Junge Bühne Lahnstein begeistert mit Echtzeit-Stück
Countdown zum Weltuntergang: „60 Minuten“ feierte Premiere
aus Koblenz
Lahnstein. Es ist schon besonders, wenn ein Theaterabend mit einem jugendlichen Amateurensemble das Publikum so unmittelbar mitnimmt. „60 Minuten“ hat das geschafft.
Die neueste Produktion der Jungen Bühne Lahnstein feierte am Wochenende Premiere – in Echtzeit.
Das heißt: Was auf der Bühne passiert, bildet genau die Zeit ab, die auch im Zuschauerraum verstreicht. Und das verlangt verflixt gutes Timing.
Die Ausgangssituation erinnert an den „Breakfast Club“, jenen Kultfilm der 1980er-Jahre, der einen Haufen Teenager mit sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergründen in der Schule nachsitzen lässt. Das Personal in „60 Minuten“ ist etwas größer: zwei Klimaaktivistinnen, eine Sportskanone mit losem Mundwerk, eine schüchterne Gutmensch-in, eine Kratzbürste ohne Freunde, ein It-Girl, ein Alpha, ein Nerd, ein Freak. Doch das Szenario in der Aula des Johannes-Gymnasiums bildet mehr ab als eine Sozialstudie.
Die Charaktere haben gegen diverse Regeln verstoßen und sollen an einem Konfliktlösungsseminar teilnehmen, als der Konflikt der politischen Großmächte plötzlich zu eskalieren droht. Mit dem Finger am Knopf, der die erste Bombe zündet, beginnt ein Countdown, der die Rest-Lebenszeit auf mickrige 60 Minuten zusammenstreicht. Keine Zeit mehr zum Träumen, für tiefe Gedanken und große Dinge? Eben genau nicht. In der Reduktion der Möglichkeiten verdichtet sich das Wesentliche. Und die Frage „Was würdest du tun?“ gibt nicht nur auf der Bühne zu denken.
Ein düsterer Stoff, der zuweilen überraschend humorvoll daherkommt. Das liegt nicht zuletzt an den authentischen Dialogen der Darstellerinnen und Darsteller. Zeitgeistreiche Wortgefechte sorgen immer wieder für Lacher im Publikum, bevor der nächste Alarm die Nackenhaare aufrichtet.
Dass die Dialoge so glaubwürdig wirken, hat einen einfachen Grund: Regisseurin und Intendantin Corinna Schmitz hat das Stück gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Es wird in zwei verschiedenen Besetzungen gespielt, die sich genau deswegen auch in Teilen unterscheiden. „Die Jugendlichen haben eigene Ideen eingebracht, einen Teil der eigenen Persönlichkeit in die jeweilige Rolle gelegt“, erklärt sie. So erzählen sie von Träumen und Plänen, die vielleicht nie mehr Wirklichkeit werden, und von den Ängsten der Gegenwart: der unsicheren politischen Lage, der Gefährdung des Friedens, die großen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, weder in der Fiktion noch in der Realität.
Am Ende gipfeln alle Wenns und Abers im Ergreifen einer Chance: der erste und vielleicht letzte Song (oder, je nach Besetzung, Tanz) vor Publikum, dann das Aus – ein echter Gänsehautmoment. Ob die Welt wirklich untergeht, bleibt ungewiss.
Ganz gewiss aber ist’s eine große Leistung der jungen Akteurinnen und Akteure, die mit Standing Ovations belohnt werden. Eine glückliche Regisseurin richtet das Schlusswort direkt ans Publikum: „Das war bislang unsere herausforderndste Produktion“, sagt Corinna Schmitz. „Ich bin superstolz auf dieses Ensemble, das über sich selbst hinausgewachsen ist.“
Weitere Vorstellungen werden am Freitag und Samstag, 25. und 26. September, gespielt. Karten gibt es über Ticket Regional und an der Abendkasse.
Das Ensemble: Charlotte Ackermann, Anne Berres, Ricci Cetto, Linus Eberle, Cleo Firnkes, Nele Emma Flemming, Jette Gabelmann, Jonathan Grengel, Sophia Klossok, Pauline Müller, Tom Neuhaus, Benjamin Schmitz, Luna Schmitz, Carl Thiesen
Gastrolle: Milena Ludwig
Regie: Corinna Schmitz
Technik: Luca Gensmann
Michaela Cetto
Die Jugendlichen haben den Snack-Automaten aufgebrochen und teilen die Lebensmittel ein. Foto: Michaela Cetto
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Das Handynetz bricht zusammen – doch das ist erst der Anfang. Im Hintergrund tickt die Uhr – für die Figuren und für die Darsteller. Denn jede Szene muss auf die Sekunde genau passen. Foto: Michaela Cetto