Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ im Neuwieder Schlosstheater
„Wenn Krüge werden zerschlagen, dann zeugen Töchter ihren Müttern nicht“
Die neue Spielzeit hat begonnen – Lust auf Theater – weitere Aufführungen bis zum 22. September
Neuwied. Wer kennt ihn nicht, den Dorfrichter Adam, der in Kleists „Der zerbrochene Krug“ über sich selbst zu Gericht sitzen muss, sich windet und versucht, der Entdeckung zu entgehen? Die Geschichte ist bekannt und bildet, wie Heinrich Spoerl an anderer Stelle bemerkt „das traditionelle Aufsatzthema der Oberprima“. Die Premiere am Beginn der neuen Spielzeit am Schlosstheater in Neuwied war also nicht wirklich überraschend. Aber gerade das machte den Abend sehr angenehm. Das Bühnenbild war stimmig, die Kostüme zeitgemäß, und es gab keine Transformationen hin zu moderne Interpretationen. Das hat diese Geschichte auch nicht nötig, denn sie ist klassisch und zugeschnitten auf eine Zeit, in der Lehrer und Pfarrer – um wieviel mehr Richter! – Respektspersonen und die Obrigkeit darstellten.
Die Schauspieler haben allerdings schon eine gewisse Freiheit, den Charakter der Figuren darzustellen, und in der gelungenen Inszenierung von Horst Gurski taten sie das auch. Till Brinkmann spielte großartig den schlampigen und korrupten Dorfrichter, der dem plötzlich auftauchenden Gerichtsrat Walter in der stattlichen Erscheinung von Matthias Kniel und dem übertrieben unterwürfigen Schreiber Licht (herrlich gespielt von Karl-Heinz Dickmann) buchstäblich „die Hucke volllügt“. Lustig der Büttel (Matthias Brust) mit seinem Glöckchen, tragisch und süß die beiden jungen Liebenden Eve (Cheryl Angelika Baulig) und Ruprecht (David Imper) und klassisch Frau Marthe Rull (Juliane Ledwoch), die die Zerstörung des Kruges beklagt und zum guten Schluss sogar mit dem Gerichtsrat flirtet. Tolle Inszenierung und Glückwunsch dem Bühnenausstatter Christian Baumgärtel, hier stimmte alles!
Es war ein schönes Stück Theater, es wurde professionell aufgeführt und hat trotz seines Alters nichts an Aktualität verloren, denn Korruption und Vorteilsnahme im Amt gibt es auch in der heutigen Zeit noch. Wer jetzt Lust bekommen hat, einmal dieses schöne kleine Theater zu besuchen, kann den „Zerbrochenen Krug“ noch bis zum 22. September sehen, täglich jeweils um 20 Uhr. Informationen und Karten gibt es im Schlosstheater Neuwied, Tel 02631 / 22288 oder unter www.schlosstheater-neuwied.de.
Frau Brigitte (Dagmar von Kurmin) bringt Licht in das Dunkel.
