Allgemeine Berichte | 23.12.2013

Sozial engagierte Koblenzer Karateka gewinnen deutsche Meisterschaft

Kämpfer für benachteiligte Jugendliche

„Tagewerk Familienhilfe“ setzt sich im Auftrag der kommunalen Jugendämter für die benachteiligten Jugendlichen der Region ein

V.l.: Roman Weber, Zhelyazko Zhelev, Marc Kuntz, Server Purtov. privat

Koblenz. Das Kyokushin-Karate ist die wohl härteste Stilart des Karate, die als Kampfsport betrieben wird: Bei Wettkämpfen müssen die Teilnehmer ohne Schutzvorrichtungen mehrere Vollkontakt-Kämpfe an einem Abend bestehen, lediglich Zahnschutz und Tiefschutz sind erlaubt. Zhelyazko Zhelev praktiziert und lebt das Kyokushin-Karate seit 25 Jahren und trägt mittlerweile den 2. Dan (Nidan). Als Wettkämpfer konnte er in jüngeren Jahren mehrfach die bulgarische Meisterschaft gewinnen und gute Platzierungen bei internationalen Wettkämpfen erzielen. Im Auftrag des allgemeinen Hochschulsports der Koblenzer Hochschulen trainiert Zhelev seit seinem eigenen Magister-Studium an der Universität Koblenz eine Hochschulsportgruppe im Kyokushin-Karate, die seit einigen Jahren auch mit zunehmendem Erfolg an Wettkämpfen teilnimmt und im vergangenen Jahr mit Wolfram Remmers erstmalig einen deutschen Meister stellte.

Bei der diesjährigen offenen deutschen Meisterschaft im Kyokushin-Karate, die in Sprockhövel bei Essen stattfand, trug die sportliche Aufbauarbeit der vergangenen Jahre prächtige Früchte:

Zhelyazko Zhelev selbst hatte sich nach einer Verletzungspause gut auf die Meisterschaft vorbereitet und ließ seinen Gegnern keine Chance, so dass ihm der Titel des Deutschen Meisters der Profi-Kämpfer bis 70 kg nicht zu nehmen war. Marc Kuntz, seit drei Jahren Schüler von Zhelev, erkämpfte sich den Titel des deutschen Meisters in der Anfängerklasse bis 80 kg. Roman Weber, seit fünf Jahren Schüler von Zhelev, gewann den dritten Platz in der Anfängerklasse bis 70 kg.

Server Purtov, seit über sieben Jahren Schüler von Zhelev, musste sich in der sehr stark besetzten Profi-Klasse bis 80 kg nur einem international sehr erfolgreichen Teilnehmer aus Holland nach Punkten geschlagen geben und erkämpfte sich den dritten Platz in diese Kategorie. Sein Kämpferherz hilft Zhelyazko Zhelev in seiner Tätigkeit als Sozialarbeiter sehr, so dass er vor einigen Jahren mit seinem Geschäftspartner Dirk Busch das Sozialunternehmen „Tagewerk Familienhilfe“ gegründet hat, um seine eigenen pädagogischen Vorstellungen umzusetzen. Das pädagogische Konzept von „Tagewerk“ inkorporiert die Ansätze der systemischen Beratung, der konfrontativen Pädagogik, der geschlechtsbezogenen Jungenarbeit und der interkulturellen Kompetenz. Zhelevs Erkenntnisse aus 25 Jahren als Karateka, Wettkämpfer und Trainer finden sich insbesondere in den Punkten der konfrontativen Pädagogik und der geschlechtsbezogenen Jungenarbeit. Den Ansatz der konfrontativen Pädagogik fasst Zhelev mit den Worten „Klare Kante mit Herz“ und „Akzeptanz plus Konfrontation gleich Entwicklung“ zusammen. Konfrontation ist dabei nicht mit Streit gleichzusetzen. Allerdings ist es pädagogisch nicht sinnvoll, Konflikten auszuweichen und Regelverstöße und dissoziales Verhalten hinzunehmen. Stattdessen wird ein junger Mensch auf der Basis einer Beziehung, die von persönlicher Wertschätzung und grundsätzlicher Akzeptanz geprägt ist, auf seinen eigenen Anteil und seine Verantwortung an den Entwicklungen in seinem Leben und damit auch auf die Möglichkeit für Veränderungen aufmerksam gemacht und bei der Erkennung und Umsetzung dieser Möglichkeiten unterstützt. „Wenn Konflikte konstruktiv ausgetragen und vollständig bereinigt werden, bleiben keine Ressentiments zurück und wird die persönliche Beziehung gestärkt“, ist sich Zhelev sicher. Dabei verweist er auf die Wettkämpfe im Kyokushin-Karate, bei denen die große kämpferische Härte und der stets zu beobachtende gegenseitige Respekt zwischen allen Beteiligten nicht etwa im Gegensatz zu einander stehen, sondern sich im Gegenteil wechselseitig bedingen: „Auf der Matte wird alles ausgetragen. Oft respektiert man sich danach mehr als vorher.“ Außerdem beobachten Zhelev und Busch schon seit Längerem, dass es Jungs und junge Männer heutzutage nicht leicht haben, weil ihre typischen Eigenarten oft pathologisiert werden.

„Jungs sind Jungs“, so Zhelev. Sie haben insbesondere mit dem Herannahen der Pubertät ein Bedürfnis nach Bewegung und Aktivität und wollen sich mit anderen vergleichen und messen. Diesen Bedürfnissen wird in Schule und Gesellschaft nicht genug Rechnung getragen und Jungs werden oft „wie defekte Mädchen“ behandelt, wie Zhelev und Busch einer These des Erfolgsautors Leon de Winter explizit zustimmen.

Diese Problematik wird verschärft, wenn Jungs keine männlichen Bezugspersonen haben, die ihnen am eigenen Beispiel vorleben, wie sie ihre Männlichkeit positiv und realistisch leben können. Leider ist dies bei immer mehr Jungs der Fall. In der geschlechtsbezogenen Jungenarbeit unterstützen männliche pädagogische Fachkräfte junge Menschen männlichen Geschlechts bei der Entwicklung eines reflektierten und positiven Männlichkeitsverständnisses, auf dessen Basis sie wertschätzend mit sich selbst sowie mit anderen Männern und mit Frauen umgehen können. Auch hier setzt Karateka Zhelev seine Kampfkunst gewinnbringend ein und nimmt geeignete Kandidaten zum Karatetraining mit. „Hier können die Jungs sich auspowern und ihre Aggressionen kanalisieren. Sie lernen, wie man sich in einem festen Regelsystem miteinander misst. Sie lernen, dass man gleichzeitig ein Kämpfer sein und mit anderen Menschen gesittet und zivilisiert umgehen kann. Außerdem lernen sie, was für bestimmte Jungs sehr heilsam ist, dass sie nicht die größten und stärksten sind.“

V.l.: Roman Weber, Zhelyazko Zhelev, Marc Kuntz, Server Purtov. Foto: privat

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