierbar aber der Landkreis gründete aus dem Verkauf des Hauses eine gemeinnützige Stiftung. „Heute können wir mit Stolz sagen, dass der kleine Landkreis Neuwied über die einzige kommunale Frauenstiftung in Rheinland-Pfalz verfügt und 14 Mal die besonderen sozialen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistungen, meist von jungen Frauen, durch ein sogenanntes Stipendium unterstützen konnte“, berichtete Landrat Rainer Kaul.
Rupert Neudeck erlangte durch die Rettung Tausender Vietnamesen durch die Cap Anamur Bekanntheit.
„Radikal leben - was machen wir mit unseren Ressourcen“ - darüber diskutierten Lea Ackermann und Rupert Neudeck.
Moderator Christian Lindner begrüßte Landrat Rainer Kaul, Lea Ackermann, Rupert Neudeck und Doris Eyl-Müller (Kreisverwaltung). Fotos: FF
Django Reinhard untermalte die Benefizveranstaltung musikalisch.
